Vier kurze Geschichten von Trauer und Tod

Kinopremiere des neuen rumänischen Omnibusfilms „Scurt/4“

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Ein eindringlicher Film um die kleine Sofia: Schlafraubende Geräusche dringen durch die Wände.

Wollte man den Titel des neuen Omnibusfilms, der seit dem 28. November in den rumänischen Kinos zu sehen ist, ins Deutsche übersetzen, sähe man sich vor eine schwierige Aufgabe gestellt. „Scurt pe doi“, in verknappter Schreibweise „scurt/2“, bedeutet auf Deutsch so viel wie: kurz, knapp, konzis, klipp und klar. Aber was meint die Ziffer 4 im Filmtitel? Sie spielt darauf an, dass sich der Omnibusfilm mit dem Titel „Scurt/4“ aus insgesamt vier Kurzfilmen zusammensetzt, die gleichwohl gemeinsam Spielfilmlänge erreichen.

Auch der Untertitel des Films „Istorii de inimă neagră“ stellt den Übersetzer vor Probleme. Bei der Formulierung handelt es sich offensichtlich um eine Analogiebildung zu „Cântece de inimă albastră“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie: melancholische Lieder. Die Ersetzung der Farbe Blau (albastru) durch die Farbe Schwarz (negru) würde dann auf eine Intensivierung der Melancholie hinweisen und den Untertitel des Films ins Düstere rücken: Geschichten von Trauer und Tod.

So sind die unter dem Titel „Scurt/4“ gezeigten Kurzfilme allesamt thematisch miteinander verbunden, aber nicht nur: Sie sind außerdem samt und sonders auch ein Freundschaftsprodukt. Die Filmteams, die Schauspieler, die Koproduzenten, die Cutter, die Sound-Designer und wer sonst noch zum Endprodukt „Scurt/4“ beigetragen haben mag, haben ihre Arbeit nicht für Geld, sondern aus Freundschaft verrichtet. Die vier unabhängigen Filme stammen von vier verschiedenen Regisseuren und aus vier verschiedenen Produktionsfirmen, wobei zwei der Filme auf internationalen Filmfestivals bereits Auszeichnungen erhalten haben. Nicht zuletzt verfolgt der Film „Scurt/4“ neben dem kommerziellen Interesse schließlich auch ein grundsätzliches: Nämlich Kurzfilme, die sonst nur vor einem kleinen spezialisierten Fachpublikum oder vor einem zufällig zusammengewürfelten Festivalpublikum zu sehen sind, einem größeren rumänischen Kinopublikum landesweit zugänglich zu machen.

Der erste der vier Kurzfilme trägt den Titel „O lume nouă“ (Eine neue Welt) und spielt zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Pennsylvania, wohin zu dieser Zeit zahlreiche Rumänen aufgebrochen sind, um in der Neuen Welt ihr Glück zu suchen. Der aus Siebenbürgen ausgewanderte Schuster Petru (Florin Penişoară) empfängt in seinem Haus in Amerika (der Kurzfilm wurde gleichfalls in Amerika, und zwar in Brooklyn, gedreht) die hochschwangere Ana (Olimpia Melinte), die ihrem Mann, Petrus Vetter, nachgereist ist, um in Amerika ihr Kind zur Welt zu bringen und dort mit der jungen Familie zu leben. Als sie erfahren muss, dass ihr Mann wenige Tage zuvor bei einem Grubenunglück ums Leben gekommen ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Die im historischen Setting gefilmte Story (Regie: Luiza Pârvu; Drehbuch: Toma Peiu) besticht durch die Spannung, die nicht durch die Dynamik der Handlung, sondern durch die Kraft der Bilder, malerische Interieurs, durch das Wechselspiel von Reden und Schweigen der exzellenten Schauspieler, durch die hervorragende Technik (Kamera, Licht und Sound-Design) und durch die verhaltene Choreografie des Filmgeschehens hervorgebracht wird. Ein Genuss schließlich das Lied von Grigore Le{e, das am Ende der Filmhandlung und während des Abspanns erklingt!

