Via Carpatica und eine Musterhütte im Fogarascher Gebirge

ADZ-Gespräch mit dem Präsidenten des Siebenbürgischen Karpatenvereins, Marcel Şofariu

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Seit Mai 2017 leitet Marcel Şofariu den Siebenbürgischen Karpatenverein.

Seit Mai 2017 hat der Siebenbürgische Karpatenverein (SKV) in der Person des bisherigen Geschäftsführers Marcel Şofariu einen neuen Vereinspräsidenten. In einem in Kronstadt/Braşov mit dem ADZ-Journalisten Ralf Sudrigian geführten Gespräch zieht Şofariu Bilanz über die Vereinstätigkeit in den letzten Monaten und spricht über die weiteren Vorhaben des SKV, aber auch über damit verbundene Schwierigkeiten.

Was kann der SKV an Tätigkeiten in der zweiten Jahreshälfte 2017 vorweisen?

In der zweiten Jahreshälfte fand eine Vielzahl von Veranstaltungen statt, an denen der SKV mitbeteiligt war oder als Veranstalter auftrat. Die SKV-Sektion „Fogarascher Land“ besserte die Stege zwischen den Tälern Viştea Mare und Pojortei im Fogarascher Gebirge aus. Ein anderes SKV-Team frischte zusammen mit Freiwilligen aus dem ganzen Land die Markierungen am Schuler auf. Im August stellte sich der SKV anlässlich des Sachsentreffens in Hermannstadt mit einem eignen Stand vor. Dort wurde Infomaterial über die SKV-Tätigkeit und -Projekte verteilt. Ende August beteiligte sich, auf Initiative von Klaus Gündisch, eine Freiwilligen-Gruppe der Sektion Karpaten des Deutschen Alpenvereins (DAV) zusammen mit SKV-Mitgliedern an einem einwöchigen Lager, während dem, unter SKV-Koordinierung, Wanderwege zwischen Viştea Mare und dem Sâmbăta-Tal neu markiert wurden. Dabei wurde auch mit der Salvamont-Bergwacht zusammengearbeitet, deren Notunterkünfte als Übernachtungsplätze und Ausgangspunkte genutzt wurden. Alle waren von dieser Premiere sehr begeistert, sodass bereits eine ähnliche Aktion, aber in größerem Umfang, fürs nächste Jahr geplant ist. Letztendlich setzen die DAV-Sektion Karpaten und der SKV die Tätigkeit ihres gemeinsamen Vorläufers fort.

Der September war dann auch ein voller Monat.

Wir konnten die auf rumänischem Gebiet gelegenen Trassen der Fernwanderwege E3 und E8 (insgesamt rund 2000 km) endgültig festlegen. Das ist auch das Hauptziel des Projektes „Die Anbindung Rumäniens an das europäische Fernwanderwegnetz“, ein Projekt, das durch den Schweizer Beitrag an die erweiterte Europäische Union mitfinanziert wird. Wir haben dafür auch einen 150 Seiten starken Wanderführer herausgebracht mit Kartenmaterial und Wegbeschreibungen für jeden Wandertag auf diesen Fernwanderwegen. Nun soll bald auch die Online-Variante fertiggestellt werden. Zusammen mit dem Klausenburger Team von Munţii Noştri/Schubert&Franzke haben wir eine Gesamtkarte aller 12 europäischen Fernwanderwege herausgebracht, die nun auch die rumänischen Karpaten einschließen. Diese Unterlagen konnten an alle Teilnehmer und Touristen verteilt werden, die in Kronstadt bei der vom SKV organisierten Jahreskonferenz der Europäischen Wandervereinigung (EWV) dabei waren. Während dieser Tagung fand auch ein Workshop statt, an dem zwei Schweizer Fachleute die gegenwärtige Lage der Wanderweg-Infrastruktur auf der Zinne und am Schuler analysierten und die „Schweizer Wanderwege“ als SKV-Partner vorstellten.

