Viele Sprünge führen ans Ziel

Ständig neu erfinden musste sich Biologin Natalie Orleanu in ihrer Wahlheimat Rumänien

Montag, 23. Januar 2012

Auswandern nach Rumänien - für Natalie ein Sprung ins Glück!

Spielerisch Deutsch lernen im Kommunikationszentrum „Germanica“.

Stadtkinder entdecken mit Biologin Natalie die Geheimnisse des Waldes und der Natur.

Unbeschwerter Ferienspaß in den Bergen bei Bran

„Eine Deutsche, die glücklich in Rumänien lebt – für viele Einheimische immer noch ein unverständliches Phänomen“ lacht Natalie Orleanu. Die studierte Botanikerin und heutige Deutschlehrerin ist eine dieser seltenen Spezies. Ihre „biologische Nische“ im Abenteuerland Rumänien hat sie längst gefunden, wenn auch auf einem spannenden Weg mit vielen Ecken und Kanten. „Wenn mir vor 15 Jahren jemand gesagt hätte, wie mein Leben verlaufen wird – ich hätte es nie geglaubt!“ Wieder perlendes Lachen aus dem Mund der jugendlich wirkenden 39-Jährigen.

Heute profitieren ihre Schüler von den vielen kleinen Kulturschocks, Fettnäpfchen und Anekdoten, die Natalie aufgrund ihrer langjährigen Rumänienerfahrung gesammelt hat, und die ihr gesellschaftliche Unterschiede erst so recht verdeutlicht haben. In ihren Kursen vermittelt sie daher nicht nur trockene Grammatik, sondern neben lebendigem Deutsch, wie es heute in Deutschland gesprochen wird, vor allem auch wertvolle  „Do’s und Dont‘s“. Bei dampfendem Kaffee sitzen wir uns in den freundlich hellen Kursräumen ihres neu gegründeten Kommunikationszentrums „Germanica“ in einer geschmackvoll renovierten Bukarester Stadtvilla gegenüber.

„Und wie hat es dich nach Rumänien verschlagen?“ kommt sie mir zuvor und das geplante Interview entgleist in eine lebhafte Unterhaltung. Wir teilen viele ähnliche Erlebnisse, und selbst ihr Haus in Moeciu kenne ich seit langem vom Sehen, aus der Zeit, als das heute oft von lärmendem Ausflugstourismus überschwemmte Bran-Rucăr Tal noch einsam und ursprünglich war...

Ein Studententraum wird wahr

1992 hatte Michael Orleanu, Natalies heutiger Mann, es als ursprüngliches, einfaches Landhäuschen erworben. Nur mit ein paar Helfern aus dem Dorf, viel Abenteuergeist und Schweiß renovierten die beiden Studenten ihr Feriendomizil bis 1995, um es als Basis für Exkursionen im Rahmen des Studiums zu nutzen. „Damals gab es nicht mal überall Nägel und oft musste man weit fahren, um zu finden, was man brauchte“ erinnert sich Natalie.

Heute ist ein attraktives, rustikales Gästehaus daraus geworden. Michael Orleanu, ein Bukarester mit deutschen Wurzeln, dessen Vater einst mit einem Touristenvisum aus dem kommunistischen Rumänien nach Deutschland geflüchtet war, hatte seine alte Heimat kennen- und lieben gelernt, als ihn zwei Kommilitonen zu einer Rumänienreise überredeten. „Zeig uns doch dein Land“, forderten sie ihn auf und die Kumpels brachen mit dem Auto auf ins Abenteuer. Michael war von dem wilden, ursprünglichen Land sofort begeistert. So kam er auf den Gedanken, sich hier ein Standbein aufzubauen.

Mit Freundin Natalie unternahm der Geophysikstudent zahlreiche Reisen zum Sammeln von Steinen und Pflanzen für ihr Studium. Seinem Professor schlug er vor, statt den ewigen Frankreich-Exkursionen doch einmal das unbekanntere Rumänien zu erkunden. So avancierte das Haus in Moeciu bald zum Treffpunkt internationaler Studentengruppen und die Orleanus gründeten eine Stiftung für Umweltschutz und zur Förderung von naturnahem, sanftem Tourismus (Centrul de Ecologie Montana: www.cem.ro). Die Region war hierfür wie geschaffen: selten in Europa liegen zwei Nationalparks – der Bucegi und der Königstein/Piatra Craiului - so dicht zusammen. Sie waren ihrer Zeit ein wenig voraus,denn nur langsam begriffen die Menschen im Dorf, dass sie keine Konkurrenten, sondern Multiplikatoren für Tourismus vor sich hatten, die bereit waren, ihren Idealismus und ihre Kreativität auch zugunsten des Dorfes einzusetzen.

Doch es muss auch Pioniere geben, die erst mal den Weg bereiten, bevor sie die Früchte der eigenen Bemühungen genießen. Michael Orleanu ist zudem Gründermiglied von ECO-România, dem heute bekannten Label der Vereinigung zur Förderung von Ökotourismus (Asociaţia de Ecoturism din România oder AER: www.eco.romania.ro).

1998 bendete auch Natalie ihr Studium. Beide waren seither viel zwischen Rumänien und ihrer deutschen Heimatstadt Dortmund im Ruhrpott gependelt. Michael hatte zwar auch in Deutschland geschäftliche Aktivitäten begonnen, musste jedoch bald erkennen, dass er sich besser auf eine Sache konzentriert. So entschieden sich die Orleanus für den damals mutigen Schritt, ganz nach Rumänien zu gehen.

