Unterdrückte Facette des Leids

Deportation der ethnischen Deutschen im Januar 1945 in die Sowjetunion / Im Kaleidoskop von „Renascendis“ (II)

Donnerstag, 16. Januar 2014

Lavinia Betea, Cristina Diac, Florin-Răzvan Mihai, Ilarion Ţiu: „Lungul drum spre nicăieri. Germanii din România deporta]i în URSS“ (Der lange Weg nach Nirgendwo, Deutsche aus Rumänien, deportiert in die UdSSR), Editura Cetatea de Scaun, ISBN 978-606-537-130-9

Die Autoren Cristina Diac und Ilaroin Ţiu bei der Präsentation im Schillerhaus
Foto: George Dumitriu

Mit einer Buchvorstellung und Vorträgen zur „Deportation ethnischer Deutscher aus Siebenbürgen und dem Banat in die UdSSR“ im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ in Bukarest dreht sich das Kaleidoskop des von „Renascendis“ initiierten Veranstaltungszyklus über Kulturerbe und Schicksal der deutschen Minderheit in Rumänien (siehe ADZ vom Dienstag: „Im Kaleidoskop von Renascendis (I). Herausforderungen und Lösungen zur Bewahrung deutscher Kultur in Rumänien) abermals in die Vergangenheit zurück. Mit der Niederlage des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg beginnen 1944-1945 die schicksalhaften Deportationen ethnischer Deutscher aus den Ländern des neuen Einflussbereichs der UdSSR.

Insgesamt 271.672 Personen aus Rumänien, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Bulgarien, Ungarn und Deutschland sollen zur Zwangsarbeit in die Gebiete von Donbas und Ural verschleppt worden sein, um Wiederaufbauarbeiten an der zerstörten Infrastruktur der Sowjetunion zu leisten. Trotz Protesten der Regierung Rădescu wurden ab Januar 1945 etwa 70.000 Sachsen und Schwaben aus Siebenbürgen und dem Banat deportiert. Zur Vorbereitung hatte die Sowjetunion in imperativem Stil von der rumänischen Regierung eine Liste der ethnischen Deutschen sowie 5000 Viehwaggons eingefordert. Entsandt werden sollten Männer zwischen 17 und 45 Jahren sowie Frauen zwischen 18 und 30, ausgenommen waren mit Rumänen verheiratete Frauen, Mönche und Nonnen, Mütter mit Kindern unter einem Jahr und zu körperlicher Arbeit Unfähige. Tatsächlich wurden diese Regeln vielfach gebrochen. Flüchtlinge der Deportationszüge auf dem Weg bis zur rumänischen Grenze wurden durch beliebige Personen, die sich zufällig in den Bahnhöfen aufhielten, ersetzt. Für die russischen Soldaten war bloß wichtig, dass die Zahl der angekündigten Personen stimmte.

Auch die Altersgrenzen wurden immer wieder verletzt: Es gab Fälle, in denen Mädchen oder Jungen schon mit 16 Jahren deportiert wurden. Oder solche, in denen die Eltern anstelle ihrer Kinder mitgenommen wurden. Mit Megafonen rief man in die Wälder und drohte den dort Versteckten, die Alten an ihrer Stelle zu deportieren! Auch landeten manche Rumänen, Ungarn oder Serben wegen eines deutsch klingenden Namens auf den Listen, ohne jeden Bezug zur deutschen Kultur oder Sprache.
Neben historischen Fakten und Daten präsentierten die Vortragenden Cristina Diac und Ilarion Ţiu ihr Resümee aus 41 dokumentierten Fällen, die in dem Buch „Lungul drum spre nicăieri“ (Der lange Weg nach Nirgendwo) ausführlich beschrieben sind. Es handelt sich um deportierte Banater Schwaben, die heute in Altersheimen in Deutschland und Rumänien leben. Trotz der schwierigen Aufgabe, standardisierte Interviews mit den hochbetagten Personen durchzuführen, ergab sich so ein lebendiges Puzzlebild zu Umständen und Folgen der Deportationen. Wertvolles historisches Material, denn viele der Betroffenen haben zu Hause kaum je von ihre Erfahrungen erzählt. Man wollte das Schreckliche so schnell wie möglich vergessen, oder aber die junge Generation interessierte sich nicht dafür. In den Gesprächen wurde auch die Frage behandelt, wem die Betroffenen die Schuld an ihrem Leid zuschrieben oder wie das Thema für folgende Generationen in der Schule aufbereitet werden soll.

