Viele Zimmer, Küche, Bad

In der Casa Jurnalistului wird Rumäniens Journalismus neu gedacht

Samstag, 25. November 2017

Vlad Ursulean, einer der Gründer der Casa Jurnalistului, in der Küche des Journalisten-Hauses
Foto: die Verfasserin

Selbst die Katze im Haus hat etwas mit Journalismus zu tun. Sie ist ihnen bei einer Recherche zugelaufen und inzwischen die eigentliche Chefin des Hauses: Wenn sie Streicheleinheiten will, springt sie auf einen der Schreibtische im Dachgeschoss und wartet so lange, bis jemand sie krault.

Dass sich Journalisten wie in der Casa Jurnalistului (Haus des Journalisten) zusammenschließen, um gemeinsam zu recherchieren und abseits von den klassischen Medien im Internet zu veröffentlichen, ist nicht neu. Dass sie dafür aber gleich ein Haus mieten, mit oder ohne Katze, zusammen wohnen und alles über das Internet finanzieren, das ist selten.

Angefangen hat Casa Jurnalistului 2013, nach den Protesten gegen die Regierung. Die Leute waren unzufrieden mit der Berichterstattung der Massenmedien über die Proteste. Und einige Journalisten waren es auch. „Wir haben alle in den klassischen Medien gearbeitet“, steht auf der Webseite von Casa Jurnalistului, „bei Zeitungen, Fernsehen und Radio. Wir haben preisgekrönte Geschichten publiziert. Wir haben aber auch gemerkt, wie die meisten Medien von Politikern instrumentalisiert werden. Das hat uns unseren Enthusiasmus genommen.“ Aus diesem Frust heraus haben die jungen Reporter ihre eigene Plattform gegründet: Casa Jurnalistului. Sie wollten unabhängig sein von Herausgebern, Politikern und sonstigen Einflüssen. Dafür haben sie Räume gesucht, in denen sie arbeiten und wohnen können.

Gefunden haben sie ihren Platz in einem kleinen Haus im Zentrum von Bukarest. „Die Miete ist gerade so bezahlbar, selbst mit unserem kleinen Budget“, sagt Vlad Ursulean, einer der Gründer des Hauses. Rund 20 Journalisten gehören zum Kollektiv, fünf wohnen derzeit fest im Haus, die anderen kommen zum Arbeiten. Die Reporter wollen Geschichten veröffentlichen, für die in den klassischen Medien in Rumänien kein Platz ist.

So haben sie zum Beispiel Flüchtlinge auf ihrem Weg von Griechenland nach Deutschland begleitet, berichten über Fracking in Rumänien oder den Alltag rumänischer Straßenkinder, die in Tunneln unter Bukarest eine eigene Welt aus Drogen und Zusammenhalt geschaffen haben.

„Ich will das beste bei jeder Geschichte veröffentlichen“, sagt Vlad Ursulean, „ohne Angst haben zu müssen, ein Auftraggeber zieht das Geld zurück oder will der Recherche eine andere Richtung geben.“ Sich über Werbung zu finanzieren, schied deshalb von Anfang an aus. Zuerst haben die Journalisten noch öfter mit Geld von NGOs gearbeitet oder waren als lokale Helfer für ausländische Journalisten tätig, um Geld zu verdienen. „Aber auch damit waren wir manchmal zu abhängig“, sagt Vlad Ursulean. Deshalb beschlossen sie, ihre Arbeit ganz in die Hände der Leser zu legen.

Über eine Crowdfunding Aktion – also einen Aufruf im Internet – kann man Geld spenden, fünf Euro pro Monat zum Beispiel. Dafür bekommt man unabhängige Recherchen und Geschichten, die man sonst nirgends lesen kann. „Und es funktioniert!“, sagt Vlad Ursulean und klingt dabei immer noch ein wenig ungläubig, denn der Anfang ohne fixes Gehalt, ohne Medienstrukturen im Hintergrund, war hart. Inzwischen ist ihr Unterstützerkreis aber so groß, dass er ihr Projekt trägt. Keiner der Casa-Jurnalistului-Journalisten wird zwar reich dadurch, einige arbeiten nebenbei noch bei anderen Arbeitgebern, aber das Geld genügt für das Haus, Essen und Recherchen.

