Verneigung vor dem goldenen Ladislaus

Überirdische Pracht: katholische Kathedrale und Bischofspalast in Großwardein

Sonntag, 23. August 2015

Atemberaubend: die katholische Kathedrale

Pracht in schwindelnder Höhe: Deckengemälde im Festsaal

Kunstvoll geformter Ofen im Bischofspalast

Schatzkammer : Links die goldene Ladislaus-Büste mit Reliquienschatulle; unten vergrößert das Sichtfenster mit betender Miniatur des Heiligen


Fotos: George Dumitriu

Aus dem gleißenden Sonnenlicht treten wir ins kühle Innere. Nur langsam gewöhnen sich die geblendeten Augen an den brüsken Übergang. Erst überwiegt der Eindruck von historischer Schwere und ekklektischer Düsternis. Dann löst sich die prächtige Deckenbemalung in meerfarbenem Türkis langsam aus dem Ozean der Schatten, zieht unweigerlich den Blick nach oben. Während sich die Sinne wie Blütenknospen neu entfalten, geht mit ihnen ringsum die überirdische Schönheit dieses Raumes auf.

Goldene Gottesaugen quellen aus Stuckwolken. Zwei Orgeln, 21 Altäre. Roter Marmor aus dem toskanischen Carrara. Hungrig folgen die Blicke den unerschöpflichen Kostbarkeiten, bis uns die Stimme des Fremdenführers aus der Trance reißt...  50.000 Touristen besuchen jährlich den gewaltigen katholischen Bischofskomplex von Großwardein/Oradea, bestehend aus Kathedrale und Bischofspalast als Sitz des Bistums. Zusammen bilden sie den größten Barockkomplex auf rumänischem Gebiet. Die der Himmelfahrt der Mutter Gottes geweihte Kathedrale gehört nicht nur zum historischen Kulturerbe des Landkreises Bihor, sondern wurde von Papst Johannes Paul II. 1991 in den Rang einer Basilica Minor erhoben - ein seit dem 18. Jahrhundert verwendeter, besonderer Ehrentitel, der ihre Bedeutung für das Umland hervorheben soll.

Gotteshaus der Superlative

Die größte Kathedrale Großwardeins und die größte Barockkirche Rumäniens gilt als Kopie der Residenz des Jesuitenordens in Rom mit identischem Umriß. Ursprünglich von Giovanni Battista Rica in italienischem Barock begonnen, wurde sie nach dessen Tod von Franz Anton Hillebrandt im Stil des Wiener Klassizismus vollendet. Die Orgel aus dem Jahr 1780, seinerzeit die größte Europas, hat Kaiserin Maria Theresia gespendet. Bemerkenswert ist das bis heute unrestaurierte Kuppelfresko von Johann Schopf aus dem Jahr 1778 über den Triumph von Jesus im Himmel. Die übrigen, sich durch leuchtendere Farben abhebenden Deckenmalereien entstammen den Händen des Malers Francisc Storno aus dem 18. Jahrhundert. Den Hauptaltar aus Carrara-Marmor schuf der italienische Meister Triscornia nach Plänen von Stefan Thoth im Neorenaissance-Stil. Die beiden Statuen stellen den heiligen Stefan und den heiligen Emmerich dar. Über all dem schwebt der Geist eines bis heute in der Region überaus beliebten Heiligen, der Pilgerströme in die Kathedrale von Großwardein lockt: der heilige Ladislaus  oder Laszlo, einst König von Ungarn.

Die Heiligkeit in der Familie

Ladislaus  wurde um 1040 als Sohn des späteren ungarischen Königs Bela I. aus der Familie der Arpaden und der Herzogin Ryksa, Schwester des polnischen Fürsten Kasimir, in Polen geboren. Als Belas Bruder, König Andreas I., 1057 seinen Sohn Salomon zum ungarischen König krönte, sah Bela seine Ansprüche auf die Thronfolge verletzt. Mithilfe polnischer Truppen schlug er das ungarische Heer, wobei Andreas auf der Flucht starb. Bela herrschte daraufhin bis zu seinem Tod im Jahre 1063. Salomon, der Zuflucht im Heiligen Römischen Reich - offizielle Bezeichnung für den Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom Mittelalter bis 1806 - gesucht hatte, blieb  Gegenkönig.
Die dynastischen Kämpfe gingen weiter, als Belas Söhne Géza und Ladislaus nach dessen Tod den Thron für sich beanspruchten. Es war jedoch Salomon, der 1063 mit deutscher Hilfe nach Ungarn zurückkehrte und die Krone an sich riss.

Erneut flohen die Brüder nach Polen, von wo aus sie mit Truppen zurückkehrten. Nach kurzen Kämpfen wurde Salomon im Juni 1064 schließlich von Géza und seinen Brüdern Ladislaus und Lambert die ungarische Königswürde zugesichert. Im Gegenzug verpflichtete sich Salomon, die Herzogtümer Gézas, Ladislaus und Lamberts anzuerkennen.
1074 gelang es Géza dann doch noch, die Macht in Zentralungarn zu übernehmen, den Thron zu besteigen und Salomon in die Flucht zu schlagen. König Géza I. starb am 25. April 1077. Die Nachfolge trat sein Bruder Ladislaus an.
Als König spielte Ladislaus I. eine große Rolle bei der Ansiedlung der Szekler in Siebenbürgen, die das Land gegen einfallende nomadische Horden aus Asien verteidigen sollten. Nach 1091 annektierte er der ungarischen Krone Kroatien und einen Teil des westlichen Balkans. Noch kurz vor seinem Tod im Jahre 1095 hatte er militärische Konflikte mit den Herrschern von Tschechien und Polen.