Die Jahreskonferenz endete mit einem Picknick im Garten der Kirchenburg Wolkendorf, mit dem Besuch der Rosenauer Bauernburg und mit einem Abendessen bei der SKV-Hütte „Julius Römer“, wo die „Nightlosers“ unter Hanno Höfer mit ihrer originellen Mischung von Blues und siebenbürgischer Volksmusik alle zum Tanz animierten.

Gibt es bereits Wanderer auf den rumänischen Abschnitten der Fernwanderwege?

Einige Fernwanderer gab es bereits, als wir nach den besten Verbindungen zwischen den bestehenden Wanderwegen suchten. Nun sind wir in der Lage, alle notwendigen Infos zur Verfügung zu stellen, selbst für jene Strecken, die noch nicht markiert sind. Es gibt bereits positive Rückmeldungen vor allem für die Bereiche, die neu markiert und mit Wegweisern versehen wurden. Solche Meinungen, die vor allem von Einzelwanderern kommen, sind sehr wichtig, denn sie werden von Tausenden anderer Wanderfreunde online verfolgt. Solche Texte, Fotos und Videos sind, insofern sie positiv ausfallen, die beste Werbung mit einer viel stärkeren Wirkung als das Verteilen von Unmengen von Werbebroschüren. Wir wollen, soweit das möglich ist, mit allen in Verbindung sein und ihnen mit Ratschlägen, Infos, Kontaktmöglichkeiten zu vertrauenswürdigen Personen vor Ort zur Seite stehen. Selbstverständlich berücksichtigen wir auch ihre Vorschläge und Bemerkungen. Für die Zukunft planen wir auch das Einrichten einer Webseite, auf der es um die rumänischen Abschnitte der E3 und der E8 geht.

Wie steht es um die Schutzhütten des SKV?

Wir haben einen Entwurf für eine Muster-Schutzhütte ausgearbeitet. Diesen haben wir zwecks Begutachtung an mehrere Partner (einschließlich an die Sektion Karpaten des DAV) geschickt und dann das Projekt aufgrund der Rückmeldungen ergänzt und verbessert. Wir haben vor, diese Musterhütte unter dem Moldoveanu-Gipfel im Fogarascher Gebirge im Viştea-Mare-Tal, bei 1700 Meter Höhe, oberhalb der alten SKV-Notunterkunft zu errichten. Dafür hat uns das Bürgermeisteramt der Gemeinde Viştea bereits das notwendige Grundstück zur Verfügung gestellt. Was die bautechnischen Fragen betrifft, werden wir uns mit dem DAV und der Deutschen Bundesstiftung für Umwelt (DBU) beraten. Für die Finanzierung der Bauarbeiten werden wir einen Antrag auf EU-Förderung stellen.

Im Oktober hat der SKV bei der Gaststätte und Forellenzucht Albota ein Treffen mit Bürgermeistern aus dem Gebiet des Fogarascher Gebirges veranstaltet, bei dem es um die Zusammenarbeit im Bereich Wegmarkierung und Wiederherstellung der Schutzhüttenkette ging. Fürs Frühjahr haben wir eine Informationsreise in die Schweiz und nach Deutschland geplant, wo Vertreter der Gemeinden aus dem Fogarascher Land vor Ort erfahren können, wie eine gute Zusammenarbeit zwischen den lokalen Behörden und den Bergtourismusvereinen läuft, um die für den Bergtourismus erforderliche Infrastruktur zu erstellen und zu erhalten. Zu diesem Thema haben wir bereits den Kontakt zu unseren Partnern vom DAV und den „Schweizer Wanderwegen“ aufgenommen.

Was die ehemalige SKV-Hütte am Königstein („Curmătura“) betrifft, so hat die erste Gerichtsinstanz, nach drei Jahren, das vom Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) eingeleitete Verfahren als unbegründet zurückgewiesen. Sämtliche Rückgabeanträge wurden bekanntlich im Namen des DFDR als Nachfolgeorganisation der Vereine und Stiftungen der deutschen Minderheit in Rumänien eingeleitet. Gegen diesen Gerichtsbeschluss sind wir selbstverständlich in Berufung gegangen.