Inzwischen gibt es mehrere solch kleiner Recherche-Kollektive in Rumänien, die unabhängig recherchieren und veröffentlichen. Sie alle sind Antworten auf die oft unausgewogene Berichterstattung von Rumäniens Mainstream-Medien und bringen relevante Berichte und Geschichten an die Öffentlichkeit. Natürlich bleiben diese kleinen Kollektive eine Nische, aber eine wichtige. Das wird auch beim „New Journalism Kongress“ klar, ein Treffen von unterschiedlichsten Journalisten im November in Bukarest.

Mit Workshops zu Themen wie „Freelancing und Internationales Berichten“ oder „Wie überprüft man Fakten?“ diente der Kongress vor allem dazu, Journalisten zu vernetzen und darüber zu diskutieren, wie Journalismus auf die Herausforderungen der Zeit reagieren muss: Wie kann man unabhängig bleiben? Woher bekommt man Geld? Wie bringt man die gut recherchierten Inhalte im Zeitalter von Falschinformationen an die Leser?  „Überall auf der Welt stehen Journalisten vor den gleichen Problemen“, sagte die Journalistin Natalia Antelava am Ende des Kongresses. Die ehemalige BBC-Reporterin hat Coda Story gegründet, eine Online Plattform für Auslandsthemen. „In Ländern wie Rumänien kommt zu den weltweiten Herausforderungen für den Journalismus aber noch, dass es so etwas wie freie Presse ja noch gar nicht so lange gibt“, sagt sie. Sich langsam an die Meinungsfreiheit zu gewöhnen, dazu ist im Zeitalter von Twitter und 24 Stunden Live Updates aber keine Zeit. Langfristig kann Vertrauen in Presse nur entstehen, da sind sich alle auf der Konferenz einig, wenn Journalisten das tun, wozu sie da sind: recherchieren, Fakten checken, alle Seiten zu Wort kommen lassen und sich nicht mit irgendeiner Sache gemein machen.

Die Casa-Jurnalistului-Mitarbeiter versuchen genau das. Einer ihrer größten Erfolge war eine Recherche über den Orthopäden Gheorghe Burnei. Sie konnten ihm nachweisen, dass er bei Operationen Experimente an Kindern durchgeführt hat, einige von ihnen können bis heute nicht richtig laufen und haben lebenslange Schmerzen. Lange hat den Eltern der Kinder niemand geglaubt, der Arzt galt als Star, bis eine Journalistin von Casa Jurnalistului die Geschichte gehört hat, sich durch Berge von Akten gewühlt und immer mehr Indizien gesammelt hat. Aufgedeckt haben die jungen Journalisten am Ende einen großen Medizinskandal. Inzwischen wurde der Arzt von seiner Arbeit suspendiert.

„Uns war bei all dem wichtig, dass vor allem die Leute die Wahrheit erfahren, die es auch betrifft“, sagt Vlad Ursulean. Das waren im Fall des Arztes zum Beispiel oft ärmere Familien, die nicht unbedingt einer Onlineseite wie Casa Jurnalistului folgen. Deshalb haben die Reporter ihre Ergebnisse auch auf einer Seite zusammengefasst, damit Flyer und kleine Plakate bedruckt und sie vor dem Krankenhaus des Arztes verteilt. Eines dieser Plakate hängt noch immer an der Pinnwand in der Küche des Hauses. Zur Erinnerung. Daneben Fotos, Karten mit Sprüchen und alles was sonst noch so in einer WG-Küche herumliegt. Denn in dieser Sache unterscheidet sich Casa Jurnalistului nicht von vielen anderen Wohngemeinschaften. Es ist die Küche, in der sich alles sammelt: Zeug, das keiner wegwerfen will, Katzen, die einem irgendwie zulaufen, wichtige WG-Dokumente und vor allem: Ideen.

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