Verfluchte Herausforderung

Zur Premiere von „Ödipus“ am Hermannstädter Radu-Stanca-Theater

Sonntag, 18. Mai 2014

Ödipus – eine zu schwere Rolle für den Theaterleiter Constantin Chiriac Foto: RST

„Verfluchtes Kind! Verflucht im Ehebett! Verfluchter Mörder! Ganz und gar verflucht!“ Mit dieser Selbstverfluchung stürzt Ödipus von der Bühne, um seine Frau, die gleichzeitig seine Mutter war, tot vorzufinden und danach seine „beide(n), lebend´ge(n) Augen“ auszustechen. Die von Sophokles erzählte Geschichte des mythologischen Ödipus wurde in der ersten Maiwoche am Hermannstädter Radu-Stanca-Theater (RST) nacherzählt. Die Regie führte Silviu Purcărete, die Hauptrolle übernahm der Leiter des Theaters, Constantin Chiriac.

Regisseur Purcărete fügte die ersten zwei Teile von Sophokles Mythentrilogie „König Ödipus“ und „Ödipus auf Kolonos“ zu einer Erzählung zusammen. Dabei begann er mit dem zweiten Teil. Vor dem Publikum erscheint der gebrochene, blinde Ödipus, der auf die Hilfe seiner im Inzest gezeugten Töchter Antigone (Ofelia Popii) und Ismene (Diana Fufezan) angewiesen ist.

Die Zeit seiner Herrschaft über Theben, der Ehe mit Iokaste, seiner leiblichen Mutter, sowie der Moment der Aufklärung des dunklen Geheimnisses, das zum Tod seiner Gattin und seiner Selbstverstümmelung führte, werden als Erinnerung eingeblendet. Danach folgt ein weiterer Sprung in das Hier und Jetzt des Geschehens, bis zum Tod Ödipus. „Ihr werdet an mich denken, wenn ich nicht mehr bin“, verabschiedet er sich von den anderen Schauspielern und dem Publikum. Die Zeitsprünge werden meisterhaft durch das bewegliche Bühnenbild verdeutlicht, das von einem schmalen Strich am Anfang zu einem großzügigen Raum und schließlich zu einem perspektivischen Bild wächst. Die Bühnengestaltung stammt von Dragoş Buhagiar, der während der Pressekonferenz gestand, dass er die Vision des Regisseurs umgesetzt hat.

Sophokles’ Bearbeitung des Ödipus-Mythos erfuhr bereits in der griechischen Antike höchste Wertschätzung. Aristoteles erklärte das Drama in seiner „Poetik“ zum Muster der Tragödie, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Handlungsführung, des Umschlagens von Glück in Unglück sowie von Verblendung zur Selbsterkenntnis. „Es ist ein schweres Stück mit einem sehr komplexen Text. Es ist schwerverdaulich, keine Unterhaltung, wie Faust. Ich glaube kaum, dass das Publikum in Massen zur Vorstellung strömen wird“, meinte Purcărete vor der Premiere. Zumindest in einem sollte er sich irren: Der Saal war an den beiden Abenden der Vorpremiere berstend voll. Recht behielt der Regisseur jedoch in der Beschreibung des Stückes als „sehr schwer“.
Bedauerlicherweise nicht nur für das Publikum.

„Erstmals konnte ich wegen einer Rolle nicht schlafen. Ödipus zu spielen ist eine psychische und physische Herausforderung“, gestand Chiriac vor der Aufführung. Dass er von der Rolle tatsächlich überwältigt und überfordert war, konnte man leider nicht übersehen. Seine Bemühungen, die Rolle nicht zu spielen, sondern zu leben, die tiefen Hintergründe, die Gedankenwelt des Protagonisten zu verstehen, scheiterten. Der Hermannstädter Ödipus wirkte gekünstelt, seine Bewegungen gezwungen, seine Mimik gequält, seine Sprechweise hölzern. Und Ödipus stand fast ununterbrochen auf der Bühne. Alle anderen Charaktere, die mitunter von den besten Schauspielern des Theaters besetzt waren – Adrian Matioc, Florin Coşuleţ, Ioan Paraschiv, Eduard Pătraşcu, Pali Vecsei und Cristian Stanca – wurden zu einfachen Statisten mit wenig Text herabgestuft.

Während der Pressekonferenz erzählte Chiriac die Vorgeschichte der Vorstellung: Der Vorschlag einer Inszenierung von „Ödipus“ kam vom Leiter des Projekts „Ruhr.2010 – Europäische Kulturhauptstadt“, Prof. Hanns-Dietrich Schmidt. Seinem Vorschlag zufolge sollte es eine Art „Monolog-Darstellung“ sein, auf jeden Fall aber in der Regie von Purcărete. „Ich war von diesem Vorschlag nicht besonders angetan“, berichtete Chiriac.

Die Inszenierung im Stil der siebziger Jahre, das faszinierende Bühnenbild, die Musik von Vasile [irli und die Ohrwurmmelodie „Wenn die Glocken hell erklingen“ geben dieser Vorstellung alles, was sie braucht, um wirklich herausragend zu sein. Der eigens dafür von Constantin, Simona und Theodor Georgescu ins Rumänische neuübersetzte Originaltext ist fesselnd, geht unter die Haut und braucht einen würdigen Interpreten. An dem fehlte es der Vorstellung bei der Vorpremiere leider.

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