Unterwegs auf der Via carpatica

Vlad Spiru und Andrei Dumitrescu haben noch 2000 Kilometer vor sich

Samstag, 22. August 2015

Freiheit in den Bergen: Gipfellandschaft in den Südkarpaten.

Noch rund 2000 Kilometer standen den beiden ab Kronstadt auf der Via carpatica bevor. Fotos: viacarpatica. wordpress.com

Von links: Andrei Dumitrescu, Vlad Spiru und SKV-Geschäftsführer Marcel Șofariu in Kronstadt am 12. August während der Ruhepause neben dem neuen SKV-Dacia-Duster, erworben durch Förderung seitens des Schweizerisch-Rumänischen Kooperationsprogramms. Foto: der Verfasser

Noch ist die Via carpatica, der Karpatenweg, im Projektstadium. Es gibt Teilstrecken, die unmarkiert sind. Zwei SKV-Mitglieder, Vlad Spiru und Andrei Dumitrescu, sind gerade in diesen Tagen dabei, diesen Weg entlang der Karpaten von Serbien durch Rumänien und dann durch den ukrainischen, polnischen, tschechischen und slowakischen Teil der Karpaten zurückzulegen, um Ende September in Bratislava bei der Jahreskonferenz der Europäischen Wandervereinigung (EWV) dabei zu sein. Während ihres wohlverdienten Ruhetags in Kronstadt berichteten die beiden der ADZ über den ersten Teil ihrer Fernwanderung.
 

„Zu so etwas kann man sich nicht über Nacht entschließen“

Physisch fit sein für eine rund zehn Wochen lange Fußwanderung durch die Karpaten sei das Ergebnis einer gründlichen Vorbereitung und regelmäßigen Trainings. Mehr noch, es stehe in enger Verbindung mit einer Lebensweise zusammen, sagt Vlad Spiru. Der 24-Jährige aus Törzburg/Bran stammende Kronstädter, Mitglied des Siebenbürgischen Karpatenvereins (SKV), erfuhr, wie auch sein vier Jahre älterer Freund Andrei Dumitrescu (ebenfalls SKV-Mitglied, in Târgoviște geboren, inzwischen zum Kronstädter geworden), von dem Via-carpatica-Projekt während der Geodäsie-Datenaufnahmen im Banater Bergland im vorigen Sommer, an denen sie mitbeteiligt waren. Damals ging es um die Datenerfassung für die Festlegung der E8-Trasse – des Fernwanderwegs, der von der serbischen zur ungarischen Grenze über die Westkarpaten führt. Die Via carpatica ist ebenfalls Teil eines europäischen Fernwanderweges (E3) und führt entlang des Hauptkammes der Karpatenkette, wobei gut die Hälfte des Weges in Rumänien verläuft. Der Anschluss der rumänischen Karpaten ans europäische Fernwandernetz, die Förderung einer „Via carpatica“ nach dem Vorbild der „Via alpina“ sind ehrgeizige Projekte, die der SKV mit Unterstützung der EWV und durch Förderung seitens des Schweizerisch-Rumänischen Kooperationsprogrammes in Angriff genommen hat.

Dass nun zwei SKV-Mitglieder diesen Weg begehen (wobei dies allerdings keine Premiere darstellt), dient diesem Projekt zumindest in zwei Hinsichten: Zum einen erhofft man sich eine medienwirksame Werbung, die das Interesse der Öffentlichkeit erweckt; zum anderen sind die Erfahrungen und Berichte der beiden Wanderpioniere wertvoll für das eigentliche Anlegen der Trasse, für die Infrastrukturarbeiten, die noch bevorstehen.

Damit Vlad und Andrei Ende September in Bratislava ankommen, müssen sie einigen Strapazen gewachsen sein. Erfahrung im Bergwandern haben sie, was ihnen auch die notwendige physische Kondition mitbringt. Sie nahmen auch an verschiedenen Bergmarathons teil, ein- bis zweistündiges Dauerlaufen im Wald steht jede Woche in ihrem Programm, um in Form zu sein. Hinzu kommt eine gesunde Ernährung, kein Rauchen, Willenskraft und psychische Ausdauer.
 

