Verrückte Traumwelt in der Wüste

Durch Nevada und Las Vegas

Freitag, 02. Oktober 2015

Wasser formt die Wüste - typische Landschaft in der Sierra Nevada

Als ich noch als kleiner Junge in der Großsanktnikolauser Altgasse über Karl May und den „Lederstrumpf“ die ersten Amerika-Vorstellungen vermittelt bekam, die sich im Laufe der Zeit durch die Massenmedien vervollkommneten, spielte die Fantasie eine entscheidende Rolle. Doch die Wirklichkeit weicht vom imaginär geprägten Bild meistens erheblich ab. Auf einer mehrwöchigen Amerika-Reise, die mich auf über 6000 Straßen- und 10.000 Flugkilometern durch mehrere Bundesstaaten im Osten und Westen der USA führte, hatte sich die Möglichkeit geboten, das wirkliche US-Amerika kennenzulernen. Hier einige Momenteindrücke aus Nevada und Las Vegas.

Bei Mesquite erreichen wir den Wüstenstaat Nevada, das Land der Glücksspiele. Einen Vorgeschmack auf Las Vegas bietet das Casino des kleinen Städtchens, wohin wir vor der Mittagsglut flüchteten: Mittagsbuffet, und jeder Tisch ist gleichzeitig Spieltisch, mit zig Zahlenvordrucken ausgestattet, auf denen bloß sieben Zahlen anzukreuzen sind, fünf richtige bringen einen Gewinn. Mit drei US-Dollar Einsatz hat die blonde Barbara am Nebentisch 300 Dollar gewonnen. Die richtige Einstimmung auf Las Vegas...

Spielhölle im Sand

Mittwoch, 15 Uhr: Wir erreichen Las Vegas. 48°C Schattentemperatur. Wir stürzen aus dem klimatisierten Bus ins Hotel Excalibur, benannt nach dem Schwert König Arthurs, ein einem mittelalterlichen Schloss ähnelnder Monsterbau mit vier Riesentürmen: 4032 Betten. Vom 26.Stockwerk gleiten unsere Blicke über den Schwesterbau, das pyramidenförmige Luxor-Hotel, in dessen Erdgeschoß man in Booten auf einem Pseudomini-Nil dahinpaddeln kann.

Las Vegas - eine Traumwelt in der Wüste, die von der Leidenschaft oder vom Laster, wohl vereint in der Spielsucht, lebt. Doch man gibt sich gerne familienfreundlich, indem auch für die Kleinen und Kleinsten geldlose Spielautomaten aufgestellt sind. Das Prinzip, Geld den Besitzer wechseln zu lassen, ist einfach: In den riesigen Hotelhallen stehen einarmige Banditen, Roulette-Tische, an denen rund um die Uhr gespielt werden darf. Geldwechsler schieben ihr Wägelchen vor sich hin. Superminirockdamen bringen eisgekühlte Getränke. Im ersten Stock sorgen Restaurants, Buffets, Cafès usw. für Stärkung, lindern die Enttäuschung oder laden, wenn das Glück mal zugeschlagen haben sollte, zum Feiern ein. Erst ab dem 3. Stockwerk sind die Hotelzimmer untergebracht. Man lockt den Gast mit relativ preiswerten Zimmerpreisen, damit er sein Geld anbringe. Die 24 Millionen Besucher pro Jahr bescheren der Stadt zwei Milliarden Dollar Gewinn. Erst ab 750 Dollar Gewinn muß der Glückliche 30 Prozent Steuern zahlen. Die Einwohner Nevadas hingegen sind befreit von der Lohn- und Einkommenssteuer.

Abends erst erwacht die Stadt in der Wüste im bunten Lichterglanz zum Leben: Da stehen sie, die Spielhöllen Treasure Island, Cesar’s Palace, Circus Maximus, Aladin, Flamengo, MGM - mit 5000 Betten weltgrößtes Hotel, Mirage, The Golden Nugget, Tropicana, Imperial Palace, Excalibur, Luxor und wie sie sonst noch heißen. Selbst welterfahrene Reisende kommen nicht aus dem Staunen. Es ist fast Mitternacht und noch immer hat es 35 Grad. Wir wohnen nach einem Rundgang durch etliche Etablissements einer Piratenshow im Freien bei; die Mannschaften zweier Schiffe bekämpfen einander im Wasser mit Kanonenfeuer. Julio Iglesias’ Name lockt auf einer riesigen Leuchtreklametafel. Gegenüber, in Bally’s Casino, singt Engelbert.

Die 850.000 Einwohner-Stadt mit ihren 60.000 Hotelbetten verzeichnet die höchste Zuwachsrate in den USA, bietet doch die Glückspielindustrie Arbeitsplätze mit reichlichen Trinkgeldern. Vor allem sind es Kalifornier, die nach Las Vegas kommen, denn hier finden sie preisgünstige Häuser. Am weltberühmten, 5 km langen „Strip“ sucht man nicht nur Casinos auf. Hier boomt auch der Heirats- und Scheidungstourismus. Viele Weltstars geben sich in der berühmten Little–White-Chapel das Ja-Wort... In Las Vegas zu sein, ohne zu spielen, hieße Wien ohne Heurigen und München ohne Bierkeller. Es ist kurz vor Mitternacht; zurück im Excalibur, „spiele“ ich also: 4 mal 25 Cent. Waltraud versucht es ebenfalls: 8 mal 25 Cent. Wir haben unsere Alibi-Pflicht Las Vegas gegenüber getan. Überall buhlt man um den Gast, der ist hier König, im Morgengrauen jedoch vielleicht schon zum Bettler entspielt... Doch wes’ Leidenschaft zähmt sich ganz von selbst?