König Ladislaus I. zeichnete sich als großer Förderer der katholischen Kirche aus. Er unterstützte die Idee des Priesterzölibats, verteidigte das Kirchenvermögen, baute zerstörte Gotteshäuser wieder auf und plädierte rigoros für die Einhaltung religiöser Fastentage. Zeigte sich aber auch als vehementer Moralist: Der Schutz der Ehe war ihm heilig, Ehebruch und Vergewaltigung wurden hart bestraft. Die „Heiligkeit“ lag wohl in der Familie: Seine Tochter Piroschka, die durch Heirat mit  Johannes II. aus dem Hause der Komnenen Kaiserin von Byzanz wurde, ist heute in der orthodoxen Religion als heilige Irina (Irene) bekannt. Der Kult um den heiligen Ladislaus, dessen Körper - angeblich auf eigenen Wunsch - 1113 nach Oradea transferiert wurde, begann vor allem nach dessen Kanonisierung 1192 unter Papst Coelestin III. Unterstützt von den Königen Ludwig von Anjou (1342-1382) und Sigismund von Luxemburg (1387-1437), breitete er sich rasant aus und Großwardein wurde während des gesamten Mittelalters zu einem bedeutenden Pilgerziel für Kleriker und Laien aus dem In- und Ausland.

Goldene Ladislaus-Büste und ein mobiler Militäraltar

Im Museum Szent Laszlo, zum heiligen Ladislaus, begegnen wir ihm wieder.  Über eine Stiege im Kirchenschiff gelangt man in die vier Räume, in dem, wie der Kirchenführer betont, nur etwa fünf Prozent des Bischofsschatzes ausgestellt sind! Schon die erste Kammer überwältigt mit goldenen Stickereien - Ornate der Bischöfe, darunter auch ein 17-teiliges Festgewand, das Maria Theresia persönlich getragen hat, wie der Führer erzählt. Unter den liturgischen Exponaten ist die fast lebensgroße goldene Ladislaus-Büste in der Schatzkammer das Highlight. Sie wurde vom Künstler Stefan Thoth nach dem Vorbild eines ebenfalls ausgestellten Porträts aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschaffen. Das Kunstwerk beinhaltet eine in Augsburg gefertigte, edelsteinbesetzte Schatulle mit den Reliquien des königlichen Heiligen - angeblich ein Stück seines Schädels - zu Betrachten durch ein kleines Glasfenster. Einzigartig auch das Sichtfenster an der Basis der Büste, das Ladislaus, zum Gebet kniend, noch einmal in Miniatur darstellt. Zum Feiertag des Heiligen wird die Büste samt Reliquie in einer Prozession durch das Stadtzentrum Großwardeins getragen. Neben  filigranen, meist edelsteinbesetzten liturgischen Objekten und Reliquienmedaillions zahlreicher Heiliger beeindruckt vor allem der mobile Militäraltar aus dem 17. Jh in Form einer Holztruhe mit vergoldetem Aufsatz, der bei jeder wichtigen Schlacht des Österreichisch-Ungarischen Imperiums im 18.-19. Jh dabei war. Das Museum in der Kathedrale ist täglich außer sonntags von 8 bis 17 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei, nur der Zugang zur Schatzkammer kostet 7 Lei.  Führungen durch die Kathedrale und das Museum werden auch in deutscher Sprache angeboten.

Der Bischofspalast

Betäubt von der überirdischen Pracht treten wir nach draußen. Wieder gleißender Sonnenschein. Der Duft von Rosen und tausenden Sommerblumen begleitet uns zur Pforte Von einem Säulenpodest grüßt - diesmal aus Stein - der heilige Ladislaus: Es ist seine älteste Statue in Europa (1738). Erneut schlagen Superlative zu: Neben der hellgelben Kathedrale liegt der Bischofspalast, mit 12.000 Quadratmetern umbauter Fläche das größte Residenzgebäude des Landes. 15 Jahre wurde an ihm gebaut. Die Legende, dass es für jeden Tag im Jahr ein Fenster gibt, stimmt jedoch nicht, klärt der Führer auf. Und amüsiert mit einer Aussage, die angeblich Maria Theresia bei ihrem ersten Besuch hier entfuhr. Zum Bischof gewandt soll sie süffisant bemerkt haben: „Der Stall ist ziemlich groß für ein einziges Schwein.“ Die Gigantomanie des Palastes spiegelt auch die ständige heimliche Konkurrenz Großwardeins mit Wien als Kulturstadt wider.

Hier wirkte einst Michael Haydn, der Bruder des bekannteren Joseph, der im Festsaaljede Woche eine neue Oper aufführen lassen musste. Der Kapellmeister kehrte dem Ort allerdings 1762 den Rücken und ging nach Salzburg zu Mozart, der damals fünf Jahre alt war. Der Konzertsaal, noch heute zu besichtigen, wurde später in einen Saal für gesetzte Essen verwandelt und 1880 umdekoriert. Die Deckengemälde erzählen die Geschichte des hl. Ladislaus. An der Wand Medaillions wichtiger Persönlichkeiten, darunter auch Porträts von Kaiser Franz Joseph und Sissi. Der schönste Raum des Gebäudes ist die Privatkapelle des Bischofs, die als einzige nicht vandalisiert wurde, nachdem der Palast 1944 in ein sowjetisches Militärspital und 1945 in ein Flüchtlingsheim für Mazedonier transformiert wurde, weil sie als Abstellkammer für Bücher, bis oben hin vollgestopft, verschlossen geblieben war. Italienische Fresken im Stil „falscher“ Architektur verleihen die Illusion von Weite. Weite, bis an die Grenzen des Himmelreichs.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*