Neue Herausforderung durch die Familie

Natalie betreute die eigene Stiftung als Biologin, beantragte erfolgreich EU-Projekte und versorgte Gäste als Hauswirtin in Moeciu. Die jungen Leute lebten von der Hand in den Mund – mal gab es einen Batzen Geld, dann wieder eine längere Durststrecke. Doch Genügsamkeit waren sie aus der Studentenzeit gewöhnt. Erst als der Wunsch aufkam, eine Familie zu gründen, erwachte in den beiden auch das Bedürfnis nach mehr Stabilität.

Als Natalie im Dorf zunehmend die Decke auf den Kopf zu fallen begann, verlagerten die Orleanus ihren Lebensschwerpunkt nach Bukarest, wo sich Michael in jahrelangem, zähem Kampf um die Rückerstattung der Familiengüter bemühte – unter anderem der Villa, in der heute die Räume von „Germanica“ liegen. Moeciu wurde zum Wochenend- und Urlaubsdomizil, sowie zum Anlaufpunkt diverser Aktivitäten im Bereich Naturschutz.

Im Mittelpunkt der jungen Familie standen nun die Töchter Valeria (heute 11) und Francisca (9). Zunächst genoss Natalie uneingeschränkt ihre Mutterrolle, doch als das zweite Töchterchen ein halbes Jahr alt war, machte sich in ihr eine innere Unzufriedenheit breit. Die Große ging bereits in den Kindergarten, sodass zudem die früher genossenen Freiheiten einem strukturierten Tagesplan weichen mussten. Was tun, um nicht daheim zu versauern?

Dem Babydeutsch zuhause und dem handgestrickten Kampfrumänisch mit ihren Bukarester Freundinnen überdrüssig, stellte sich Natalie beim Goetheinstitut vor. „Ich bin Biologin und Deutsche, könnt ihr was mit mir anfangen?“ Man empfahl ihr, einen zweijährigen Grundkurs als Deutschlehrerin zu absolvieren. Schon während der Ausbildung konnte sie bei Projekten hospitieren und ab 2005 arbeitete sie als qualifizierte Deutschlehrerin am Goetheinstitut.

Der Clubcharakter des Instituts war ganz nach ihrem Geschmack, ihre Schüler eine willkommene Bereicherung des Familienalltags. Mit der Zeit machte sich jedoch das Bedürfnis breit, mehr eigene Konzepte in den Unterricht einzubringen. So wurde die Idee zu „Germanica“ (www.germanica.ro) geboren – eine „One-Man-Show“, wie Natalie Orleanu verrät, die natürlich alle Kurse selbst unterrichtet.

Öko-Maraton und Kinderferienlager

Nebenbei laufen immer noch die Projekte in Moeciu – etwa der jährliche Öko-Maraton, den Michael selbst mitmacht und in internationalen Sportlerkreisen bekannt gemacht hat, sodass letztes Jahr etwa 700 Teilnehmer aus aller Welt anreisten. In diesem Jahr für den 5. Mai geplant, rechnen die Orleanus mit an die 1000 Gäste, die sich in der ansonsten touristisch toten Zeit in Moeciu tummeln.

Gelaufen wird auf einer kleeblattförmigen Route, deren Zentrum im Dorf liegt, entweder 15 oder 52 km. Auch in den Ferien zieht es die Familie aus dem hektischen Bukarest in ihr Refugium auf dem Land. Unter dem Label „Eco-Kids“ bietet Natalie Kinderferienwochen in ihrem Gästehaus an, mit Entdeckerausflügen in die umliegende Natur. Dort nehmen die Kleinen Bärenpfotenabdrücke in Gips ab, sammeln Käfer und seltene Pflanzen oder beobachten Regenwürmer in einem improvisierten Terrarium.

Oft begleiten sie ausländische Freunde der Orleanus – Meteorologen, Geologen, Biologen –, die den Kleinen spontan ein Naturphänomen erklären. Ganz nebenbei bietet sich rumänischen Kindern Gelegenheit, spielerisch ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen.

Rumänen sind Meister im Improvisieren

Ihre Entscheidung, in Rumänien zu leben, hat Natalie trotz mancher Herausforderungen nie bereut. Was sie über all die Jahre am meisten beeindruckt hat, ist die Erfahrung, dass hier nichts unmöglich ist. Gerade weil Rumänen an Mangel gewöhnt sind, sind sie Meister im Improvisieren.
Zur Illustration erzählt sie von einem nächtlichen Abenteuer mit dem vollbeladenen Mikrobus, als auf einer Serpentinenstraße plötzlich die Bremsen einseitig versagten. Der Wagen geriet ins Schleudern und kam knapp vor dem Abgrund zum Stehen.

Danach fuhren sie vorsichtig mit angezogener Handbremse ins nächste Dorf. Der Mechaniker erkannte sofort, dass Bremsflüssigkeit auslief, doch er konnte das Problem vor Ort nicht reparieren. Kurzerhand steckte er einen Nagel in den Bremsschlauch, der ein weiteres Lecken verhinderte, und das Paar konnte seine Fahrt bis zur nächsten Werkstatt fortsetzen.

Langweilig, so versichert Natalie, ist es in Rumänien  niemals!

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