„Vieles funktioniert meistens, obwohl hier nicht alles reglementiert ist bis ins Detail“

Interview mit Jens Weingärtner, Leiter des Deutschen Wirtschaftsclubs Mureş

Mittwoch, 21. August 2013

Jens Weingärtner, ein gebürtiger Schwabe, stieg vor fünf Jahren in das Familienunternehmen seines Vaters ein, genauer gesagt, übernahm er die Führung der rumänischen Niederlassung in der Nähe von Neumarkt/Târgu Mureş, in der hauptsächlich konfektionierte Kabel für die Industrie hergestellt werden. Kabel auf Trommeln, Stromverteiler, Leitungen mit Stecker aller Art, Garten- und Druckluftschläuche runden das Portfolio ab. In dem mit Dagmar Schneider für die ADZ geführten Interview erzählt er über den Beginn seiner Tätigkeit im hiesigen Werk bis hin zur Gründung des Deutschen Wirtschaftsclubs Mureş (DWM) vor gut anderthalb Jahren.

Herr Weingärtner, die Firma Top Electro SRL, in der kommunistischen Zeit als  „Electromureş“ bekannt, ist seit über 20 Jahren zuerst zum Teil, dann im kompletten Besitz Ihres Vaters. Erzählen Sie uns, wie ein Unternehmer mit Stammsitz im Schwarzwald zu der Entscheidung kam, in Rumänien aktiv zu werden.

Mein Vater fing schon 1987 an, mit „Electromureş“ zu handeln, und zwar wurde aus dem Stammwerk Kupfer geliefert, zurück kamen fertig konfektionierte Kabel. Dabei wurde immer mehr Kupfer geschickt, als in Form von Kabeln zurückkam. Die Bezahlung war dann das zusätzlich gelieferte Kupfer. Als 1992 die Privatisierung kam, wurde die Gelegenheit genutzt, zusammen mit einem holländischen Partner einen der Produktionsbereiche der „Electromureş“ aufzukaufen und so die heutige „Top Electro SRL“ zu gründen. Als die Firma erweitert werden sollte, das war im Jahr 2000, erwarb mein Vater die Anteile seines Geschäftspartners und wurde somit alleiniger Eigentümer. Die Firma wurde bis zu meinem Einstieg im Sommer 2008 von einem rumänischen Geschäftsführer geleitet und seither kümmere ich mich um das wirtschaftliche Wohl dieses Standortes.

Da ich zur damaligen Zeit eine Auslandstätigkeit in Erwägung zog, nachdem ich sieben Jahre lang in einem deutschen Unternehmen tätig war, fiel mir die Entscheidung leicht, hierher zu kommen –  und bereut habe ich es bis heute nicht.
Um nochmals auf die Frage zurückzukommen, warum Mureş: Es gab in unserem Fall keine Standortfaktoren, welche uns die Suche nach dem geeigneten Standort erleichterten, er war einfach da.

Abgesehen davon, dass für Sie am Ende eines Geschäftsjahres die Zahlen stimmen müssen, gibt es auch Geschäftsbereiche, in denen Sie sich besonders involvieren?

Als Geschäftsführer weiß man oft noch nicht, was alles auf einen zukommt im Laufe des Tages. Kurz zusammengefasst, kümmere ich mich um den reibungslosen Ablauf der Produktion, was eine Nähe an diese voraussetzt, ich führe Gespräche mit den Technikern vor Ort. Beschaffungs- und Auftragsabwicklung ist ein wichtiges Thema, welches immer wieder durch  Telefonate mit Deutschland koordiniert wird. Dann muss ich mich teilweise um die Behördengänge kümmern und ein ganz wichtiges Thema ist der Vertrieb. Ebenso wichtig ist auch der Bereich Warenein- und -ausgang. Durch den hohen Wert, den das Kupfer hat, kann man in relativ kleinen Päckchen viel Geld aus der Firma rausschmuggeln, welches ein großes Problem für uns darstellt und für Betrüger sehr verlockend erscheint.


