Ursula Ackrills Hommage an Bukarest

Vorläufig letzte Lesung ihres Romans „Zeiden, im Januar“ im Goethe-Institut

Samstag, 20. Februar 2016

Ursula Ackrill (li.) und Moderator Prof. Gabriel H. Decuble im Goethe-Institut Bukarest
Foto: Michael Marks

Die deutsche Literatur hat doch eine Menge Freunde, wie die gut besuchte Lesung von Frau Ackrill zu ihrem Debüt Roman „Zeiden, im Januar“(Rezension: ADZ, 29. März 2015 „Das zweite Gebot der Sachsen ist Schweig‘“) bewies. Auf Nachfrage verzichteten die Zuhörer sogar auf langwierige Übersetzungen, zumal auch die Textauszüge gedruckt auf Rumänisch vorlagen. Für die Leitung des Goethe-Instituts, vertreten durch Frau Dr. Evelin Hust, eine schöne Ermunterung, mit ihrer hier angekündigten Literaturreihe fortzufahren, wie sie nicht zuletzt in Hinblick auf die Leipziger Buchmesse 2018 konzipiert wurde, wo Rumänien als Gastland im Fokus stehen wird.

Ihr Buch einmal in Rumänien und nach Hermannstadt nun auch in Bukarest präsentieren zu dürfen, war Ursula Ackrill ein ganz besonderes Anliegen, alleine schon „weil man hier nicht jedes Mal erklären muss, wer Antonescu ist“, der geschichtliche Hintergrund dem Publikum geläufiger und sich somit schon das Gefühl des Nachhause-Kommens einstelle. Zudem bestätigte sie im Gespräch mit dem Professor der Germanistik, Schriftsteller und Übersetzer Gabriel H. Decuble freimütig, eben auch ein Produkt der Bukarester Germanistik zu sein. Ihr Werdegang über Kronstadt, Zeiden, Hermannstadt, Deutschland, Bukarest und nun Nottingham in England, wo sie sich angenommen fühlt, nicht zuletzt wegen der toleranten Haltung der Engländer allem Exzentrischen gegenüber, haben in ihr die Erkenntnis reifen lassen, dass sie - bilingual deutsch-rumänisch aufgewachsen - sich in vielen Ländern zuhause fühlen kann und für sie ethnische Bindungen an ein Land weniger relevant sind.

Dabei schien es ihr hier in Bukarest durchaus wichtig, nicht nur die von ihrem Vater vorgegebene sächsisch-siebenbürgische Verbindung zu erläutern - eigentlich das Hauptthema des Romans, der sich ja explizit mit der nationalsozialistisch geprägten deutschen Volksgruppe in Rumänien eines Andreas Schmidt und seines verheerenden Einflusses auf die Siebenbürger Sachsen auseinandersetzt -, sondern auch den durch ihre Mutter und Großmutter vorgegebenen rumänischen Einflüssen - wie sie ja auch im Roman mit der Schilderung der Pogromnacht der Legionäre 1941 gegeben sind – weitaus stärker Rechnung zu tragen. Selbstverständlich wird der zum Teil historischen Figuren aus dem Zeidener Umfeld sowohl in der Lesung als auch im Gespräch mehrfach gedacht.

Einen direkten Vergleich mit der Banaterin Herta Müller lehnt Ackrill ab. Gemeinsamkeiten sieht sie nur in der auch bei Müller negativ besetzten Rolle des Vaters mit seiner SS-Vergangenheit. Aber in Bukarest ist sie bemüht, den Fokus auch auf die Rolle der Rumänen jener Zeit zu lenken, besonders auf jene, die zwischen nostalgischer Germanophilie einerseits und der Realität eines zum „Herzland des Faschismus“ mutierten Bukarest schwankten. Die Welt ihrer äußerst strenggläubigen Großmutter lässt sie in Gestalt der Maria wiederaufleben. Mehrfach betonte sie, dass ihr das mystische in der rumänischen Kultur – unter anderem deshalb kehrte sie nach kurzem Aufenthalt in Deutschland Anfang der 90er Jahre nach Bukarest zurück, um hier orthodoxe Theologie zu studieren – ein besonderes Anliegen auch als Motiv für den Roman war.

Insgesamt scheint sie jedoch mit diesem Buch auch gleichzeitig mit dem Kapitel Rumänien in ihrem Leben abgeschlossen zu haben. Wenn ihr dies auch nur in Andeutungen zu entlocken war, so scheint sich ihr nächster Roman - als Arbeitsbezeichnung schlug Decuble „Campusroman“ vor - zwar mit dem Studentenleben, aber wohl nicht mehr mit Rumänien zu beschäftigen.

Zurückkehren würde Frau Ackrill jedoch gerne, sollte ihr Roman einen rumänischen Übersetzer finden. Kein leichtes Anliegen, wie der Moderator Decuble und Stimmen aus dem Publikum unisono bestätigten. Sei anspruchsvolle deutsche Literatur auch vielleicht im Interesse der Leser, so würden Verleger sich meist sehr zurückhaltend zeigen. Im Vorfeld der Leipziger Buchmesse ein weites, aber vielleicht auch ein fruchtbares Feld der Betätigung.

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