Volksdichter und Bauernphilosoph

Im Gedenkhaus George Coşbuc – oder warum Homer beim Hammel Melken nicht hilft...

Sonntag, 18. Juni 2017

George Coşbuc (1866-1918)

Das Gedenkhaus von George Coşbuc

Der Dichter verbrachte seine Kindheit in diesem Pfarrhaushalt.

Sehenswert ist die denkmalgeschützte überdachte Holzbrücke.
Fotos: George Dumitriu

Wie oft sind wir schon durch diesen Tunnel aus dichtem grünem Wald gefahren, rechts die Steilwand, links der sprudelnde Fluss. Serpentine um Serpentine, von Bistritz-Nassod/Bistriţa-Nasăud bis zur Maramuresch hinauf. Wie oft haben wir hier im Sălăuţa-Tal gehalten, gepicknickt, in einem Dorf Brot gekauft, mit Hirten und Bauern gesprochen, die traditionellen Holzhäuser bestaunt oder die alte, überdachte, unter Denkmalschutz stehende hölzerne Brücke in Coşbuc. Doch nie sind wir ihm begegnet. Dem, den man eigentlich kennen sollte, wenn man schon ständig durch „sein“ Dorf fährt...

Ein Gewitter änderte dies an einem schwülen Septembernachmittag. George, mein Mann, parkte, schnappte sein Fotozeug und rannte unter regenschwangeren Wolken und ersten zuckenden Blitzen los. Es machte keinen Sinn, ihm zu folgen. Ich stieg aus, sah mich nach einem Zeitvertreib um – und da stand er auf einmal: George Coşbuc! Zwar nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus edlem Granit, doch schien er mich freundlich in sein Haus einzuladen. Sein Konterfei –  ein wenig Bauer, ein wenig Professor – erweckte mein Vertrauen. Knarrend tat sich die Pforte der Zeit auf und ich trat mutig ins düstere, etwas muffig riechende Innere...

Kindheit zwischen Dante und Cholera

Unter der schummrigen Glühbirne löst sich ein Unbekannter aus dem Halbdunkel und erklärt: „Hier, in diesem Haus in Hordou, wurde der berühmte Dichter geboren, als achtes von 14 Kindern.“ Hordou? „So hieß das Dorf, bevor es ihm zu Ehren in Coşbuc umbenannt wurde.“ Der muffige Museumsgeruch ist wie weggeblasen, es duftet plötzlich zart nach frisch gestärkter Wäsche. Fenster, Tische und Bilder sind adrett mit rot-weißen Baumwollstoffen umrahmt, die Wand schmückt ein geblümter Wollteppich, ein gestreifter bedeckt hölzerne Dielen. Die Fotografien und Bücherregale ringsum verleihen der schlichten Kammer Gemütlichkeit - und verraten den Pfarrhaushalt: Georges Vater, Sebastian Coşbuc, und der ebenfalls hier lebende Großvater, Anton Coşbuc, sind griechisch-katholische Priester, Mutter Maria eine Pfarrerstochter aus dem Nachbardorf Telciu, erklärt der Fremde. Das Haus haben sie selbst gebaut, fügt er an. Es ist heute eines der ältesten in Bistritz-Nassod.

„In dieser Stube empfing der Pfarrer Gäste, und  hielt Rat mit den Altvorderen des Dorfs. Pfarrer und Lehrer waren damals die Säulen der Gemeinde, müssen Sie wissen“, doziert der Unbekannte. Ich brenne darauf, endlich den Knaben kennenzulernen, den er so über alle Maßen lobt: Fließend Deutsch soll er sprechen, was ihm sein Onkel, Schuldirektor in Telciu, schon in der zweiten Klasse beigebracht hatte. Auch Maria Coşbuc, die die Mädchenschule in Nassod besucht hatte, ist dieser Sprache mächtig. Kein Wunder, dass der Knabe später zahlreiche literarische Werke aus dem Deutschen ins Rumänische übersetzte. „Eine indische Sanskrit-Anthologie oder die Sakuntala von Kalidasa” überrascht der Führer. „Das Sprachtalent liegt in der Familie“ plappert er munter weiter. „Der Vater konnte neben Deutsch Altgriechisch und Latein. Und statt mit den Dorfbuben  Forellen zu fangen oder auf Bäume zu klettern, brachte sich der Junge selbst Italienisch bei – um später Dante Alighieris ‘Göttliche Komödie’ zu übersetzen, oder die ‘Aeneis’ von Vergil”, ergänzt er beifallheischend.
Auf einmal unterbrechen Kinderstimmen seinen Monolog. Drei Mädchen stürmen herein. „Elisabeta, Raveca, Anghelina“, raunt mir der Fremde zu. Sie beachten uns mit keinem Blick. Auf den Fuß folgt die Mutter mit einem Wäschekorb, dann stolpern drei Jungen über die Schwelle: „Leon, George – und das Nesthäkchen, Aurel“ flüstert er weiter. Wo sind die anderen acht?  Traurigkeit überschattet sein Gesicht. „Ach, wissen Sie... die Cholera.“ Dann zieht er mich am Arm: „Kommen Sie, schnell, bevor sie uns bemerken!“ Dann lösen wir uns wie Geister im Nebel der Zeiten auf.