„Du lernst, dich über die selbstverständlichsten Dinge zu freuen“

Wenn man über Wochen hindurch täglich gemeinsam acht-neun Stunden wandert, was mit ungefähr 30 oder 40 Kilometer (je nach der Geländebeschaffenheit) gleichzusetzen ist, dann hat man bald nicht mehr viel Gesprächsstoff füreinander, wissen die beiden Extremwanderer. Du verzichtest auf vieles, du denkst an Zuhause, die Gedanken schweifen unkontrolliert in die Ferne. Da ist starker Wille gefragt. Und eine klare Vorstellung, was das Ganze eigentlich bezweckt. Diese Motivation sei wichtiger als die Ausdauer und die körperliche Anstrengung. Physisch sei es schwer, aber machbar; psychisch müsse man sich selber überwinden. Dass das nicht so leicht ist, haben sie auch während ihrer Wanderung feststellen müssen. Ciprian Brînzoi, der jüngste (22) und der Dritte im Bund beim Start im serbischen Soko Banja, hat sich irgendwann beim Durchlaufen der Fogarascher Berge zurückgezogen. Er hatte genug vom endlosen Wandern, von der Abgeschiedenheit, von dem Auf-sich-allein-gestellt-sein und zog sich zurück von dieser Expedition, zum Leidwesen aber mit dem Verständnis seiner zwei Kameraden.

„Auf einer solchen Wanderung lernst du, dich viel mehr über die selbstverständlichsten Dinge zu freuen: gesund zu sein, Wasser zu finden, etwas essen zu können, gutes Wetter zu haben, einfach die Sonne scheinen zu sehen“, sagt Vlad und hofft, dass das auch so bis zum Ende der Wanderung bleiben möge. Während ihres Kronstadt-Ruhetages haben sie es aber richtig genossen, wieder Leute anzutreffen, Gespräche zu führen. Das haben sie nämlich begonnen zu vermissen, wie auch die Möglichkeit, ein Buch zu lesen, Musik zu hören oder sich einen Film in Ruhe anzuschauen. Vor allem zu Beginn der Reise, in den serbischen Wäldern, war es für sie richtig einsam. Ihre Wanderung hatte am 18. Juli begonnen. Außer Ortseinwohner und Kollegen von serbischen Wandervereinen haben sie im Nachbarland aber keinen einzigen Touristen vor Augen bekommen. Selbst die einzige vorhandene Markierung (ein weißer Punkt, umrundet von einem roten Kreis) war oft schwer auffindbar. Die Gastfreundschaft der Serben hat ihnen sehr wohl getan, wie auch die Tatsache, dass sie oft mit Wlachen zusammenkamen und sich so in Rumänisch verständigen konnten. Für sie ist klar: Für diese Anfangsetappe der Via carpatica muss noch vieles getan werden, da gibt es noch so manches für die Touristen zu entdecken, ein Sachverhalt, den auch die Serben zugeben und der sie zusätzlich für die Via carpatica motiviert.
 

„Die Ostkarpaten sind für uns zum Teil Neuland“

Acht Tage dauerte die serbische Wegetappe, eine Zeitspanne, in der sie rund 250 Kilometer zurückgelegt haben. Beeindruckt waren sie vor allem von dem Eisernen-Tor-Donaudurchbruch, der auch den Übergang nach Rumänien bedeutete. Es folgten die Südkarpaten: die Bergkämme Mehedinți, Cernei, Godeanu, Retezatu Mic, Parâng, Lotrului, Cindrel und dann die Fogarascher Berge, der Königstein, Bucegi und der Schuler – Gebirge, die sie als Kronstädter bereits begangen hatten. In den Fogarascher Bergen waren sie zuletzt mit Ada, einer jungen Norwegerin, unterwegs. Sie ist auch diejenige gewesen, die im Vorjahr als erste die rumänische E-3-Teilstrecke zurückgelegt hatte. Nun haben sie die Ostkarpaten vor sich. Die vorgesehene Trasse: Hohenstein – Ciucaș – Siriu Vrancei – Nemira – Ciuc und dann weiter bis in die Maramuresch, wo sie über Sighet in die Ukraine gelangen. Manche Teilstrecken, die Verbindungen zwischen den einzelnen Massiven, die ausgedehnten, schwach besiedelten Waldregionen sind eine Herausforderung für Vlad und Andrei, der sie sich aber gewachsen fühlen.

