Verarmungsfaktor Fernheizung

Subventionsstreichung verursachte fast überall Kostenexplosionen

Dienstag, 12. März 2013

Im Banater Bergland wurde eine Verdreifachung der Fernheizungs- und Warmwasserkosten verzeichnet.
Symbolfoto: sxc.hu

Im Verwaltungskreis Karasch-Severin kostete die Gigakalorie Fernwärme im Dezember 2008 rund 125 Lei. Im Dezember 2012 mussten die Nutzer 388 Lei für die Gigakalorie hinblättern. Das entspricht einer Steigerung von 210 Prozent, unter Bedingungen, wo das Realeinkommen der Bürger auf bis zur Hälfte dessen von 2008 abgesackt ist.
Aber Karasch-Severin liegt in einer statistischen Tabelle der Kosten der Fernwärme nur auf Rang zwei in der Kostenexplosion, hinter Covasna (von 84 Lei auf 291 Lei/Gigakalorie, ein Plus von 246 Prozent). In den Verwaltungskreisen Arad (+103 Prozent), Galatz/Galaţi (+107 Prozent), Teleorman (+108 Prozent), Maramureş (+110 Prozent), Brăila (+112 Prozent), Bihor (+119 Prozent), Olt (+126 Prozent), Giurgiu (+154 Prozent), Neamţ (+168 Prozent) und Konstanza/Constanţa (+187 Prozent) sind die Kostensprünge der Fernwärme ebenfalls enorm. Auch die Gruppe der Verwaltungskreise mit Preiserhöhungen zwischen 50 und 90 Prozent ist umfangreich. Sie reicht von Prahova (+50 Prozent) über Jassy/Iaşi, Hunedoara, Mureş, Temesch/Timiş (+70 Prozent), Hermannstadt/Sibiu (+72 Prozent) bis Mehedinţi (+90 Prozent).

Die Armen werden geschröpft

Zwischen 11 Prozent (Klausenburg/Cluj) und 49 Prozent (Dolj) liegen die Kostenerhöhungen für Fernwärme in den Verwaltungskreisen Bacău, Călăraşi, Tulcea, Kronstadt/Braşov, Suceava, Vrancea, Vâlcea, Argeş, Sălaj, Bukarest und Gorj. Allein in den Verwaltungskreisen Buzău, Dâmboviţa und Vaslui ist der Preis der Gigakalorie zwischen 2008 und 2012 unverändert geblieben und im Verwaltungskreis Alba ist der Preis sogar gesunken: um vier Prozent, von 188 auf 180 Lei/Gigakalorie. Aus den Verwaltungskreisen Bistritz-Nassod/Bistriţa-Năsăud, Ialomiţa und Sathmar/Satu Mare sind von den Statistikämtern und von der Nationalen Autorität für die Kommunitären Dienstleistungen von öffentlichem Nutzen (ANRSC) keine Angaben zeitgerecht zur Verfügung gestellt worden. Was diese pauschalisierten Angaben nicht durchblicken lassen, ist beispielsweise die Schwankung der Preise von einer Ortschaft zur anderen – es wird nur eine relative Makrosicht auf der Kreisebene widergespiegelt – wobei laut ANRSC als ausschlaggebend betrachtet wurde, welches die Preise der Gigakalorie in den Vororten der Verwaltungskreise sind (eine Art Richtpreis) beziehungsweise in jenen Ortschaften, in denen es noch einen hohen Grad an Abhängigkeit von der Fernheizung gibt. Anders gesagt; wo sich die Bewohner die Installierung eigener Heizungen kaum beziehungsweise überhaupt nicht leisten konnten.
Fakt bleibt aufgrund dieser Übersicht: In 33 von 38 Verwaltungskreisen, für welche Daten zur Verfügung gestellt wurden, sind die Kosten der Fernheizung gestiegen. Noch besorgniserregender: In den Verwaltungskreisen, die traditionell das geringste Pro-Kopf-Einkommen haben, stiegen die Kosten der Fernheizung an spürbarsten. Beispielfall Covasna, mit einer dreieinhalbfachen Kostensteigerung in einem der einkommensärmsten Verwaltungskreise Rumäniens. Oder auch, warum nicht, der eingangs erwähnte Fall des Banater Berglands, mit einer Verdreifachung der Fernheizungs- und Warmwasserkosten.

Leichter Bezieherrückgang

Nun könnte man angesichts solch kalter statistischer Daten entgegnen, dass ja landesweit nicht mehr allzu viele Bürger ans zentralisierte Versorgungsnetz mit Fernwärme und Warmwasser angeschlossen sind. Aber wenn man weiß, dass im Großraum Bukarest, wo weit über zehn Prozent der Bevölkerung Rumäniens leben, 36 Prozent der Bewohner Fernheizung und zentral aufbereitetes Warmwasser beziehen, dann ändert sich die Perspektive und es wird klar, wie die Wohlstandsschere binnen vier Jahren brutal auseinandergerissen wurde – natürlich nicht nur durch die Explosion der Kosten der Gigakalorie. Aber mitentscheidend auch dadurch. Fairerweise sollte dabei nicht vergessen werden: Das Einstellen der staatlichen Subventionen für die Heizung geht auf ein Diktat der Kreditgeber Rumäniens zurück – allen voran die Weltbank und der Internationale Währungsfonds.