Die „Julius Römer“-Hütte/Postăvarul ist für die Wintersaison gut vorbereitet: Es wurde ein Stand eingerichtet, um die Kunden auf der Terrasse zu bedienen; die Bar wurde vergrößert, um das Anstehen zu verkürzen; die Küche wurde neu eingerichtet. An all diesen Erneuerungen erfreute sich an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen ein „treuer Kunde“: ein Bär.

In diesem Jahr wurde im Rahmen der Karpatenkonvention in Kronstadt der Sitz der Arbeitsgruppe für nachhaltigen Tourismus eingerichtet. Ist der SKV auch in dieser Hinsicht aktiv geworden?

Wir sind bereits seit ihrer Gründung in dieser Arbeitsgruppe vertreten und bei deren Treffen präsent. So zum Beispiel beteiligten sich drei SKV-Mitglieder im Oktober in Lillafüred (Ungarn) an einer Konferenz der Karpatenkonvention. Zusammen mit unseren Partnern aus Polen haben wir unsere Expedition entlang der Karpaten vorgestellt, während die polnischen Kollegen über ein ähnliches Unternehmen berichteten, das vor 40 Jahren stattgefunden hat. Bei beiden Aktionen geht es um die Via Carpatica, die von Serbien über Rumänien, die Ukraine, Polen, die Slowakei und Tschechien bis nach Österreich führt. Von der rund 2800 km langen Strecke liegt ungefähr die Hälfte in Rumänien. Im November beteiligten wir uns auch an einer Beratungsrunde anlässlich der Bukarester Tourismusmesse.

Erfreulich und unerwartet war eine Anfrage seitens einer Studentengruppe aus Dänemark, bei der auch zwei Rumänen mitwirken. Es ging dabei um eine Master-Arbeit über eine Wanderroute in den Karpaten nach dem Beispiel der „Via Alpina“ in den Alpen. Bei ihrer Dokumentation erfuhren sie, dass es eine „Via Carpatica“ bereits gibt und nahmen den Kontakt zu uns auf. Wir berichteten ihnen über unsere Arbeit, gaben ihnen weitere Anhaltspunkte. Im Sommer werden wir uns wahrscheinlich in den Bergen auch persönlich kennenlernen.

Im November beendeten zwölf Kursteilnehmer den vom SKV nach EWV-Vorlagen in Kronstadt veranstalteten Lehrgang für Bergführer – ein Lehrgang, der im nächsten Jahr in Hermannstadt wiederholt wird.

Der SKV kann also vieles vorweisen. Ist die Gesamtlage tatsächlich so gut?

Rumäniens natürliches Potenzial für den Bergtourismus ist enorm: Die Gebirgsfläche unseres Landes ist doppelt so groß wie jene der Schweiz. Aber der SKV, einer der „großen“ Wandervereine in Rumänien, mit so zahlreichen Vorhaben, bringt heute leider nur ein Zehntel an Mitgliedern zusammen, wenn man die Zahlen mit jenen vor 80 Jahren vergleicht. An Vereinsmitgliedern können wir uns mit … Malta vergleichen. Der Liechtensteiner Alpenverein (LAV) hat fünfmal mehr Mitglieder als der SKV. So sieht das eben bei uns mit dem Wandern aus. Die Herausforderungen überwältigen uns – und die Mittel, über die wir verfügen, sind begrenzt.

In den letzten drei Jahren hatten wir die Gelegenheit, nach vorherigen kleineren Projekten, uns, dank der Unterstützung aus der Schweiz, an ein großes gemeinnütziges Projekt heranzuwagen. Wir haben große Ziele und können bereits gute Ergebnisse auf Landes- und europäischer Ebene vorweisen. Aber obwohl dieses Projekt sich nun in seiner Abschlussphase befindet, verfügen wir noch nicht über den gesamten bescheidenen rumänischen Eigenbeitrag, um das Projekt erfolgreich durchzuziehen. Wir bemühen uns, Unternehmen und Personen heranzuziehen, die an unserer Tätigkeit interessiert sind und die den SKV in seiner Pionierarbeit unterstützen können.

Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch!

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