Unter Trümmern

Die evangelische Kirche sucht nach Lösungen für die Kirchtürme aus Rothbach und Radeln

Donnerstag, 25. Februar 2016

Ein Luftbild zeigt das Ausmaß des Schadens in Rothbach. Foto: Christian Chelu, www.honigberger.com

Die Kirchenburg in Radeln Foto: evang.ro/Bichler

Rothbach am 20. Februar, ohne Kirchturm Foto: evang.ro/Schuller

Auf der Pressekonferenz am 22. Februar v.l.n.r Stefan Bichler, Referent für Öffentlichkeitsarbeit, Dr. Daniel Zikeli, Emil Crişan, Ortwin Hellmann Foto: Elise Wilk

Der Kirchturm, ein Wahrzeichen Rothbachs, ist nun eine Erinnerung Foto: Mapio.net

Sonntag, der 14 Februar 2016, 17 Uhr. Im kleinen Dorf Radeln, 17 km von Reps entfernt, stürzt ein Mauerstück an der Nordwestseite des evangelischen Kirchturms ein. Am nächsten Tag verbreitet sich die Nachricht auf den sozialen Netzwerken. Es werden vor allem Fotos gepostet, die das Unheil zeigen. Auf ihnen kann man die große Öffnung an der Turmwand sehen. Vom Weiten sieht der Riss wie eine Wunde aus. Wenige Tage nach dem traurigen Vorfall treffen Vertreter der Evangelischen Kirche, des Kronstädter Kulturamtes und Experten zusammen, es werden Vorschläge für erste Dringlichkeitsmaßnahmen erarbeitet.

Freitag, der 19. Februar 2016, kurz nach 21 Uhr. Die Kirchturmuhr in Rothbach schlägt zwei Mal. Dann bricht der fast 60 Meter hohe Kirchturm zusammen. Ein Viertel der evangelischen Kirche samt Glocken und Orgel liegen binnen weniger Sekunden unter Schutt und Trümmern. Der Turm, der Jahrhunderte lang das Wahrzeichen von Rothbach war, ist verschwunden. Die Einheimischen beschuldigen die evangelische Kirche, sich nicht um die Renovierung gekümmert zu haben. „Ein Teil des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes wurde durch Ignoranz zerstört“, schreiben die Medien.
Zwei Tragödien haben sich innerhalb von nur fünf Tagen ereignet. Es ist, wie jemand auf Facebook schreibt, ein Zeichen, dass man aufwachen muss. Es ist weniger wichtig, wer die Schuld für diese traurigen Vorfälle trägt. Jetzt gilt es vor allem, nach Lösungen für die beiden betroffenen Kirchenburgen zu suchen. Zur gleichen Zeit muss man vermeiden, dass derartige Tragödien weiterhin geschehen.

In einer Pressekonferenz, die am Montag, dem 22. Februar stattfand, wurde die Position der evangelischen Kirche und der aktuelle Stand der Dinge bekanntgegeben. Man hat versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben: Können die beiden Kirchenburgen noch gerettet werden? Daran nahmen Bischofsvikar und Dechant des Kronstädter Evangelischen Kirchenbezirkes Dr. Daniel Zikeli, der Kronstädter Bezirkskirchenkurator Ortwin Hellmann und der Architekt Emil Crişan von der Bauabteilung des Landeskonsistoriums Hermannstadt teil. Anwesend waren auch die evangelischen Pfarrer Uwe Seidner und Andreas Hartig.

Man versucht, die Orgel aus Rothbach zu retten

Die Situation des Turms in Radeln war allgemein bekannt, meinen die Vertreter der Evangelischen Kirche. Die Risse in der Mauer waren sichtbar. Was in Rothbach passiert ist, sei jedoch „überraschend“. Nichts deutete auf eine akute Einsturzgefahr, obwohl die Schieflage des Turmes seit Jahren bekannt war. Eine mögliche Ursache des Einsturzes in Rothbach könnte der dichte Verkehr auf der Nationalstraße 1 sein, die täglich von starken LKWs befahren ist. Die wenige Meter von der Straße entfernten Ringmauern der Kirchenburg werden Tag für Tag Erschütterungen ausgesetzt. Trotzdem seien die möglichen Gründe für den Einsturz des Turms in Rothbach, die momentan in den Medien verbreitet werden, nur Spekulationen, meint Architekt Crişan.

„Seit ein paar Tagen versucht ein Experten-Team, die Gründe für den Einsturz der Türme zu klären und eine Lösung zu finden. Sobald wir das Ergebnis der Experten erhalten, werden wir es veröffentlichen. Bis dahin kann man über die Gründe nur spekulieren“. Ebenfalls sei die Aussage, dass die Orgel aus Rothbach „komplett zerstört“ wäre, falsch, sagte Ortwin Hellmann. „Vielleicht kann man sie reparieren. Dass die Orgel unter Trümmern liegt bedeutet nicht, dass man sie nicht retten kann“. Was noch von der Orgel geblieben ist, wird nach Honigberg überführt. Dort werden die Fachleute versuchen zu retten, was noch gerettet werden kann. In Radeln haben die Maßnahmen für die Evakuierung der Orgel durch die Fachleute der Orgelwerkstatt aus Honigberg schon begonnen. Sie wird in die Schwarze Kirche nach Kronstadt gebracht, wo sie in Sicherheit sein wird.

