Völkerverständigung in Tüll und Neopren

„Future Folk“: Trachten der Minderheiten, in die Zukunft transponiert

Donnerstag, 05. Juli 2018

Eine Zukunftsversion der ungarischen Tracht

Das Türkenmädchen mit nachtschwarzen Hosen und schwarz-weißem Rollkragen-Schleier
Fotos: George Dumitriu

Metallglanz und Tüll, Stretch, Neopren und andere Tech-Style-Gewebe – so katapultiert Designerin Carmen Emanuela Popa die traditionelle Volkstracht der 20 Minderheiten Rumäniens in die Zukunft. Aus der sächsischen Schürze mit dem aufgestickten Namenszug wird ein Schleierröckchen aus Organza, „2018“ steht dort nur noch, weiß auf transparent gedruckt, in Digitalanzeige-Schrift. Die rumänische „Ie“-Bluse fällt zwar in gewohnter Form, doch silbrig-knisternd ohne Zierrat, Stickstich oder Kordel. Das Türkenmädchen trägt nachtschwarze Hosen mit tiefgelegtem Schritt, der schwarzweiße Rollkragen-Schleier bedeckt ihr Gesicht bis zur Hälfte. Die Farbenvielfalt – wegrationalisiert; bis auf Blau und Rot, letzteres bisweilen recht dominant. Selbst die Zukunftstracht der sonst so kunterbunten Roma gestaltet sich gedeckt grau-weiß. Eine eigenwillige Stilmix-Idee zieht sich durch die Linie: Sporttrikot trifft krachend auf Ballett-Tutu.

Was anmutet wie eine Modenschau auf Raumschiff Enterprise, Sternenjahr 12.307, ist ein kulturelles Projekt der Vereinigung Alumnus Club für UNESCO, das am 20. Juni im Bukarester Parlamentspalast vorgestellt wurde: „Future Folk“ soll die Tracht zukunftsfähig machen, modern und attraktiv für die Jugend. Nebenbei wird eine Botschaft vermittelt, durch Aufschriften, die zu Völkerverständigung, Frieden und Gewaltverzicht aufruft. Raum zum Interpretieren lässt die Kombination verschiedener Trachten: Das ungarische Zukunftskleid ziert eine sächsische Männerkrawatte, darauf steht „Be you again“. Ja - aber wer?

Die ungewöhnliche Kollektion soll nun im Rahmen des Kulturerbejahrs 2018 und des 100-jährigen Jubiläums der großen Vereinigung 1918 durch multikulturelle Zentren des Landes touren und dann eventuell auch ins Ausland, hoffen Initiatorin Daniela Popescu (Vereinigung Alumnus Club für UNESCO) und Projektmanagerin Rodica Precupe]u. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft der Abgeordneten der Minderheiten und wird von AFNC, dem Rathaus Bukarest und der Nationalen Kommission für UNESCO kofinanziert. An der Umsetzung wirkten mit: der Vorsitzende der Union der Griechen in Rumänien und Quästor der Abgeordnetenkammer, Drago{-Gabriel Zisopol, Béla Dan Krizbai, Vizepräsident des Rumänischen Kulturinstituts (ICR), Silviu Feodor, Präsident der Vereinigung der russischen Lipowaner in Rumänien, Gabriela Alina Andrei, Vizedirektorin des Zentrums für Jugend des Munizipiums Bukarest, Georgiana Onoiu, Leiterin der Abteilung Kulturerbe im Dorfmuseum „Dimitrie Gusti“, Roxana Amz²r Gheorghe von der Minderheitenabteilung im Rumänischen Fernsehen, Tamara Susoi, Marketing-Leiterin des Odeon-Theaters, und Susana Pletea, Direktorin der Pressegruppe Burda in Rumänien. Im Rahmen des Projekts wurde auch ein Katalog realisiert, in dem die Kreationen – Materialien, Idee und Stilelemente der Originale, die als Vorlage dienten – erläutert werden. Bevor die Models über den Catwalk schreiten, defilieren die Trachtenpaare einiger Minderheiten und die jüdische Schauspielerin Maja Morgenstern begrüßt thea-tralisch die Vielfalt im Raum.

Was bleibt schließlich von den farbenfrohen, prächtigen Nationalkostümen der verschiedenen Ethnien, die der Designerin Modell standen? Hier erinnert der Schnitt vage ans Original, dort ein Farbklecks an ein traditionelles Dekorelement. Filigrane Stickmuster schnurren zum einheitlichen Farbband zusammen oder werden durch suggestive Schriftzüge ersetzt: „Childhood“, „Poetry“, „Songs“. Alles Englisch - oops! Wo sind unsere Sprachen geblieben? Manchmal werden auch visuelle Symbole gezielt in Szene gesetzt: Das Kleid der Lipowaner – schlicht, geradlinig, weiß – zeigt als einzigen Hingucker stilisierte Vögel, Kreuze und Rauten in dicken Pinselstrichen. Als „Dichotomie zwischen Tradition und Innovation“, oder den Versuch, eine solide Zukunft mit traditionellen Werten zu konstruieren, bezeichnet Béla Krizbai das Projekt. Der Politiker und armenische Schriftsteller Varujan Vosganian betont: „Symbole sind die kulturelle DNA eines Volkes. Als der primitive Urmensch vor über 500.000 Jahren begann, Symbole zu verwenden – Spiralen, Zickzack-Muster oder andere Ornamente, die sich auf Kleidern, Schmuckstücken, Töpferware oder Höhlenwänden wiederfanden – bezeichnete dies einen großen Entwicklungssprung.“

Einen Sprung – doch wohin? Was bedeuten die aufgedruckten Zahlen auf den Kleidern, die an Fußballtrikots erinnern? Wo sind die originalen Symbole geblieben, die Identität vermitteln? Welche Zukunftsbotschaft vermittelt das verhüllte Antlitz der Türkin? Ist unsere Zukunft wirklich gut getroffen mit Metallic und Plissee? Oder wären Hanf, Baumwolle und Leinen sympathischer gewesen – als Zeichen von wachsendem Umweltbewusstsein und ökologischer Verantwortung? Freilich, kreative Zukunftsvisionen können sehr unterschiedlich sein. Ohnehin ist Mode nur ein Spiel. Sie will Aufmerksamkeit heischen, notfalls mit allen Mitteln – dies ist sicher gelungen. Und wem die Zukunftsvision von Carmen Emanuela Popa nicht in den Kleiderschrank passt, der hält es einfach mit der Aufschrift auf dem geborgten Sachsenschlips: „Be you again“!

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