Verbrecherischer Individualismuskult

Sonntag, 19. August 2012

In einer vollbesetzten Straßenbahn fiel ein handtaschengroßer Karton von einer Armstütze Birner direkt auf das Bein und verursachte ihm eine Fleischwunde. Von Schmerz gepeinigt, trat Birner im Reflex dem Mann ihm gegenüber, dem der Karton entglitten war, heftig vor das Schienbein.
„Mach das ja nicht wieder!“, brüllte der Birner an, „sonst kracht’s noch ganz anders!“

„Was! Sie begehen eine Körperverletzung und drohen mir auch noch dazu, sind aggressiv. Haben Sie denn noch alle!“
„Ich kann nichts dafür.“

„Hat man Ihnen denn in die Hände geschissen, dass Sie den Karton nicht halten können, oder sind Sie ein Behinderter, der ihn nicht packen kann. Dann ist es ja unverantwortlich, so einen Karton zu transportieren. Der tut verdammt weh. Aus dieser Höhe direkt aufs Bein.“

„Das war nicht mehr als ein Unfall. Dafür kann ich nichts.“
„Sie haben ja den Karton auf die Armstütze gestellt und nicht auf den Boden. Haben Sie denn keinen Verstand? Sind Sie auch geistig behindert? Sie sind ja gemeingefährlich. Sie versuchen alles umzudrehen vom Körperverletzer zum Aggressor, vom Unfallverursacher zum Unschuldslamm.“

„Es tut mir ja wirklich leid. Ich bitte Sie hiermit auch förmlich um Entschuldigung!“
„So spät und außerdem lindert das meinen Schmerz nicht. Der bleibt. Dafür will ich was!“

Jetzt mischte sich auch die Begleiterin des Unfallverursachers ein. „Mehr als eine Entschuldigung gibt’s von uns nicht. Komm, Karl, wir steigen jetzt aus, denn das müssen wir uns nun wirklich nicht mehr anhören!“
„Wie, Sie wollen jetzt auch weglaufen, wie ganz gemeine Betrüger. Sie müssen mir Ihre Adresse geben, für Schadenersatz, für Schmerzensgeld.“
Doch die Begleiterin blieb stur. „Wir müssen gar nichts. Ich bin seine Zeugin. Er hat nichts Böses getan und jetzt ist’s wirklich gut!“

Damit verschwanden sie und ließen Birner voll Wut zurück.
Zuhause nahm seine Wut noch zu. Ihm fiel ein, als seine Frau ihn verarztete, ihm ein Wundpflaster anpasste, dass er eigentlich mitschuldig an der Flucht des Übeltäters war. Hätte er nicht reflexhaft nach dem Unfall dem Unfallverursacher einen Tritt verpasst und ihn dann lautstark bezichtigt körperlich, ja sogar geistig behindert zu sein, hätte alles ganz anders ausgehen können. Hätte er ihm einen Dialog angeboten, wäre ihm der wohl nicht verweigert worden, zumal er einen Kompromiss hätte anbieten können.

Das Runterfallen des Kartons hätte er als einen Verkehrsunfall darstellen können, wegen der Fahrtgeschwindigkeit und einem plötzlichen Bremsen der Straßenbahn. Dann wäre die Haftpflichtversicherung zuständig gewesen. Die hätte einspringen müssen nach den jahrelangen Beiträgen ihres Mitglieds. Es hätte wieder mal eine Konsensdemokratie gegeben, die wie so üblich, allen Geld bringt. Geld, welches die Gesellschaften oder die Gesellschaft allgemein berappen muss.

Deshalb dieser Individualismuskult im Westen. Er kostet die Marktwirtschaft nichts. Im Gegenteil, er ist marktwirtschaftlich profitabel auf Kosten der Einzelnen.

Dies so spät erkannt zu haben, zeugte eher von seiner eigenen geistigen Behinderung, musste Birner noch viel wütender diesmal sich eingestehen. Er selber hatte es verbockt, dass nicht wieder mal eine Konsensdemokratie stattgefunden hatte, die allen Geld bringt. Er war auch wieder mal reingefallen auf diesen Individualismuskult im Westen, einen Einzelnen haftbar zu machen und nicht, wie so üblich, dessen Gesellschaften oder die Gesellschaft allgemein.

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