Unternehmer gegen Schiefergasförderung

Arad: 55.000 Hektar Ackerland und gesamtes Grundwasser sind verseuchungsgefährdet

Donnerstag, 13. Juni 2013

Der Verwaltungskreis Arad stehe auf einem Pulverfass, sagt einer der größten landwirtschaftlichen Unternehmer, Dimitrie Muscă aus Curtici, der sich an die Spitze der Unternehmergruppe gestellt hat, die gegen die gezielte Suche nach Schiefergas und gegen die Schiefergasförderung in diesem westrumänischen Verwaltungskreis ist. 55.000 Hektar würden laut Muscă in Gefahr geraten, durch die Folgen der Schiefergasförderung verseucht zu werden. Außerdem sieht der Unternehmer auch eine akute Gefahr für das Trinkwasser – das im Verwaltungskreis Arad überwiegend aus dem Grundwasser gewonnen wird.

Die Unruhe, die durch die Ortschaften des Verwaltungskreises Arad geht, in denen nach Schiefergas gebohrt wird, liegt hauptsächlich an der Art und Weise, wie die Regierung Victor Ponta es angestellt hat, Prospektions- und Schürfgenehmigungen zu erteilen, ohne die ortsansässige Bevölkerung im Geringsten davon in Kenntnis zu setzen, und ebenso an der fehlenden Aufklärung über Gefahren und Chancen der Schiefergasförderung (beziehungsweise über deren kurzfristigen Nutzen und möglicherweise langfristigen Schaden). Diese Art des informationellen (Ver-) Schweigens vor der Öffentlichkeit hat viel Raum gelassen für Spekulationen und Gerüchte, die sich hartnäckig halten und in denen es sich durchweg um die akuten Gefahren handelt, die durch eine künftige großflächige Schiefergasförderung drohen.
Aus diesem Grund formieren sich Protest- und Widerstandsgruppen in den Kommunen, aber auch überregional, die zwar noch keine gemeinsamen Konzepte haben, dafür aber eine allgemein akzeptierte Grundüberzeugung: Bei uns darf kein Schiefergas nach der Fracking-Methode gefördert werden!

Fracking durch die Hintertür

Die Menschen sind in den betroffenen Ortschaften – ähnlich wie im Verwaltungskreis Temesch/Timiş – überrumpelt worden von der Schnelligkeit, mit der die Bohranlagen der diversen Prospektions- und Förderfirmen im Weichbild ihrer Ortschaften oder am Rand ihrer Felder aufgestellt wurden und von der für Rumänien untypischen Emsigkeit, mit der zu Werke gegangen wurde bei den Bohrungen. In vielen Fällen geschah es ähnlich wie in Neupetsch/Peciul Nou. Zuerst standen die Fahrzeuge und Bohraggregate (hinter denen die Firma des umstrittenen Temeswarer Geschäftsmanns und mutmaßlichen ehemaligen Securitate-Spitzels Ovidiu Tender steckt) wochenlang am Rande der alten Mülldeponie zwischen Temeswar/Timişoara und Schag/Şag. Plötzlich – für viele wie über Nacht – waren die Maschinen und Aggregate in Sichtweite von Neupetsch aufgestellt und arbeiteten auch schon. Der ebenfalls überrumpelte Gemeinderat von Neupetsch – an der Überrumpelung scheinen die Gemeindeleiter mitschuldig gewesen zu sein – hatte einen Genehmigungsbeschluss für die Probebohrungen auf dem Gemeindegebiet erteilt und schon begannen die Prospektions- und Schürfbohrungen. Die Bevölkerung wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. So schilderte es uns E. A., der seit mehreren Jahren in Neupetsch lebt und immer sehr aufmerksam die Entwicklungen in seiner Wahlheimat beobachtet hat. Ganz ähnlich ist es auch in Busiasch/Buziaş geschehen, wie unsere Zeitung unlängst berichtet hat („Fracking auf Banaterisch“, BZ, Nr.1011, 5. Juni 2013).

