Veredelte musikalische Heimat

Beifallssturm für Pianistin Dana Ciocârlie in Hannover

Samstag, 19. März 2016

Die Pianistin Dana Ciocârlie
Foto: Bernard Martinez

Ein Konzert mit dem Motto „Heimat“ stand am 6. und 7. März auf dem Spielplan des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover. Gespielt wurden Jugendwerke, die jeweils ein halbes Jahrhundert voneinander entfernt und auf unterschiedlichen Kontinenten komponiert wurden, die aber alle den Klang von Heimat aufgreifen und ihn zu wunderbarer Klassik veredeln. Im Mittelpunkt des Abends standen Musiker, deren Biografie und Wirken mit Rumänien eng verbunden sind: die Pianistin Dana Ciocârlie (Frankreich), die in Bukarest bei Dan Grigore und später in Paris bei Victoria Melki, Dominique Merlet und Georges Pludermacher studiert hat und seither ein reges internationales Konzertleben auf hohem Niveau führt; und der Dirigent Lawrence Foster (USA), zurzeit Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Marseille und Ehrendirigent des Gulbenkian-Orchesters Lissabon. Als Sohn rumänischer Einwanderer hat sich Foster zeitlebens für das Werk Enescus eingesetzt. Zwischen den Stationen am Pult der Ensembles in Barcelona, Jerusalem, Houston und Lausanne ist er Stammgast des Enescu-Festivals in Bukarest, für sein Engagement wurde er 2003 vom rumänischen Präsidenten mit einem Orden ausgezeichnet.

George Enescus Rumänische Rhapsodie Nr. 2 in D-Dur eröffnete den Abend mit majestätischen Streicherpassagen, bezaubernden Zwiegesprächen von Oboe und Flöte, spielerischen Melodien eines Englischhorns – das ans rumänische Tarogato („Taragot“) erinnerte – und einem ausdrucksstarken Klarinetten- und Geigen-Intermezzo in „Taraf“-Manier. Dem Staatsorchester und dem Dirigenten gelang es, das stilistische Neben- und Miteinander von spätromantischen, impressionistischen und modernen Klängen sowie Volksweisen ausgewogen wiederzugeben, das Spiel mit den Klangfarben war inspiriert und verführerisch. Herzstück des Abends war die selten gespielte Sinfonie Nr. 2 für Klavier und Orchester von Leonard Bernstein, ein rhythmisch komplexer, spektakulärer Mix von Tonalität, Zwölftonmusik und Jazz. Das Werk trägt den Titel „The Age of Anxiety“ („Das Zeitalter der Angst“) und ist inspiriert vom gleichnamigen Gedicht von Wystan Hugh Auden. Genau wie die Textgrundlage ist die Musik in sechs Teile gegliedert, die gemeinsam einen „Essay über Einsamkeit“ bilden, wie der Komponist selbst notiert. Virtuosität und Wandlungsfähigkeit werden von Orchester und Soloklavier gleichermaßen verlangt, das Stück ist Sinfonie und Konzert zugleich.

Die einzige Konstante scheint die Abwechslung zu sein – mal spielen die Streicher in Mittellage großzügige Melodien, mal piepst die Piccoloflöte, mal brummen die Kontrabässe, das Klavier als „Hauptdarsteller“ zeigt stolz seine einzigartige Klangfarbe, gibt trockene Kommentare ab, kämpft gegen das mächtige Orchester oder vergnügt sich mit simplen, ruhigen Akkorden. Bedrückend erklingt der Trauergesang, darauf folgt ein „Maskenspiel“ für Klavier und Schlagzeug, ein unbändiger Ragtime mit Blueselementen in klanglicher Verwandtschaft mit Beethovens letzter Klaviersonate. Nicht umsonst ist dies der einzige Satz, den der Komponist mit einer englischen (statt italienischen) Tempoangabe versieht – tatsächlich verläuft alles „extremely fast“, mit jazziger Gelassenheit und erstaunlichem technischem Können steigern die Musiker ihre Kunst bis zur Bravurleistung. Die Koordination von Klavier und Orchester, an dieser Stelle eine große Herausforderung, wurde von den Instrumentalisten und dem Dirigenten hervorragend gemeistert, außerdem zeigten die Musiker unter der Leitung von Foster eine reiche Farbpalette und mannigfaltige Dynamik. Schade nur, dass das Finale mit seiner „amerikanischen“ Grandeur dann doch zu laut und wenig subtil klang.

Die Solistin erwies sich als souveräne Tonkünstlerin mit herausragender Technik und großer musikalischer Reife. Sie begeisterte im Anschluss mit einer Zugabe, die Lawrence Foster als „im Grunde genommen unspielbar“ beschrieb. Enescus erste Rumänische Rhapsodie in der Klavierfassung des Komponisten wird wohl gerade deshalb so gut wie nie aufgeführt: Wer Liszts Rhapsodien oder Prokofjews späte Sonaten für technisch schwierig hält, sollte sich einmal dieses Stück angehört haben. Fakt ist, dass Dana Ciocârlie es schaffte, diese unsägliche Transkription so überzeugend zu spielen, dass das Publikum von den Sitzen gerissen wurde und die Pianistin mit minutenlangen Standing Ovations feierte. Auch Foster, der sich für die Dauer der Zugabe neben die Geiger gesetzt hatte, applaudierte begeistert.

Zum Schluss erklang Tschaikowskys erste Sinfonie in g-Moll op. 13, die den Titel „Winterträume“ trägt. Obgleich natürlich nicht ausgereift wie die späteren Werke, erkennt man in diesem Stück den Meister der rührenden Melodien, den Brückenschläger zwischen westlicher und slawischer Musiktradition. Wie bei Enescu und Bernstein versteckte sich auch hier die musikalische „Heimat“ als Volkslied-Zitat bei den Holzbläsern über ein zartes Streichertremolo. Der junge Tschaikowsky beweist in diesem Werk, dass er bereits alles kann: strenges Fugato, mitreißenden Lyrismus, sanfte und gedämpfte Töne im „Andante lugubre“, Leichtigkeit und choralartige Triumph-Fanfaren. Ein großartiger Musikabend.

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