Im Viehwaggon nach Nirgendwo

Die Deportation begann mit einem überraschenden Besuch zu Hause. Innerhalb von zwei Stunden sollte die Person auf der Liste – die keine Erklärung erhielt, warum und wofür sie ausgewählt worden war – das Nötigste an Kleidung, Utensilien und Proviant für mehrere Wochen packen und sich in der Dorfschule melden, die daraufhin geschlossen und streng bewacht wurde. Oft war nicht einmal ein Abschied von den nächsten Angehörigen möglich. Vor allem zu Beginn der Deportationen waren die Kandidaten ahnungslos, dachten an einen Einsatz von ein paar Wochen zur Zwangsarbeit im eigenen Land.
Mitten im Winter ging es dann in ungeheizten Viehwaggons in wochen- bis monatelanger Reise in die Sowjetunion. In Jassy/Iaşi, dem letzten großen Bahnhof in Rumänien, dämmerte es dann den meisten... „In der Moldau, an der Grenze, haben sie die Räder gewechselt“, erinnert sich Johann Ferenschütz. „Da sind aus unserem Waggon zwei Jungen geflüchtet.“ Was aber machten die Russen? „Sie hielten erneut in einem Bahnhof nahe bei Jassy. Dort saß ein Bauer mit einem Korb Eier zum Verkauf. Sie packten den Bauern mitsamt den Eiern und steckten ihn zu uns in den Waggon. Der Arme, er konnte nicht mal Deutsch! Ein richtiger Rumäne, mitten unter uns...“, empört sich der Rentner. Auch Alois Weil erinnert sich an einen Zivilisten, der mit einem Brot in der Hand ahnungslos am Bahnsteig stand. Weil beim Zählen vier Leute fehlten, wurde er von den Russen in den Waggon gestoßen: „Der Mann war Jude und schrie laut, er hätte nichts zu suchen bei der Deportation...“.

Erst auf russischem Boden gab es häufigere Stopps, vor allem zum Wasser holen. In den Bahnhöfen blieben die Türen jedoch zu. Waggons wurden rangiert, abgekoppelt, neu formiert, manchmal tagelang zwischengeparkt. Familienmitglieder in verschiedenen Waggons wurden auseinandergerissen.
Dann die ersten Eindrücke zur russischen Landschaft: Leichen auf verschneiten Feldern, steifgefroren. Wenn unterwegs jemand verstarb, wurde er ebenso entsorgt. Wegen der Kälte setzten sich die Menschen in den Waggons dicht aneinander, um nicht zu erfrieren. Die Notdurft wurde in einem Loch im Boden verrichtet. Das mitgebrachte Essen reichte oft nicht bis zur Ankunft, von den Russen gab es nur trockenes Brot. Von Kälte und Hunger bereits erschöpft, mussten am Ziel kilometerlange Fußmärsche bewältigt oder das Lager erst aufgebaut werden. Ein bis zwei Nächte unter freiem Himmel, mitten im russischen Winter...

Das Leben im Lager

Im Lager selbst war das größte Problem mangelnde und schlechte Nahrung bei schwerer körperlicher Arbeit. Zu Essen gab es hauptsächlich dünne Suppen aus Kräutern und mit Luft aufgeschäumtes Brot, gekochten Kohl, selten Fleisch in Form von Innereien. Brot wurde grammweise in Abhängigkeit von der Leistung zugeteilt. Eine der schlimmsten Erinnerungen ist für viele Menschen der Hunger. Vor allem von zu Hause an fleischreiche Nahrung gewöhnte, kräftige Männer hielten nicht lange durch. In den ersten Monaten tauschten viele Deportierte ihre mitgebrachten Kleider gegen Lebensmittel. Der Hunger war schlimmer als die Kälte. Bis zu welchen Temperaturen man im Freien arbeiten musste, war von Lager zu Lager verschieden. Anton Ferenschütz berichtet, erst ab minus 45 Grad durfte man drinnen bleiben; in anderen Lagern waren es minus 23 Grad. Wegen des Frosts war es unmöglich, die Toten richtig zu begraben, erinnert sich letzterer. „Wir legten die Kadaver in Schichten, eine Schicht Menschen, eine Schicht Kalk. Im Frühling, wenn der Schnee schmolz, suchten die Hunde dort herum und fraßen von unseren Toten.“