Trotz vollem Terminkalender blieb genügend Zeit, sich um die Gründung eines Wirtschaftsklubs zu kümmern, der 2012 ins Leben gerufen wurde. Wie fing das an und welches war der Anlass dazu?

Wir haben hier in der Nähe, eine Viertelstunde von Neumarkt/Târgu Mureş entfernt, ein gutes, schwäbisches Restaurant, in welchem sich immer wieder Deutsche zufällig getroffen haben und auch jetzt noch treffen. Irgendwann mal kam die Idee auf, einen Stammtisch zu gründen, das war vor etwa vier Jahren. Über einen E-Mail-Verteiler, wurde zum monatlich stattfindenden Stammtisch, immer am letzten Dienstag im Monat, eingeladen. Die Treffen fanden abwechselnd, mal im „Schwabenhof“ oder einem Gasthaus im Komplex „Weekend“ des Neumarkter Freibades statt oder man ging je nachdem italienisch, rumänisch oder ungarisch essen.

Die Besucher waren und sind auch jetzt noch bunt gemischt, es sind Siebenbürger Sachsen, Rumänen und Ungarn, die Deutsch sprechen, alle aus unterschiedlichen Bereichen stammen, vorwiegend jedoch aus der Wirtschaft. Es hat sich dann herauskristallisiert, dass die Geschäftsleute sich sehr oft über Wirtschaftsthemen unterhielten, und da ist die Idee entstanden, einen Wirtschaftsklub zu gründen, mit offiziellem Eintrag und einem Mitgliedsbeitrag. Soweit kam es dann Anfang 2012. Es mussten danach  noch einige organisatorische Fragen geklärt werden, sodass wir eigentlich seit Ende letzten Jahres aktiv sind.


Anfang des Jahres, bei der Feier des 15-jährigen Jubiläums des Deutschen Wirtschaftsclubs Siebenbürgen (DWS) in Hermannstadt/Sibiu, sind Sie als einer der Ehrengäste begrüßt worden. Erzählen Sie uns über das Programm, welches Sie dort präsentiert haben, und die Ziele, die sich der Deutsche Wirtschaftsclub Mureş (DWM) gesetzt hat.

Wir haben den Club gegründet, um ganz einfach uns zu helfen. Wir sind nicht ausgerichtet, andere Investoren hierher zu bringen, wenn aber jemand anfragt, helfen wir natürlich gerne. Vor einigen Monaten, zum Beispiel, haben wir einem Gärtner, der sich hier niederlassen wird, geholfen. Unser Focus aber liegt auf der Hilfe untereinander. Und da gibt es schon einen wesentlichen Erfolg, und zwar kaufen wir gemeinsam Strom ein mit beträchtlichen Ersparnissen. Allein bei Top Electro sind es 1500 Euro pro Monat gewesen, die wir dadurch einsparen konnten. Wir sind ein relativ kleiner Club mit zurzeit zwölf Mitgliedern. Das Potenzial, den Club auf 30 bis 40 Mitglieder zu zu erhöhen, ist jedoch gegeben. Ein wichtiger Punkt auf unserer To-do-Liste ist, eine Internetplattform aufzubauen, auf der wir uns vorstellen können, über Neuigkeiten berichten können und auf besondere Ereignisse bzw. Treffen aufmerksam machen. Unter www.dwm.ro kann jederzeit der derzeitige Stand eingesehen werden.

Wir wollen gemeinsame Verkäuferschulungen starten, bei denen Erfahrungen eingebracht werden und Verkaufsleute sich untereinander austauschen können. Wir planen, auf unserer Internetseite Listen von Firmen zu führen, die wir weiterempfehlen würden bzw. bei denen man genauer hinschauen sollte. Bei Behördengängen wollen wir uns gegenseitig informieren und unterstützen und planen, Behördenchefs einzuladen, die einen Vortrag vor den Mitgliedern halten werden. Das würde auch eines der größten Probleme, die alle Geschäftsleute hier haben, ansprechen, um das Arbeitsklima mit den Behörden zu verbessern.
Was wir im Moment organisieren, ist ein Abendessen, an dem unsere Assistentinnen und Direktoren sich untereinander besser kennenlernen. Zwischen uns Deutschen, Österreichern und Schweizern funktioniert die Vernetzung schon recht gut. Gut ist, die Kommunikation auch eine Ebene darunter anzukurbeln, da ein persönlicher Kontakt auf Rumänisch, teilweise Ungarisch für alle dienlich ist.