Mit sich führen sie rund 15 Kilogramm schwere Rucksäcke. Zelt, Schlafsack, Wechselkleidung und selbstverständlich Nahrung und Wasser sind ihr Gepäck. Sie richten es so ein, dass sie jede vier-fünf Tage in einer Ortschaft ihre Lebensmittelreserven erneuern. Dort werden Brot, Gemüse, Teigwaren, Obst eingekauft. Konservendosen eigentlich weniger, sagen die beiden. Sie ziehen es vor, in ihrem Kochtopf, den sie dabei haben, eine Suppe zu kochen mit Linsen, Bohnen oder Kartoffeln. Auf eine warme Mahlzeit pro Tag sollte eigentlich nicht verzichtet werden. Dort wo sie auf Heidelbeeren, Himbeeren, andere Waldfrüchte, wilde Marillen stoßen, kosten sie dann ausgiebig davon.

Ihre Trasse haben die beiden SKV-Mitglieder von zu Hause schon gründlich vorbereitet. Kartenmaterial wird mit einer am Computer erstellten GPS-Spur ergänzt. Über ihr Smartphone wissen sie Bescheid, wenn sie auf unmarkierten Wegstrecken zu stark von der vorgegebenen Trasse abweichen. Aber nicht immer gibt es Funkkontakt fürs smarte Handy und dann kommt es vor, dass sie irgendwo ad hoc das Zelt aufschlagen und sich eine „spontane“ Übernachtungsstelle einrichten. Dank ihres Lauftrainings hatten sie bisher keine ernsteren gesundheitlichen Beschwerden. Die anfangs auftauchenden Blattern und Blasen an den Füßen sind verschwunden, vielleicht auch weil sie es in der Regel vorziehen, mit leichterem Schuhwerk und nicht mit schweren Bergschuhen zu wandern.

Kommt da nicht die Versuchung, mal eine Abkürzung zu wählen, einen Bus oder eine andere Mitfahrgelegenheit in Anspruch zu nehmen? Das sei nicht der Fall gewesen, lautet prompt die Antwort. Sie wollen sich selber und jenen, die sie vertreten, treu bleiben. Eine Geldprämie in Aussicht bei pünktlicher Ankunft in Bratislava? Vlad und Andrei amüsiert diese Frage. „Wenn wir es schaffen, dann ist das für uns die höchste Genugtuung“, sagen sie.
 

Bilder und Eindrücke von der Via carpatica der beiden gibt es in unregelmäßiger Folge auch auf ihrem Blog: https://viacarpatica.wordpress.com

Kommentare zu diesem Artikel

Günther, 01.04 2016, 18:43
Via carpatica - den Begriff haben wir, "Lustwandeln" aus Ulm an der Donau, gleichzeitig mit dem IfS München vor etwa 10 Jahren eingeführt, um endlich die Lücke im Netz der Europäischen Fernwanderwege in der Ukraine und Rumänien zu schließen. Wir sind den ganzen Weg durch die slowakischen Karpaten, durch die Ukraine und durch die Wald- und Ostkarpaten bis nach Zarnesti bei Kronstadt gegangen, haben den Weg dokumentiert und auf der Internetseite www.viacarpatica.eu veröffentlicht. Unsere Anfragen/Anregungen an die einschlägigen Verbände (EWV, SKV) und zuständigen Politiker wurden nicht einmal beantwortet. Jetzt wird das Rad neu erfunden - oder einfach abgekupfert?!
Wir wünschen dem Projekt dennoch viel Erfolg.

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