Viele Bukarester Germanistikstudenten gingen durch ihre Hände

Nachruf auf die bedeutende Mediävistin Dr. Sevilla Baer

Samstag, 20. Januar 2018

So haben viele einstige Bukarester Germanistikstudenten Sevilla Baer in Erinnerung.

Am 27. November 2017, im Alter von 98 Jahren, starb in Limburg Dr. Sevilla Baer, vormals Tomoşoiu, danach Răducanu. Nach kurzem Leiden ging ein erfülltes Leben zu Ende. Die Urnenbestattung fand am 15. Dezember in Frankfurt am Main statt. Nun können wir mit Frau Sevilla Baer nicht mehr sprechen.

Einige Wochen davor hatte ich Frau Baer gegenüber betont, dass wir leider nur telefonisch kommunizieren und zu wenig mobil sind, um einander zu begegnen. Sie zitierte daraufhin wortwörtlich einen Abschnitt aus Goethes „Märchen“, einem weniger bekannten Spätwerk. Dort heißt es sinngemäß: Die grüne Schlange begegnet einem König, der wissen will, woher sie komme. „Aus den Klüften“, versetzt die Schlange, „wo das Gold wächst.“ Am Schluss fragt sie der König: „Was ist herrlicher als Gold?“ „Das Licht“, antwortet sie. „Und was ist noch erquicklicher als Licht?“ „Das Gespräch“, betont die grüne Schlange.

Sevilla Baer wurde am 19. September 1919 als Spross einer Regensburger Familie in Câmpina geboren. Ihr Großvater war von König Karl I. als Fachmann für den Bau von Eisenbahnstrecken nach Rumänien berufen worden. In Bukarest besuchte Sevilla die deutsche Schule und studierte an der Bukarester Universität, Facultatea pentru Litere şi Filosofie, Germanistik und Romanistik. Ab 1941 erhielt sie ein deutsches Stipendium für ein Studium an den Universitäten München und Tübingen, wo sie vier Semester lang ihre literaturgeschichtlichen Kenntnisse vertiefen und begeistert geistige Anregungen aufnehmen konnte. Gern erinnerte sie sich später noch an niveauvolle Vorlesungen und Seminare, die ihre Einsicht in literaturgeschichtliche und philosophische Zusammenhänge bereicherten und vertieften. All das kam ihrer beruflichen Entfaltung zugute; sie war später in Rumänien als Mediävistin unübertroffen.

Nach dem Staatsexamen arbeitete sie ab 1943 an einem Bukarester Gymnasium als Fremdsprachenlehrerin und wurde dann, 1949, als Assistentin an den Lehrstuhl für Deutsch an die Bukarester Universität, Fakultät für Philologie, berufen.

Ab dem Herbst 1953 besuchte auch ich Seminare und Vorlesungen unserer damaligen Lektorin Sevilla Tomoşoiu, die uns Studenten mit Methoden der Interpretation von Balladen und lyrischen Gedichten vertraut machte, in die Geschichte des Romans einführte sowie durch Vorträge im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ mit dem Kulturleben und Literaturbetrieb im damaligen Rumänien bekannt machte. Sie war allgemein geachtet und beliebt.

Uns Studenten fielen von Anfang an ihr gründliches Wissen, der reiche aktive Wortschatz und die akzentfreie Aussprache auf. Dass Bayern ihre Stammheimat war, wussten wir nicht, empfanden jedoch ihre angenehme Ausstrahlung, berufliche Kompetenz und Hingabe deutlich. Es lässt sich nicht bestreiten, dass wir vor über sechzig Jahren keineswegs in der Lage sein konnten, die ganze Leistungsfähigkeit unserer Dozentin richtig zu beurteilen, denn ihre Vorträge vor anderen Gremien und viele ihrer wissenschaftlichen Publikationen waren uns nicht bekannt. Viele davon erschienen ja erst später, und ich selbst erfuhr erst sechzig Jahre nach meinem Staatsexamen mehr darüber. Wenn manche Kommilitonen von dazumal die größten Verdienste Sevilla Baers bis heute nicht anerkennen wollen, so sind nicht immer Arroganz und Überheblichkeit im Spiel. Manche der Seminarteilnehmer waren vielleicht unkonzentriert, von der Schönheit unserer Dozentin vom Thema abgelenkt.

Frau Dr. Baers literaturwissenschaftliche Publikationen – etwa fünfzig – übertreffen zahlenmäßig die aller Bukarester Fachkollegen am Deutsch-Katheder zusammen. Als Herausgeberin von elf Anthologien mit Werken deutscher Schriftsteller und Dichter sowie mehrerer Darstellungen literarischer Strömungen bereicherte sie auch die Lektüre deutscher Gymnasialschüler in Rumänien. Manches davon diente den Deutschlehrern zur Orientierung, wenn sie Sevillas ausführliche Vorworte, die meist über vierzig Seiten umfassten, als Interpretationshilfe nutzten. Auch an acht Schulbüchern und Textauswahlen für deutsche Schulklassen hat sie mitgearbeitet, sowie an einem deutsch-rumänischen und rumänisch-deutschen Wörterbuch. Nicht zu vergessen ihre 29 Übersetzungen, darunter acht Romane, tausend mittelhochdeutsche Verse und neuere Prosawerke, wie den Roman „Der Purpur“ des damaligen deutschen Botschafters in Rumänien, Erwin Wickert, den sie ins Rumänische übertragen hat. Sevilla Baers größtes Projekt war die erste rumänische Goethe-Gesamtausgabe in 24 Bänden, eine riesige und anspruchsvolle Aufgabe, die sie zu Beginn der achtziger Jahre gemeinsam mit Dr. Jean Livescu zu lösen begann. Dafür hat sie mehrere Dramen Goethes selbst übersetzt und mehrere Bände fertiggestellt. Livescus Tod und Frau Baers Aussiedlung 1988 unterbrachen diese Arbeit. Heute noch fehlen in dieser Ausgabe sechs Bände – und dennoch ...

