Venezianisches Intermezzo

Sonntag, 10. März 2013

Symbolgrafik: sxc.hu

Maria Luisa ist eine junge italienische Literaturübersetzerin aus Sizilien, die in Valencia lebt. Sie ist brünett, hat grüne Augen, und ihr heftiges, temperamentvolles Gestikulieren beim Sprechen lässt mich immer wieder an diesen Witz denken: „Warum telefonieren Italienerinnen nicht gerne?“ „Weil sie dann nicht beide Hände frei haben.“
Ich lernte Maria Luisa in Venedig kennen, auf einem internationalen Übersetzer-Workshop. Neben ihrer Muttersprache spricht Maria Luisa auch Englisch, Spanisch und die valencianische Variante des Katalanischen. Außerdem spricht Maria Luisa noch Rumänisch, weil sie ab 2006 vier Jahre in Temeswar verbrachte. Sie arbeitete dort als Assistentin für Italienisch an der West-Universität, wo ich in den 70ern studiert hatte.

Unter dem bunten Sonnenschirm eines Cafés am Canale Grande unterhielten Maria Luisa und ich uns an einem lauen, magischen Sommerabend mal auf Rumänisch, mal auf Spanisch über Temeswar gestern und heute. Dank ihrer Muttersprache, erzählte mir Maria Luisa wild gestikulierend, habe sie schnellen Zugang zur rumänischen Sprache gefunden und dabei überrascht entdeckt, dass letztere dem Italienischen gegenüber einen großen Vorteil aufweise: Es ließe sich darin wesentlich fantasievoller schimpfen und fluchen. Man würde in Temeswar praktisch überall und in jeder erdenklichen Lage möglichst deftige Schimpfwörter verwenden: an der Uni, auf der Straße, beim Laufen oder beim Taxi fahren, und zwar nicht nur dann, wenn man sich über jemanden ärgere und auf ihn losgehe, sondern auch um Entgegenkommen und Zuneigung zu signalisieren. 

„Ce mai faci, măi pulă“ („Wie geht’s, du Schwanz?“)  gehöre beispielsweise heute bei den jungen Leuten in Temeswar zu einer liebevollen Begrüßung, erklärte mir Maria Luisa. „Früher war das aber auch nicht anders“, sagte ich und wurde dabei ganz nostalgisch. Da Maria Luisa nicht nur eine sehr temperamentvolle, sondern auch eine äußerst pragmatische junge Frau war, hatte sie nach nur drei Monaten Rumänienaufenthalt die tolle Idee, sich die deftigen Schimpfkanonaden, die ihr immer wieder um die Ohren flogen, zu-nutze zu machen und eine Doktorarbeit darüber zu schreiben. Sie fand ziemlich schnell auch einen Doktorvater dafür, Professor Dr. Theo Ionescu.

Ich kannte Theo gut aus den 70ern. Damals hatte er als junger Literatur-Redakteur bei der Zeitschrift „Orizont“ gearbeitet und, argwöhnisch beäugt von der Zensur, sich dort vergeblich bemüht, meine grotesken Geschichten in Kafka-Manier zu veröffentlichen. Wenn ich vorlesungsfrei hatte, holte ich ihn des Öfteren in der Redaktion ab, und wir gingen zusammen ins Restaurant „Cina“, um uns ein kühles Bier hinter die Binde zu kippen. Aber meist hatten wir kein Glück und es gab dort bloß Schnaps, also tranken wir ein Gläschen Schnaps und schimpften gegen die sozialistische Mangelwirtschaft, danach tranken wir noch ein Gläschen und schimpften gegen die im Schnaps enthaltenen, beschissenen Chemikalien, danach noch ein, zwei Gläschen und schimpften gegen die verfickte Zensur, und wir wünschten all diese asozialen Wichser zum Teufel, die an den Nebentischen  saßen und höchstwahr-scheinlich beknackte Securitate-Spitzel waren.

Und so ging uns der Gesprächstoff nie aus, und wir widmeten uns mit Leib und Kehle unseren Beschimpfungen.
Theo war ein begnadeter Polterer, er hatte verdammt viel Talent und brachte es mit links fertig, zwanzig Minuten am Stück zu schimpfen, ohne sich zu wiederholen. Seine Kreativität dabei war ungebrochen, bei ihm hörte ich Beschimpfungen wie: „Ich ficke den Wald, in dem die Bäume stehen, aus dem das Papier gemacht wird, auf dem die Zeitschrift gedruckt wird, bei der ich arbeite, und die nur zum Arsch-Abwischen taugt.“ Dieser Fluch wiederum war die Abwandlung eines Fluches, der, wie soviele andere rumänische Flüche auch, auf die Vorfahren und die Ursprünge des Beschimpften detailliert einging: „Ich ficke den Wald, in dem dein Großvater den Baum gefällt hat, aus dem dein Vater den Schrank mit der Schublade gezimmert hat, aus dem euer Nachbar das Kondom genommen hat, das danach beim Ficken in der Möse deiner Mutter geplatzt ist!“

Wohlgemerkt: Die Rumänen greifen beim Schimpfen mit Vorliebe auf die Geschlechtsteile der nächsten Verwandten und Nachbarn zurück, während in den Top Ten der deutschen Beschimpfungen das Hinterteil ganz vorne rangiert. Vom banalen, allseits vorhandenen Arsch, über die musikalisch anmutende Arschgeige, bis zum ästhetisch misslungenen Arschgesicht mangelt es an gar nichts im deutschen Alltag. Und als Joschka Fischer 1984 an den damaligen Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen den Zwischenruf richtete: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“, feierte der Allerwerteste sogar seinen triumphalen Einzug in den Bundestag.

Nach drei Jahren Forschen und Fluchen beendete Maria Luisa ihre über 400-seitige Dissertation und reichte sie bei der Philologischen Fakultät in Temeswar ein. Die Promotionsordnung sah vor, dass man seine Doktorarbeit auch mündlich präsentieren und verteidigen musste, vor einer Prüfungskommission. Im Vorfeld dazu war Maria Luisa sehr aufgeregt und verängstigt, aber das legte sich schnell. Alle Angst und Anspannung fiel von ihr ab, als sie mit ihrem Vortrag loslegte und, um ihre Thesen zu illustrieren, ausgiebig zu fluchen begann. Ganz Italienerin, lächelte sie dabei enigmatisch wie Mona Lisa, aber sie fluchte wie ein rumänischer Kutscher, derart kompetent und beeindruckend, dass nicht nur Theo, sondern die gesamte Prüfungskommission bis über beide Ohren errötete, und man sie schließlich mit summa cum laude benotete.

Ein beigefarbenes Vaporetto tuckerte am Canal Grande vorbei. Die Abendsonne war eine riesige, federleichte Zitrone, die munter im Wasser schaukelte, und ein warmer, wohltuender Windstoß trieb das erregte Touristengemurmel auf den Touristen-Booten bis zu unseren Tischen. „Ja, so war das! Examenul mi-a facut multă placere. Die Prüfung hat mir viel Spaß gemacht“, sagte Maria Luisa stolz lächelnd auf Rumänisch zu mir, und mit einer begeisterten, weit ausholenden Handbewegung warf sie ihre Espresso-Tasse um. Noch bevor sie aufspringen konnte, floss der pechschwarze Kaffee unbarmherzig auf ihren schneeweißen Sommerrock mit buntem Blumenmuster. „Merda!“, rief sie entsetzt. Spontan schimpft man immer in der Muttersprache, also war das wohl ein italienisches Schimpfwort. Aber was bedeutete es  nur  auf Deutsch?  Scheiße, ich hatte null Ahnung.

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