Vergangenheit und Gegenwart

Die Deutschen Kulturtage in Schäßburg wurden feierlich eröffnet

Samstag, 31. Mai 2014

Veranstalter und ein Teil der Ehrengäste im Rathaussaal: Dr. Karl Scheerer, MdP Ovidiu Ganţ, Stefan Gorczyka, der Vorsitzende des Schäßburger Forums, MdB Dr. Christoph Bergner und Martin Bottesch (v.l.)

Die Zweitklässler tanzten die „Reklich Med“, die Zuschauer schützten sich vor der Sonne.
Fotos: Hannelore Baier

Schäßburg – Verschiedenen Aspekten aus der Geschichte der Stadt und Siebenbürgens widmet sich das Deutsche Forum Schäßburg/Sighişoara im Rahmen der Deutschen Kulturtage, die den Höhepunkt seiner Arbeit darstellen. Heuer findet die nunmehr zum sechsten Mal organisierte Veranstaltung unter dem Titel „Die Bedeutung des Schäßburger Gymnasiums im Kontext der Kultur Siebenbürgens“ statt. Das Joseph-Haltrich-Lyzeum, im Volksmund „Bergschule“ genannt, gehört zu den bekanntesten Schulen in Siebenbürgen und war über mehrere Jahre die Referenzschule schlechthin, sagte Dr. Karl Scheerer, der stellvertretende Vorsitzende des Schäßburger sowie des Siebenbürgenforums, in seiner Begrüßung. Die feierliche Eröffnung der Kulturtage fand am Donnerstagnachmittag traditionsgemäß mit dem Trompetenspiel vom Stundturm, den Ansprachen von Ehrengästen auf der Balustrade des Forumssitzes und einem von Kindern gebotenen Volkstanz am Platz davor statt. Getanzt haben heuer eine „Reklich Med“ die Schüler der 2. B unter der Leitung von Lehrerin Carola Fröhlich. Das Thema Schule veranlasste Dr. Christoph Bergner, den vormaligen Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten im Bundesministerium des Innern, der Einladung nach Schäßburg Folge zu leisten. Gesprochen werde dieser Tage im Unterausschuss der auswärtigen Kulturpolitik im Bundestag über Möglichkeiten, die deutschsprachigen Schulen in Rumänien zu fördern, teilte er mit. Er möchte in Deutschland eine „kleine Offensive“ starten um zu zeigen, welche Schultradition hier besteht, die es als Bindeglied zwischen Deutschland und Rumänien auch in Zukunft zu erhalten gelte.

Dank der deutschsprachigen Schulen konnten die Deutschen in Rumänien ihre Identität bewahren, dank der rumänischen Kinder und Lehrer können die deutschsprachigen Bildungseinrichtungen heute weiter bestehen, sagte der Siebenbürgenforumsvorsitzende und Schulmann Martin Bottesch in seiner Ansprache. Auf den „Identifikationsfaktor“ Bergschule für die Stadt ging Hermann Theil, der Vorsitzende der HOG Schäßburg, ein. Er erwähnte, dass an ihr Fähigkeiten gefördert und soziale Kompetenzen vermittelt, im Internat aber Freundschaften fürs Leben geschlossen wurden.
Vor dem Eröffnungsvortrag von Dr. Karl Scheerer im Festsaal des Rathauses, erwähnte Dr. Wolfgang Steffanides, der zweite Obmann der Österreichischen Landsmannschaft, in seinem Grußwort, die „Vernunft“ des rumänischen Staats, das deutschsprachige Schulwesen zu erhalten, was in all den anderen ehemals von deutschen Minderheiten besiedelten Gebieten nicht der Fall war. Als Lehrer habe er einen besonderen Respekt für die siebenbürgischen Schulen, wohl wissend, was sie für die Gemeinschaften bedeutet haben, sagte der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganţ. Er sprach sein Bedauern darüber aus, dass der rumänische Staat, in dessen Trägerschaft die deutschsprachigen Schulen heute stehen, viel zu wenig für den Qualitätserhalt des deutschsprachigen Unterrichts tut und nicht begreift, welche Bedeutung dieses Schulsystem hat. Wo bleibt der Beitrag des rumänischen Staates angesichts der kleinen Löhne der Lehrer, der mit Mühe gedruckten Lehrbücher, der ausstehenden Stipendien für die Schüler, die schlechten Schulgebäude und fehlenden Klassenräume? Was kann man noch tun, um gehört zu werden, fragte MdP Ganţ und plädierte dafür, alle Möglichkeiten auszuschöpfen um die rumänische Regierung dazu zu bringen, diese Schulen zu fördern, die seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr „unsere“ sind.

Wie es um das Schulwesen der Siebenbürger Sachsen aussah, als es in ihrer Trägerschaft stand, schilderte Dr. Scheerer auf Grund von Arbeiten des Schulhistorikers Walter König in seinem Vortrag über die Anfänge und die Entwicklung des siebenbürgischen Schulwesens. Dabei erwähnte er u.a., dass es im 15. Jahrhundert kaum einen Ort ohne Volksschule gab, das siebenbürgisch-sächsische zu den dichtesten Schulnetzen in Europa gehört hat, die Zahl der Schüler immer höher war als die der Schulpflichtigen, da die Schulen auch anderen Nationen offen waren und auch von Angehörigen anderer deutscher Siedlergruppen besucht wurden. Neben der Dichte kennzeichnete das Schulnetz eine Vielfalt an Ausbildungsangeboten, die Erfassung aller Kinder erfolgte über ein dichtes Netz sozialer Kontrollen, das Schulsystem war autonom und nicht direkt dem Staat unterstellt. Nach dem Vortrag stellte Ulrike Lück das Buch „Humanisten und Reformatoren nach dem Omen und Etymologisch“ von Pfarrer i. R. Rolf Binder vor, der im Anschluss über das Entstehen des Buches sprach und eine Leseprobe bot. Im Kreuzgang der Klosterkirche führte danach Landeskirchenkurator und Fachlehrer i. R. Friedrich Philippi in seine Exposition mit alten deutschen Schulbüchern aus Siebenbürgen ein. Die Deutschen Kulturtage enden am Sonntag.

Kommentare zu diesem Artikel

Ratza, 25.08 2017, 12:04
Gut gebrüllt, Löwe!
Was fängt man aber als Rumäne(n) mit einem Erbe an, von dem man bloß weiß / wissen will dass es irgendwie aus dem Mittelalter stammt?
Tourist, 31.05 2014, 18:29
wenn man mehr für ein korrektes Geschichtsbewusstsein tun möchte, dann sollte man als erstes einmal das kitschige und vollkommen ahistorische Mittelalterfestival verbieten, oder unter die Kontrolle von einem interethnischen wissenschaftlichen Expertenrat stellen, möglichst mit Historikern, Archäologen und Philologen.

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