Die meisten Zwangsarbeiter, egal ob Männer oder Frauen, wurden in Minen eingesetzt, wo sie zum Teil auf Knien und im Wasser mit den Händen nach Kohlen graben mussten. Unfälle waren an der Tagesordnung. Johann Noll berichtet: „Du bist rausgekommen aus dem Bergewerk. Du warst nass, komplett, es gab ja keinen Ort zum Umziehen. Bist ins Lager zurück, mit nassen Kleidern, gefroren.“ Dann, an einem besonders kalten Tag: „Viele sind erfroren, sobald sie rauskamen an die Luft, gefallen und erfroren!“ Andere arbeiteten auf dem Bau oder in Kolchosen, die Frauen oft auch in der Lagerküche.
Die Lager waren von sowjetischen Soldaten bewacht und von Stacheldraht umgeben. Männer und Frauen wohnten in separaten Baracken oder in schlecht geheizten Militärzelten. Weil viele den harten Bedingungen nicht standhielten, schickte man 1946 einen ersten Transport unbrauchbar gewordener Arbeiter nach Hause. So manche überlebten die Reise nicht, andere erholten sich auch zu Hause nicht mehr von ihrer Krankheit. Die ersten drei Jahre waren die schwersten, darin stimmten die meisten Befragten überein. Erst ab 1948 verbesserte sich die Situation in den Lagern deutlich. Die Insassen hatten mehr Freiheiten, kleine Feiern wurden erlaubt oder Ausgang in die nahen Städte. Die Arbeiter bekamen sogar ein wenig Geld und konnten Brot oder Maismehl zukaufen.

Rückkehr

Genauso plötzlich wie die Deportation kam 1949 dann für viele die Rückkehr. Ianoş Krecsmar weiß noch, wie er mitten in der Arbeit gerufen wurde: „Ich komme also aus dem Bergwerk, 50 Meter unter der Erde. Da kommt auf einmal der Offizier, unser Kommandant, und sagt: ‚Schau, der Laster dort ist voll, fertig zur Abfahrt. Nur du fehlst noch! Geh ins Bad, zieh dich um, nimm die wichtigsten Sachen, mach schnell’.“
In einigen Lagern hatte sich das Gerücht bereits seit 1948 herumgesprochen. Freude breitete sich aus: Auf einmal wurden Fotos gemacht, Kleider genäht, Kinder gezeugt! In Rumänien angekommen, warfen Menschen Obst und Lebensmittel in die Züge, wohl wissend, dass sich ausgehungerte Russland-Rückkehrer darin befanden.

Was die Menschen auch nach der Heimkehr am meisten bewegte, war die Frage nach dem Warum. Warum ich? Warum die deutsche Minderheit? Magdalena Maria Geier bekennt: „Bis 1990 konnte uns niemand auf diese Frage klar antworten. Erst dann erfuhr ich, dass die Russen uns verlangt hatten.“ Viele waren in dieser Lage, bis 1990 die Moskauer Archive geöffnet wurden und das Innenministerium Deutschlands sie informierte, Stalin hätte vom rumänischen Staat explizit ethnisch Deutsche verlangt. Die Rumänen wurden nur zur Unterstützung aufgefordert. Auch die Durchführung der Deportation in Rumänien war von KGB- und GRU-Offizieren organisiert worden. Hierfür hatte man die Zielgruppen zuvor akribisch ausgespäht. Einige Opfer sagten im Nachhinein, man hätte die Deportationen vorausahnen können. In Siebenbürgen hatte es zuvor eine Volkszählung gegeben, damit man wusste, mit wie vielen Leuten zu rechnen war. Im Bahnhof von Temeswar/Timişoara hingegen kündigten Züge mit deportierten Deutschen aus anderen Ländern das drohende Unheil an.