Die Vertreter der Schwarzen Kirche kamen auch mit einer guten Nachricht: für Radeln gibt es Hoffnung. Man hat eine Baufirma aus Oderhellen gefunden, die bereit ist, die  Sanierungsarbeiten sofort zu übernehmen.  „Es sind komplizierte Arbeiten, die jederzeit Menschenleben in Gefahr bringen können. Die Sicherheit am Arbeitsplatz ist am wichtigsten, deshalb müssen zuerst dringend Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Als erstes muss der Schutt, der sich durch den Einsturz gesammelt hat, entfernt werden. Die Nordseite des Turmes soll mit Stützen aus Holz gesichert werden. Danach sollte die entstandene Öffnung an der Turmwand durch eine künstliche Plane abgedeckt werden. Mit Hilfe eines Krans sollen drei der insgesamt vier Glocken geborgen werden. Erst danach können die Restaurierungsarbeiten beginnen“, meint Crişan. Die Sicherungsarbeiten müssen sofort starten und im Monat März durchgeführt werden. „Sonst wird auch der Rest einstürzen“.

„Es bleibt das Geldproblem“

Falls Geld vorhanden sein wird, kann auch in Rothbach ein Wunder geschehen und die Einwohner werden in einigen Jahren stolz auf ihren neuen Kirchturm blicken. Der Weg bis dahin ist aber schwer und lang. „Es besteht die Möglichkeit, den Turm komplett zu restaurieren, auf Basis der existierenden Projekte, aber mit verbesserten Technologien. Hier handelt es sich um Arbeiten, die sich über eine lange Zeit erstrecken werden. Praktisch muss man fast von Null beginnen. Technisch ist es möglich, es bleibt aber das Geldproblem“, meint Emil Crişan. Eine Kostenberechnung ist zum momentanen Zeitpunkt nicht möglich, es handelt sich nach ersten Einschätzungen um einige Millionen Euro. Wer soll jedoch diese Kosten tragen? „Vor der Wende gab es in Rumänien 250.000  evangelische Gemeindemitglieder, jetzt sind es nur noch um die 12.000. Was damals für eine Viertelmillion schwer war, ist für 12.000 Leute noch schwerer. Außerdem ist die siebenbürgisch-sächsische Bevölkerung veraltet und hat kein Potential mehr, um sich finanziell zu engagieren“, meint Ortwin Hellmann. Die Hoffnung liegt in Spenden der in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen und vor allem in Fördermitteln von der Europäischen Union.

Im Falle der Europäischen Gelder kann es jedoch wegen Bürokratie Jahre dauern, bis die Arbeiten beginnen können.
Für die Kirchenburg aus Radeln wurden 300.000 Euro aus Europäischen Geldern beantragt. Der Antrag wurde vom Kulturamt Kronstadt im April 2015 begutachtet. Vorläufig wartet man darauf, dass sich die Finanzierungslinien für die Förderperiode 2014-2020 öffnen. „Die Antrags-Dossiers häufen sich auf unserem Schreibtisch, die Finanzierung steht noch nicht offen“, sagt Bischofsvikar Zikeli. Eine Möglichkeit wäre auch, die Kirchenburgen den politischen Gemeinden zu überlassen, damit diese etwas für ihre Rettung unternehmen können. Die Verhandlungen in dieser Hinsicht des Bürgermeisteramtes Marienburg, zu dem verwaltungsmäßig Rothbach gehört, mit der evangelischen Kirche wurden jedoch nicht zu Ende gebracht. Diese Möglichkeit schließt Bischofsvikar Zikeli nicht aus. „Wir sind nicht unvernünftig. Es ist besser, dass andere die Kirchenburg übernehmen, als dass sie zur Ruine wird“, meint Zikeli. Jedoch ist auch dieser Prozess sehr zeitaufwändig. Falls man das nötige Geld erhält, kann man davon ausgehen, dass die Bauarbeiten in Rothbach im zweiten Teil des Jahres 2017 beginnen könnten.

Spendenkonto für Radeln

Auch vom Kulturministerium wurde Hilfe gefordert. Nächste Woche ist ein Treffen der Vertreter der Kirche mit dem Kulturminister Vlad Alexandrescu geplant. Dieser  gab am Sonntag auf seiner Facebook-Seite bekannt, dass in Kürze ein Dringlichkeitsfonds für Kulturerbe erstellt wird. Aus diesem Fonds wird man Schnellinterventionen finanzieren können. Über 600 historische Gebäude in Rumänien befinden sich laut offiziellen Daten in Einsturzgefahr. In Wirklichkeit könnte diese Zahl viel höher sein.

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Für diejenigen, die den Turm aus Radeln retten wollen, hat die Stiftung Kirchenburgen zusammen mit der Evangelischen Kirche A.B aus Rumänien ein Spendenkonto eröffnet:

Spenden in Lei:

IBAN: RO 49 BTRL EURC RT03 1735 8401
scop: lucrări urgente Roadeş,
beneficiar:Fundaţia Biserici Fortificate

Spenden in Euro:

IBAN: RO 02 BTRL RONC RT03 1735 8401, BIC: BTRLRO22,
scop lucrări urgente Roadeş
Beneficiar: Fundaţia Biserici Fortificate.



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