Wie man Hammel melkt

„Viele Gruppen kommen hier her - Schüler, Studenten“ sagt der Fremde und öffnet eine weitere Tür: ein Raum voller Vitrinen, dahinter unzählige Bücher. „Manche sind geradezu verliebt in seine Poesie“, fährt der Museumsführer fort. „In den Balladen spiegelt sich das bäuerliche Leben: Wünsche, unerfüllte Träume, Bräuche und Traditionen im Kreislauf des Jahres und des Lebens: Taufe, Jugend, Liebe, Ehe, Tod. Oder die Sehnsucht  des Volks nach der Unabhängigkeit.“ Wie kann man sich das Leben einer gebildeten Familie auf dem Lande in den 1860er Jahren vorstellen ? Wie die Schule, wie den Alltag, wie den Kontakt zu den einfachen Menschen im Dorf, die vielleicht noch nicht einmal lesen und schreiben konnten? „In der achten Klasse wurde George Coşbuc prämiert, weil er einen Teil der Odyssee vom Homer aus dem Altgriechischen übersetzte. Mit 16 hat man ihn in eine literarische Vereinigung gewählt, deren Vorsitzender er später wurde”, reißt mich der Führer aus den Gedanken.  Auf einmal flüstert eine zarte Stimme von innen an mein Ohr: „Ich bin Seele in der Seele meiner Ahnen / und singe Freude und Bitterkeit / in deinen Wunden bin ich der Schmerz / und das Gift trinke ich mit dir gemeinsam / wenn das Schicksal das Glas uns reicht“ („Poetul“, 1911). Was war das – der Wind? Eine kräftige Stimme erobert meine Aufmerksamkeit zurück: „In Klausenburg an der ungarischen Fakultät für Philosophie, die Coşbuc mit 18 besuchte, konnte er dann verifizieren, was er in der Kindheit auf dem Land gelernt hatte.“ Was aber lernt man als  hochgebildetes Pfarrerskind von den Bauern auf dem Land?

Das Gedicht „Philosophen und Pflüger“, 1884 in der Zeitschrift „Tribuna“ in Hermannstadt/Sibiu unter dem Pseudonym C. Bocşu erschienen – und die Startrampe für Coşbucs Erfolg – beantwortet die Frage. Es geht darin um einen Disput gelehrter Männer, wer der Weiseste im  Lande sei. Sie selbst, kommen sie zu dem Schluss: die Wissenschaft im kleinen Finger, Logik –  ein Spielzeug, in der Kindheit Homer, Platon, Ovid und Vergil zitiert, die Jugend mit Philosophie verbracht, Sophokles und Aristoteles stets auswendig auf den Lippen... „Zum Teufel!“ schimpft der König. „Ihr gebärdet euch ja  wie Gott!“ Ein Pflüger könne sie an der Nase herumführen, provoziert er und droht: Wenn sie dessen Worte nicht erklären könnten, müssten sie am Morgengrauen hängen. Was aber hatte der alte Pflüger ihnen gesagt?  - Er könne Hammel melken! Weil sie sich keinen Reim darauf machen konnten, suchten sie ihn auf und beichteten ihre Notlage. Nachdem ihnen der schlaue Alte erst viel  Geld abgeknöpft hatte, erklärte er: Die gemolkenen Hammel seien nun sie selbst! „Doch Coşbuc war mehr als ein Bauerndichter“ begeistert sich der Museumsführer: „Er war ein Genie!“ Er übersetzte, schrieb Lyrik und Prosa, war Redakteur und Publizist bei verschiedenen Zeitschriften und Mitglied an der Rumänischen Akademie. Die Tragödie seines Lebens beginnt, als sein einziger Sohn mit nur 22 Jahren 1915  in einem Autounfall zu Tode kommt. In diesem Jahr schreibt Co{buc nur ein einziges Gedicht, im Folgejahr noch drei. Seelisch und körperlich am Ende, stirbt der große Dichter 1918 in einer Nacht an einem Krampfanfall.

„Ich bin das Herz im Herzen meines Volkes / und singe Liebe und Hass, / du bist das Feuer, doch ich der Wind, der es entfacht “ flüstert die Stimme in mir weiter. „Und wenn ich einmal ein Wort sage /das nicht wie die Heilige Schrift klingt / so hast du Blitze im Himmel, du Größter/ dann schließe mir damit den Mund.“ Es blitzt, es donnert! Beide Stimmen schweigen, die innere und die äußere. Nur der Regen prasselt noch geräuschvoll aufs Dach. Ich frage mich gerade:  Wo bleibt er nur so lange bei dem Unwetter? Da steht er auf einmal in der Tür: George.

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