In den ehemals auch deutschsprachigen Gebieten sind im Laufe der Jahre mehrere Deutsche Wirtschaftsklubs gegründet worden. Wie ist die Kooperation mit diesen und wen sprechen Sie als DWM an?

Wir haben zu den schon existierenden Klubs ein freundschaftliches und konstruktives Verhältnis und sind bemüht, uns regelmäßig auszutauschen, abzustimmen und uns gegenseitig zu unterstützen. Es gibt viermal im Jahr ein Treffen von allen Vorständen der Wirtschaftsklubs in Rumänien und da habe ich mich bereit erklärt, dieses Treffen im Herbst hier in Neumarkt zu machen wenn auch das Weinfest stattfindet. Wir haben schon einige Ideen dazu gesammelt, uns gedacht, neben dem offiziellen Treffen auch eine Stadtführung zu organisieren, das Weinfest zu besuchen und somit Networking zu betreiben. Nun muss das Organisatorische noch angegangen werden.

Zum Thema, wen der DWM anspricht, möchte ich sagen, dass unser Einzugsgebiet der Kreis Mureş ist. Wir werden Firmen nicht aktiv angehen, die weiter weg  liegen, es sei denn, die Firma ist durch die räumliche Nähe an uns interessiert. Wir haben in unserer Satzung stehen, dass eine Klubmitgliedschaft deutschen, österreichischen und Schweizer Firmen vorbehalten ist, wobei nun auch eine rumänische Firma, die von einem Siebenbürger Sachsen geführt wird und nach deutschem Sinne handelt, aufgenommen wurde.

Man hört immer wieder von karitativen Aktivitäten der hiesigen Wirtschaftsklubs. Sind in diesem Bereich schon gemeinsame Schritte beim DWM unternommen worden?

Auf karitativer Ebene sind gemeinsame Aktionen noch nicht geplant. Die größeren  Mitgliedsfirmen unterstützen von sich aus immer wieder Bedürftige. Als Beispiel unterstützen wir mit Weihnachtsgeschenken und Spenden ein staatliches Waisenhaus für behinderte Kinder in Neumarkt oder eine Mitgliedsfirma unseres Klubs, die Werbeschilder herstellt, unterstützt eine psychiatrische Anstalt mit Spendenaktionen an Weihnachten und Ostern. Das heißt, im Moment organisiert jede Firma für sich solche Aktionen, aber in Zukunft könnte man eventuell ein Sommerfest mit karitativem Hintergrund ins Auge fassen.


Sie sind nun seit einigen Jahren hier und kennen sich bestimmt auch gut aus mit den  Sehenswürdigkeiten in Rumänien. Wie würde Ihre Empfehlung für Touristen lauten, die vor allem Neumarkt und Umgebung besuchen?

Diesen Fall hab ich in der Tat des Öfteren. Einer der ersten Wege mit den Besuchern führt zur Salzmine in Turda, die recht beeindruckend ist, ebenfalls die Turdaer Schlucht/Cheile Turzii. Beide liegen nur etwa 30 km entfernt von Neumarkt und sind ohne strapaziöse Anfahrt zu erreichen. Eine weitere Station sind die Altstadt und das Dorfmuseum in Hermannstadt/Sibiu, welches eher für einen mehrtägigen Ausflug gedacht ist. Als Tagestour wäre aber sicherlich ein Spaziergang durch die Altstadt von Schäßburg/Sighişoara empfehlenswert. Was mich persönlich auf meinen Reisen im Land sehr beeindruckt hat, sind das Donaudelta mit seiner vielfältigen Flora und Fauna sowie die Schlammvulkane im Kreis Buzău, die leider etwas abseits liegen und schlecht beschildert sind. Ebenfalls ist die Bicaz-Klamm mit dem gleichnamigen See sehenswert.