Auch Russen sind Menschen

Interessant ist, dass trotz der schlimmen Erfahrungen die Russen von den Deportierten nicht pauschal gehasst wurden. Oft wurde Seite an Seite zu denselben Bedingungen geschuftet, auf zwischenmenschlicher Basis gab es positive Erlebnisse. Alle Interviewten stimmten darin überein, dass sie ohne die russische Bevölkerung, die ihnen Hilfe und Lebensmittel anbot, obwohl sie selbst bettelarm war, nicht überlebt hätten. Auch die russischen Wachsoldaten kamen nicht allzu schlecht weg. Schlagen war verboten und daran hielt man sich. Magdalena Maria Geier erzählt: „Die Bewacher des Lagers und der Kommandant ließen uns nach der Schicht oft raus, damit wir bei den Russen für ein paar Bissen Essen arbeiten konnten. Ich ging zu einer kranken Frau und betreute ihre Kinder und das Haus.“ Wer schnell Russisch lernte, wurde im Lager als Leiter einer Gruppe oder als Dolmetscher eingesetzt.

Kollaterale Traumen

Eine der interessantesten Schlussfolgerungen, die Cristina Diac aus den Schilderungen zog, war jedoch die Erkenntnis, dass die schlimmsten Traumen nicht aus den Deportationen selbst, sondern aus Kollateralschlägen erwuchsen: Das der Mutter, die aus Russland zurückkam und von ihren Kindern nicht mehr anerkannt wurde. Der Vater lebte längst mit einer anderen zusammen, die die Kleinen an ihrer Stelle angenommen hatten. Oder das der jungen Frau, die plötzlich die drei Kinder ihrer deportierten Schwester aufziehen musste. Hinzu kam, dass in all den Jahren der Trennung meist weder die Lagerinsassen noch die Zurückgebliebenen von ihren Ehepartnern und Verwandten hörten. Kehrten sie überhaupt zurück? Waren sie vielleicht längst verstorben? Über dieser Frage und oftmals der Not, alleine kleine Kinder aufziehen zu müssen, kam es zu neuen Bindungen.

Auch in der Ferne fanden sich Menschen zu neuen Paaren zusammen. Als 1948 erste Gerüchte über eine Rückkehr laut wurden, bahnten sich Dramen an. Eine Frau kehrte mit einem Baby in ihr Elternhaus zurück. Der Kindsvater hatte nicht den Mut gehabt, seine Partnerin nach Rumänien zu begleiten und war zu seinen Verwandten nach Ungarn zurückgekehrt. Auch wurden nicht alle Deportierten in die alte Heimat geschickt. Auf Wunsch oder im Interesse der Russen wurden viele in die DDR gesandt.
Einige bekannten, die Wiederanpassung in der Heimat sei schwieriger gewesen als in Russland. Rückkehrer, die noch keinen Wehrdienst geleistet hatten, wurden zur Armee eingezogen. Junge Menschen, die wegen der Deportation die Schule abgebrochen hatten, blieben ohne Ausbildung. Arbeiter wurden in den Bergwerken im Schiltal eingesetzt.

Ausnahmslos einig waren sich alle Überlebenden, das Kapitel Deportation müsse als Aspekt des Zweiten Weltkriegs Eingang in die Geschichtsbücher finden. „In erster Linie, damit solches Unrecht nicht mehr geschieht“, fordert Ignaz Bernhard Fischer, Vorsitzender des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten in Rumänien. Durch authentische und zu Herzen gehende Lebensberichte trägt das vorliegende Buch hervorragend zur Aufklärung dieses tragischen Kapitels der Geschichte bei. Vielleicht relativiert sich damit für ihre Opfer zumindest ein wenig die Frage nach dem Sinn für ihr Leid...

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