Der zweite Kurzfilm (Regie und Drehbuch: Radu Jude) trägt den Titel „Trece şi prin perete“ (Dringt auch durch Wände) und basiert auf einer Erzählung von Anton Tschechow. Im Mittelpunkt des Films steht das kleine Mädchen Sofia, das bei ihrem Großvater übernachten muss, weil die Eltern nicht zu Hause sind. Es sind aber nicht die Freunde des Großvaters, die sie um den Schlaf bringen, weil sie Backgammon spielen, Schnaps trinken und laut reden, sondern die Geräusche, die durch die Wände dringen: Klagelaute bei der Totenwache für einen jungen Selbstmörder. Mit einem Bekenntnis der Todesangst auf den Lippen entschlummert die junge Sofia schließlich. Interessant an diesem Film ist die Behandlung der Schauspieler, die gleichsam als Randfiguren eines inneren Geschehens inszeniert werden, das unsichtbar bleiben muss. So gibt es etwa in der Mitte des Films einen langen statischen Kamerablick vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer, bei dem weder die in der Dunkelheit im Bett liegende Sofia (Sofia Nicolaescu), noch der Großvater (Ion Arcudeanu) bzw. die Freunde (Gabriel Spahiu und Marcel Horobeţ) zu sehen sind. Man hört nur die Gespräche der Spieler, die durch die Wände dringenden Klagelaute und ahnt dabei die Todesangst des um den Schlaf ringenden Kindes.

Der dritte der handwerklich exzellent gemachten Kurzfilme (Regie und Drehbuch: Andrei Creţulescu) trägt den Titel „Kowalski“ und spielt zur Mitternachtsstunde in einer Bar. Die ruhende Kamera zeigt einen Tisch, an dem zunächst zwei, dann drei Leute sitzen: Kopalski (Andi Vasluianu) zur Rechten, Kowalski (Şerban Pavlu) zur Linken und Kaminsky (Dorian Boguţă), der die ganze Zeit über nur Russisch spricht, frontal mit Blick zur Kamera. Die Serviererin Natalia (Rodica Lazăr) erscheint nur gelegentlich und ist lediglich partiell von hinten zu sehen. Der schauspielerische Fokus liegt auf Andi Vasluianu, der alle möglichen Rollen und Gemütszustände (vom jovialen Freund über den aggressiven Gast bis zum unterwürfig um Gnade bettelnden Geschäftspartner) durchläuft, bevor ihm in einer eines Splatterfilms würdigen Rasiermesser-Attacke à la Quentin Tarantino die Kehle aufgeschlitzt wird.

Der letzte Kurzfilm des Quartetts schließlich stammt von der Regisseurin Iulia Rugină und trägt den Titel „Să mori de dragoste rănită“ (Von der Liebe verwundet zu sterben). Er wartet mit einer doppelten Überraschung auf. Nicht nur bringt er eine reale Person – die Schlagersängerin Angela Similea, von der auch der Songtitel stammt, der zum Titel dieses Films wurde – auf die fiktionale Leinwand, sondern er operiert zudem mit dem technischen Mittel eines doppelten Filmbildes, dem sogenannten Splitscreen. Das durch einen senkrechten Strich mittig in zwei Hälften zerlegte Filmbild zeigt parallel die getrennten Geschichten eines getrennten Liebespaares, beides unsterbliche Fans von Angela Similea, die durch den fiktionalen Selbstmord der Schlagersängerin vor ihrem jeweils eigenen Selbstmord bewahrt werden und zum glücklichen Ende wieder zueinander finden.

Insgesamt ein sehenswertes Ensemble von Kurzfilmen, an dem man allenfalls die Reihenfolge kritisieren könnte: Wäre der letzte Streifen des Kurzfilmquartetts mehr in dessen Zentrum gerückt, hätte die tendenzielle Statik der ersten drei wohltuend dynamisch aufgebrochen werden können!

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*