Was mich noch interessieren würde, ist die Rumänische Schwarzmeerküste. Zwar bin ich auf einer Motorradtour von Deutschland nach Istanbul, vor über zehn Jahren, an der Schwarzmeerküste entlanggefahren, ich habe aber kaum noch eine Erinnerung daran, da es damals schnell vorankommen hieß. Einen Städtetrip als Tourist nach Bukarest wäre für mich auch interessant. Leider habe ich Bukarest nur auf Geschäftsreisen besucht, bei denen keine Zeit blieb für das Kulturelle.


Sie haben sich gut eingelebt und planen auch keine baldige Rückkehr nach Deutschland. Was würden Sie sich für die Zukunft in Rumänien wünschen?

Für mich sind fehlende Autobahnen ein großes Handicap. Wenn ich, als Beispiel, geschäftliche Termine in Bukarest wahrnehmen muss, brauche ich sieben Stunden, bis ich dort ankomme, das heißt, ich muss mit zwei Tagen nur Fahrtzeit rechnen. Bei einer vorhandenen Autobahn könnte man in drei bis maximal vier Stunden und einem entspannteren Fahren dort sein. Oder zum Beispiel von hier aus an das Schwarze Meer zu fahren, dauert fast so lange wie eine Fahrt an die Adria.
Was ich mir persönlich wünsche, und da bin ich selber gefragt, ist, meine Rumänisch-Kenntnisse zu verbessern. Da die meisten Gesprächspartner entweder englisch oder deutsch sprechen, wird es mir schwer gemacht, auch aktiv daran zu arbeiten. Ich bin aber nun aufs Land umgezogen und hier wird es komplizierter, sich in einer Fremdsprache zu verständigen. So werde ich auch des Öfteren meine Rumänisch-Kenntnisse einsetzen und sicher auch erweitern.

Nach wie vor ist Rumänien ein interessantes Land für Geschäftsleute und Unternehmer, die hier investieren oder bestehende Tätigkeiten ausbauen wollen. Was würden Sie diesen als Neuankömmlinge empfehlen?

Es ist für jeden eine Herausforderung, in ein fremdes Land zu ziehen, vor allem wenn man bisher keinen Bezug zu dem Land hatte. Trotz der Beschwerden über manches, oder besser gesagt über oft nicht nachvollziehbare Entscheidungen, gefällt es mir so gut, dass ich hier bleiben will. Die meisten Rumänen in Deutschland glauben mir das nicht, aber es ist so. Es ist einfach ein schönes Land, die Leute sind im Großen und Ganzen sehr nett und vor allem viel offener wie die, welche ich von daheim kenne. Vieles funktioniert meistens, obwohl hier nicht alles reglementiert ist bis ins Detail. Ein Tipp für Neuankömmlinge und in der Gewöhnungsphase Befindliche ist, die Kommunikation zu Deutschsprachigen zu suchen. Dadurch kann man Erfahrungen und Erlebnisse, die hier gemacht wurden, hören und hat für den Start, was man braucht, um zu wissen, wo man seine Nerven investiert und wo man drüber hinwegsehen sollte, und findet sich dann auch ganz gut zurecht. Einfach sich hinzustellen mit der deutschen Denkweise und zu sagen, es geht hier auch, funktioniert nicht. Neben Kommunikation ist Anpassung am wichtigsten. Wobei Anpassung nicht bedeutet, alles zu akzeptieren. Die rumänische Floskel „asta este“ sollte nicht einfach so hingenommen werden. Im Gegenteil, man sollte versuchen, was dagegen zu machen und die Leute dazu zu ermutigen, weg von dieser Einstellung zu kommen. Man muss selber Deutscher bleiben in Rumänien, damit das Ganze funktioniert.

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