Auf die gegenwärtigen Wirtschaftsförderungsregionen aufgefächert ergibt sich folgendes Bild über die Bezieher von Fernwärme und Warmwasser (allerdings verfügt ANRSC nur über Daten, die bis 2010 reichen): Ost (Verwaltungskreise Konstanza, Tulcea, Brăila, Galatz, Vrancea und Buzău) – 14 Prozent der Haushalte beziehen Fernwärme; Nordost (Bacău, Vaslui, Jassy, Neamţ, Botoşani, Suceava) – neun Prozent beziehen Fernwärme, genau so viele wie in der Region Nordwest (Bistriţa-Năsăud, Maramureş, Klausenburg, Sălaj, Bihor, Sathmar), in der Region Südwest (Olt, Gorj, Mehedinţi, Dolj und Vâlcea) und Südost (Teleorman, Giurgiu, Călăraşi, Ialomiţa, Ilfov, Prahova, Dâmboviţa und Argeş); zehn Prozent der Haushalte sind in der Westregion (Arad, Hunedoara, Karasch-Severin, Temesch) noch ans zentrale Wärmenetz angeschlossen und vier Prozent in der Region Mitte (Alba, Hermannstadt, Kronstadt, Covasna, Harghita, Mureş). Insgesamt handelt es sich um 1,55 Millionen Wohnungen (18,37 Prozent aller Wohnungen in Rumänien – allein schon daraus ist auch ersichtlich, wie schwer die Zahl der Haushalte in Bukarest in dieser statistischen Betrachtung ins Gewicht fällt) von den 8,44 Millionen Wohnungen, wie viele in Rumänien Ende 2010 registriert waren.
Hat der Preisschock Nachwirkungen?

Die Zahl der Wohnungen ist in Rumänien in der Zeitspanne von 2007 bis 2010 leicht gestiegen, von 8,27 Millionen auf 8,44 Millionen, teilt das Statistikamt mit. Die jährliche Steigerungsrate liegt in dieser Zeitspanne bei 50.000 bis 60.000 neu gebauten Wohnungen, was für Krisenzeiten und für die Tendenz, rumänische Gesetzeslücken, einschließlich bei der Immobilienbesteuerung, auszuspekulieren (nur fertig gebaute Wohnungen/Häuser werden besteuert, solche im Rohbau nicht), grundsätzlich nicht schlecht ist. Parallel zur Erhöhung der Zahl der Wohnungen sank die Zahl der an die Fernheizung angeschlossenen Wohnungen stetig, von 20,05 Prozent im Jahr 2007 (1,66 Millionen Wohnungen) auf 18,37 Prozent (1,55 Millionen Wohnungen) im Jahr 2010. Immerhin sind das 110.000 Anschlüsse an die Fernheizung weniger, binnen vier Jahren, trotz aller Schwierigkeiten, die von den kommunalen Autoritäten und von den Fernheizwerken erfunden wurden, um das Abkoppeln zu erschweren. Soziologen erwarten nach dem Preisschock des fast überstandenen Winters eine neue Abkoppelungswelle. Und die Banken freuen sich über Kredite zum Verselbstständigen der Heizung der Wohnungen. Nichts von dem wird gratis sein. Aber die Erfahrung zeigt: Die eigene Wohnungsbeheizung, eventuell gekoppelt an eine bessere Außenisolierung und ein sparsameres Umgehen mit der Energie, können die Kosten bis auf ein Drittel der früheren Fernheiz- und Warmwasserkosten senken. Letztendlich zahlt es sich aus, die teure kollektive Abhängigkeit aufzugeben.

Kommentare zu diesem Artikel

Peter, 15.03 2013, 14:06
Zwischen 1961 - 1966 habe ich abschnittsweise in Piatra Neamt gelebt und den "sozialistischen Aufbau" aus der Sicht eines deutschen Technikers beobachtet. Nach der Verlegung der unterirdischen Rohrtrassen wurden diese mit Mineralwolle ohne Blechmantel isoliert. Erst nach deren kompletter Fertigstellung, d,h. oft nach monatelangem Witterungseinfluß, wurden die Kanäle geschlossen. Zuvor wurde die Isolierung total durchnäßt und hing teilweise nur am Bindedraht unterhalb der Rohre, der Reist war nackter Stahl. Noch heute kann man streckenlweise im Winter am getauten Schnee den Verlauf der Trassen erkennen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass nur der regelmäßige Blick auf den Gaszähler zum Sparen motiviert. Daher sind Investitionen in die Abkopplung unumgänglich, sei es pro Einzelwohnung oder im Block. Da muß man durch, auch wenn es im Moment teuer erscheint. Energie wird mit Sicherheit nicht billiger.

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