Aufbruch durch die Wüste

9 Uhr früh: noch immer oder schon wieder 30 Grad. Wir verlassen Las Vegas in Richtung Norden. In der Wüste Nevada gelangen wir durch das 3000 Quadratkilometer große militärische Sperrgebiet, wo seit 1962 angeblich keine Atomtests mehr gemacht werden.

Eine Autostunde von Las Vegas entfernt sichten wir ein gewisses Etwas in der Wüste: ein Chicken-House. Wir denken an eine Hühnerfarm. Falsch: Es ist eine andere Art von Farm: das Freudenhaus Amargosa, bestehend aus vier aneinandergereihten Gebäuden à la Western-Saloon, davor ein einsatzbereiter Galgen... In den USA ist Prostitution nicht erlaubt, ausgenommen in Nevada. Da Las Vegas sich aber familienfreundlich gibt und der Kunde sein Geld beim Spielen und nicht anderswo anbringen möge, hat man die Damen delogiert.

Endlose Kilometer durch die Wüste im Westen Nevadas. Parallel verläuft jenseits der Grenze, in Kalifornien, das Tal des Todes (Death Valley),mit 57 Grad Celsius erreicht es die höchste auf der Erde gemessene Temperatur. Wir kommen durch die einstige Goldgräberstadt Goldfield mit einigen historischen Bauten - Relikte aus Wild-West-Tagen. Die dünn besiedelte Wüste - von den 1 Million Einwohnern leben fast alle in Las Vegas (850.000), in Reno oder Carson City - hat ihre goldenen Zeiten längst hinter sich. Heute wird lediglich noch Kupfer abgebaut.

In der Sierra Nevada...

Über den 3200 Meter hoch gelegenen Tioga-Pass gelangen wir in die wunderbare Bergwelt der Sierra Nevada, die mit ihren schneebedeckten Gipfeln über 4000 Meter, bereits auf kalifornischem Gebiet liegt. Die kalifornische Grenzkontrolle ist streng: nicht Pässe, sondern Lebensmittel werden kontrolliert, denn man befürchtet, in Obst, Gemüse und Fleisch Schädlinge, die Kaliforniens Landwirtschaft gefährden könnten, einzuschleppen.

Die Natur entschädigt uns: der Yosemite-Nationalpark, eine Perle der Natur und Prunkstück der USA; sauerstoffreiche Luft, glasklare Seen, würziger Duft von Nadelbäumen, die sich ungeniert in den Himmel schrauben. Hier, wo die Baumgrenze bis 3500 Meter ansteigt, sind die Schwarzbären zuhause. In Mammoth Lakes, dem größten Skigebiet der USA, erreichen die Temperaturen immer noch stolze sommerliche Werte. Dafür entschädigt uns die Kühle der Nacht im komfortablen Holzbau des Quality-Inn. Man sollte an diesem Ort den Zeiger der Uhr für Tage oder Wochen anhalten können...

An der Westseite der Sierra Nevada bergab säumen wieder Kakteenfelder die Straße, dazwischen vereinsamte Föhren: welch eine Mixtur!

Im Sonnenstaat Kalifornien

Über die Westhänge der Sierrea Nevada gelangen wir ins Central Valley Kaliforniens. Der Traum aller Amerikaner heißt Kalifornien: Sonnenstaat, sein Beiname; Naturschönheiten, wirtschaftsstark. Kalifornien kann alleinstehend als siebte Wirtschaftsmacht der Welt gewertet werden. 1846 löste es sich von Mexiko,1850 wird es 31. US-Staat. Hier ist Alkohol ebenso verpönt wie Zigarettenkonsum. Fitnessbewusst trainieren Kalifornier aller Altersgruppen Geist und Körper.

Durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem hat man der Wüste viel Land abgerungen: Kalifornien ist stolz auf seine 150 verschiedenen landwirtschaftlichen Produkte. Von Feigen und Ananas bis Baumwolle, von hochwertigem Fleisch bis Wein wird alles Begehrenswerte geliefert. Dazu ein buntes Völkergemisch: Jeder fünfte Kalifornier - mit 29 Millionen der bevölkerungsreichste US–Staat - ist Lateinamerikaner. Asiaten, Polynesier, Indianer und Europäer leben einträchtig und prägen das Straßenbild. Die mächtigen Ballungsräume Los Angeles, San Francisco und San Diego haben sich zu ernsten Rivalen der Megalopolis an der Ostküste entwickelt.

Von Wüste und subtropischem Klima bis zum ewigen Schnee weist Kalifornien ein differenziertes Landschaftsbild auf.

Verrücktes Amerika

Es wäre nicht Amerika, wenn alles normal wäre. Doch wo liegen die Grenzen der Normalität? Etwa in jenem italienischen Speiseeissaloon San Franciscos, wo auch Knoblaucheis serviert wird? Oder in Las Vegas’ Little White Chapel, wo das Brautpaar mit dem Wagen zum Traualtar vorfahren und ohne auszusteigen getraut werden kann? Vielleicht im zuckersüßen Bohnengulasch Nevadas oder dem vanilleschmackhaften Sauerkraut in Utah? Sind es die überall anzutreffenden Super-Übergewichtigen oder die fitnessbewussten US-Bürger, die vorerst Unmengen von Süßigkeiten verschlingen und dann stundenlang joggend ? Sind es die Superreichen in Beverly Hills oder die Verwahrlosten auf den Straßen und in Kartons Nächtigenden, die Amerika ausmachen?

Ein Land der Extreme, ein verrücktes Amerika? Nein! Oder doch? Auf alle Fälle: Amerika ist anders, anders als es sich viele Europäer und viele Nicht-Amerikaner vorstellen...

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