Protestaktion und Unternehmermobilisierung

In Arad haben die Bewohner von Curtici bereits eine Protestaktion gegen die Absichten und Vorarbeiten für die Schiefergasförderung gestartet. Geschürt wird der Widerstand durch den Unternehmer Dimitrie Muscă, der auch den mangelhaften Informationsfluss über die Schiefergasförderung durch Fracking nutzt, welcher von der Regierung, in erster Linie aber von den Prospektions- und Förder-unternehmen selber, ausgeht. Muscă: „Das größte Problem stellt die Kombination diverser Substanzen beziehungsweise Chemikalien dar, die beim Fracking unter Druck in die Erdkruste gepresst und zur Explosion gebracht werden. Dabei werden mittels Wasser, Sand und besagter Substanzen bleibende Hohlräume geschaffen, in denen sich das Erdgas sammeln soll. Die Substanzen sind krebserregend, rufen Veränderungen des Hormonhaushalts hervor und siebzig Prozent von ihnen stören auch das normale Funktionieren der Sinnesorgane.“
Auf Muscăs Anregung tagte in Arad die Konföderation des Rumänischen Unternehmertums CPR, Filiale Arad, die anschließend eine Pressekonferenz organisierte, auf der der CPR-Vorsitzende von Arad, Marin Crişan, erklärte: „Das Unternehmertum unterstützt diejenigen seiner Mitglieder, die von der Schiefergasförderung betroffen sind. Wir starten Demarchen auf zentraler Ebene, um diejenigen zu unterstützen, die sich der Förderung von Schiefergas durch Fracking widersetzen. Falls wir keine befriedigende Reaktion erzielen, werden wir Druck machen hinsichtlich des Rücktritts von Rovana Plumb, der Ministerin für Umwelt und Klimaveränderungen!“

Bleibt Arad ohne trinkbares Wasser?

Dimitrie Muscă auf der gleichen Pressekonferenz: „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Diesmal geht es wirklich nicht um mich und das Ackerland, das mir gehört. Wir reden hier vom besten Ackerland, das es in Westrumänien gibt, von 55.000 Hektar allerbestem Tschernosjom, also von Steppenschwarzerde, deren Schichten hier streckenweise eine Dicke von mehr als zwei Metern erreichen. Für die besteht akute Gefahr der Zerstörung durch Verseuchung. Am Anfang bat man uns bloß um unser Einverständnis zu sogenannten seismischen Prospektionen. Jetzt kam einfach eine „Schriftliche Verständigung” („Înştiinţare Scrisă“), dass die Schürfarbeiten zur Erdgasförderung mittels Fracking starten. Praktisch wird die Firma, welche die Genehmigung erhalten hat, einfach auf unsere Felder kommen, hier ihre Bohrtürme aufbauen und allen Dreck, den sie rausholt, auf unsere Felder gießen. Ob uns das nun passt oder nicht.“

Der Landwirtschaftsunternehmer aus Curtici weiter: „Mehrere Hundert solcher Sonden werden bald den Verwaltungskreis Arad überziehen. Neben ihnen werden Auffangbecken für Regenwasser gebaut, es kommen Lagerhallen für die Chemikalien und für allerhand Salze hinzu, dann die riesigen Sandhalden, die später mit dem Wasser in die Tiefe gepumpt werden, nachdem die Tiefensprengung der Erdgas führenden Gesteinsschichten erfolgt ist. Und stellen Sie sich weiter vor: 23 Prozent der Chemikalien stehen auf der Liste der krebserregenden Stoffe, 35 Prozent verursachen Störungen des Hormonhaushalts und 70 Prozent rufen den Verlust oder die Verminderung der Wahrnehmung durch die Sinnesorgane hervor. Wenn es zum Hineinpumpen dieser Substanzen in den Untergrund kommt – das ist sogar in den Dokumentationen nachzulesen, die uns direkt Betroffene zur Verfügung gestellt wurden und welche das Prozedere der Schiefergasausbeutung erklären! – werden sie sich innerhalb von drei Jahren im Grundwasser ausbreiten, also auch das Trinkwasser von Arad verseuchen.“

Kommentare zu diesem Artikel

Sebastian, 13.06 2013, 21:53
Glück im Unglück, dass ein betroffener Grundbesitzer rasch in die Offensive geht. Vielleicht hat er ja die Macht, zumindest regional diesen Irrsinn zu stoppen und damit anderen zum Vorbild zu dienen, wie man die verbrecherischen Schiefergaskonzerne auflaufen lässt.

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