Lange vor ihrer Aussiedlung folgte sie der Einladung, an einer Tagung der Internationalen Lenau-Gesellschaft an der Uni Heidelberg mit einem Vortrag über die Lenau-Rezeption in Rumänien teilzunehmen. Daraufhin wurde sie Ehrenmitglied dieser Gesellschaft. Andererseits verweigerte das Dekanat ihr in Bukarest die Beförderung zur Professorin, obwohl ihre Dissertation über Dürrenmatt sehr gut bewertet worden war – man wusste von Sevillas Beziehungen zu Verwandten, Freunden und Kollegen in Westdeutschland.

Obwohl ihr Lebensweg und ihre Laufbahn unter einem guten Stern standen, brachte der Alltag im „real existierenden Sozialismus“ doch auch für sie Einschränkungen und Mängel, Sorgen und Befürchtungen mit sich: die Furcht vor Bespitzelung, die Willkür der Chefs, das geringe Einkommen, das es durch Privatunterricht aufzubessern galt, das Schlangestehen, aber vor allem zwei polizeiliche Verhaftungen mit dem Ziel, Sevilla in die Sowjetunion zu deportieren, brachten sie aus der Fassung. Ihr Neffe Andreas berichtet in seiner Trauerrede: „Sevilla besaß eine Bescheinigung vom 31. Januar 1945, die erklärt, dass Sevilla Tomoşoiu auf eine Liste der Alliierten Kontrollkommission gesetzt wurde, sodass sie vor den Maßnahmen zur Aushebung der rumäniendeutschen Staatsbürger ausgenommen, das heißt geschützt werden sollte. Trotzdem wurde sie nachts abgeholt, um in die Sowjetunion deportiert zu werden, und nur der mutige Einsatz ihres rumänischen Ehemannes Tomoşoiu konnte sie retten.“

Sie selbst und ihre Eltern waren überzeugt, dass ein so empfindsamer Mensch wie Sevilla, der körperliche Anstrengungen nicht gewöhnt war, die Belastungen einer Zwangsarbeit in der Sowjetunion schwerlich überleben könnte. Ihre damaligen Befürchtungen und Ängste haben auch Sevillas religiöses Denken und Empfinden verändert und es sollte 72 Jahre später kein Geistlicher sie vor ihrer Bestattung zum Abschied segnen. Es erklang das Adagio aus Haydns Abschiedssinfonie.

Abschließend kann ich nur bestätigen, was Sevillas nahe Angehörige über ihre geistige Leistungsfähigkeit und ihre Art des Umgangs mit den Mitmenschen erzählen.

Sie lebte bis kurz vor ihrem Tode allein in einer größeren Limburger Wohnung mit zahllosen Büchern, in denen sie mithilfe eines Sehgerätes täglich las. Sie verwaltete sich selbst. Über den Besuch von Verwandten freute sie sich stets. Diese betonen oft das ungewöhnliche Erinnerungsvermögen, die geistige Frische und Neugier Sevillas. Zitierfreudig nahm sie zu vielen Bildungs- und Lebensfragen Stellung und bezog die Haltung von Denkern und Dichtern wortwörtlich in ihre Argumentation mit ein. Sie nannte Philosophen aus früheren Jahrhunderten, bis hin zu Sloterdijk und dem genialen zeitgenössischen Philosophen Emmanuel Levinas. Dessen Ethik zu verstehen half sie mir vor einigen Wochen und ergänzte auch mein Wissen über Paul Celan.

Ihre späten Tage waren von tiefer Freude über die Schönheit klassischer Musik erfüllt, die sie jeden Abend hörte.

Inhalt und Sinn ihres Berufslebens war eine intensive Beschäftigung mit der schöngeistigen Literatur, dem kulturellen Erbe generell und mit den intellektuellen Bestrebungen über die Grenzen Deutschlands hinaus. Was Sie erkannt und in sich aufgenommen hatte, gab sie an Lernende und Leser gern weiter. Unbestechlich auch im politischen Sinne, wich sie nie von ihren Überzeugungen ab. Weisheit und Herzensgüte prägten das Wesen dieser tapferen Frau.

Auf dem Weg zum Frankfurter Friedhof dachte ich an Sevillas Leben zurück und glaubte die Vertonung eines Psalms als achtstimmigen Chor von Felix Mendelssohn Bartholdy zu hören: „Und Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen“. Sevilla Baer mochte auch diese Musik.

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