Voller Saal für Prokofjew-Programm

Alexandru Tomescus Bukarester Abschlusskonzert der diesjährigen Stradivarius-Tournee

Freitag, 20. Juni 2014

Seitdem der rumänische Meistergeiger Alexandru Tomescu im Jahre 2007 durch einen Wettbewerb das Recht erworben hatte, die berühmte Stradivari-Geige aus dem Jahre 1702 mit dem Beinamen „Elder-Voicu“ spielen zu dürfen, finden alljährlich in Rumänien landesweit Tourneen statt, bei denen Alexandru Tomescu einem zahlreichen Publikum in mehreren rumänischen Städten den wunderbaren Klang dieses herrlichen Instrumentes, sei es solistisch, sei es in Verbund mit anderen Musikern, nahe bringt.

Die diesjährige – mittlerweile siebente – Stradivarius-Tournee, die am 18. Mai in Neumarkt am Mieresch/Târgu Mureş ihren Auftakt erlebte und sich mit Konzerten in Bistritz/Bistriţa, Klausenburg/Cluj-Napoca, Temeswar/Timişoara, Großwardein/Oradea, Eisenmarkt/Hunedoara, Hermannstadt/Sibiu, Piteşti, Craiova, Bacău und Jassy/Iaşi fortsetzte, fand am 11. Juni ihren krönenden Abschluss im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks in Bukarest.

Das diesjährige Programm der Stradivarius-Tournee war nicht, wie in den drei Jahren zuvor, einem Soloprogramm gewidmet, als auf den Konzertbühnen des Landes die vierundzwanzig Capricen von Niccolò Paganini, die sechs Sologeigensonaten von Eugène Ysaÿe und die sechs Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach erklungen waren. Vielmehr war in diesem Jahr wieder ein Duoprogramm angesagt, wie in früheren Folgen der Stradivarius-Tournee, als Alexandru Tomescu und der rumänische Pianist Horia Mihail Werke für Violine und Klavier aus der Zeit der Klassik, der Romantik und der Moderne gemeinsam in den Konzertsälen Rumäniens interpretiert hatten.

Der Duopartner Alexandru Tomescus war in diesem Jahr der im sibirischen Omsk geborene und in Moskau ausgebildete Pianist Eduard Kunz, der wie Tomescu eine beeindruckende internationale Solistenkarriere vorweisen kann, aber auch über intensive kammermusikalische Erfahrungen auf höchstem Niveau verfügt, die in das diesjährige Programm der rumänischen Stradivarius-Tournee auf beeindruckende Weise einflossen. „In the mood for Prokofjew“ (In Stimmung für Prokofjew) war das Motto dieser Tournee, die ausschließlich kammermusikalischen Werken des 1891 geborenen und 1953 gestorbenen russischen Komponisten Sergei Sergejewitsch Prokofjew gewidmet war.

Wie in der Vergangenheit, so hatte die Stradivarius-Tournee auch in diesem Jahr wieder eine soziale Komponente. Ein Teil der Einnahmen sowie private Spenden der Konzertbesucher kamen, wie auch schon im letzten Jahr, der Nichtregierungsorganisation HHC România (Hopes and Homes for Children) zugute, die sich um das Schicksal verwaister, verlassener, verwahrloster und misshandelter Kinder in Rumänien kümmert und im Bereich des Kinderschutzes, auch im Rahmen europäischer Projekte, neue Wege der Prävention und (Re-)Integration beschreitet sowie neue Methoden zur Sicherung des Kindeswohls erprobt.

Die soziale Komponente der Stradivarius-Tournee, ihre intensive Mediatisierung in Presse, Rundfunk und Fernsehen, und nicht zuletzt auch die Zugkraft des Namens Alexandru Tomescu trugen dazu bei, dass beim Bukarester Abschlusskonzert ein reines Prokofjew-Programm, das in der Regel nicht die Massen auf den Plan ruft, vor einem übervollen Saal zu Gehör gebracht werden konnte, wobei sogar große Teile der Bühne mit Sitzreihen bestückt waren, um dem zahlreichen und bunt gemischten Publikum ausreichend Platz zu bieten.

Die zwei Teile des Konzertes – wenn man zusätzlich noch die vier umfangreichen Zugaben in Betracht zieht, müsste man sogar von drei Teilen sprechen! – waren schwerpunktmäßig den beiden Sonaten für Violine und Klavier Sergei Prokofjews gewidmet. Im ersten Teil des Konzertes erklang die Sonate Nr. 1 in f-Moll (op. 80), die der Komponist 1938 begonnen hatte, aber erst zwei Jahre nach Vollendung seiner zweiten Sonate für Violine und Klavier im Jahre 1946 zum Abschluss brachte. Uraufgeführt wurde das Werk damals von David Oistrach, der zwei Sätze daraus auch bei Prokofjews Begräbnis spielte. Der Komponist hatte die gedämpften Tonleitern über alle vier Saiten, die in dieser Sonate mehrfach wiederkehren und die von Alexandru Tomescu mit einem außerordentlichen Gespür für Klangfarbe und wie aus einer anderen Welt kommend dargeboten wurden, einmal so charakterisiert: Sie seien „wie der Wind, der durch einen Friedhof weht“. Von Prokofjews Tod am 5. März 1953 erfuhr die Welt übrigens erst eine Woche später, weil der Komponist just am selben Tage gestorben war wie der sowjetische Diktator Stalin.

Das erste Stück nach der Pause stammte – eine Ausnahme bestätigt die Regel! – nicht von Prokofjew, sondern von einem jungen, erst siebzehnjährigen rumänischen Komponisten, der, wie neun andere Komponistenkollegen, der Einladung des Duos Tomescu-Kunz gefolgt war, ein eigenes Werk für Violine und Klavier zur diesjährigen Stradivarius-Tournee beizusteuern. Unter den zehn Einsendungen entschied sich das Musikerduo für ein „Scherzo“, das Erstlingswerk von Gabriel Gîţan, der sich auch unter den Zuhörern im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks befand.

Darauf folgten Prokofjews „Fünf Melodien“ (op. 35a) aus dem Jahre 1925, eine Transkription, die der Komponist von seinen 1920 entstandenen und 1922 erstmals veröffentlichten „Fünf Liedern ohne Worte“ angefertigt hatte und die auch noch in ihrer Instrumentalfassung den lyrisch-vokalen Charakter atmen, der der Originalfassung eignet, die der Komponist für die russische Sopranistin Nina Koshetz (1894-1965) komponiert hatte.

Den programmgemäßen Abschluss des mit frenetischem Applaus bedachten Abschlusskonzertes der Stradivarius-Tournee bildete die Darbietung von Prokofjews Sonate Nr. 2 in D-Dur für Violine und Klavier (op. 94a), welche auf seiner Flötensonate op. 94 aus dem Jahre 1942 basiert, die der Komponist auf Wunsch und mit Hilfe David Oistrachs ein Jahr später für Violine und Klavier umschrieb. In diesem klassisch aufgebauten Werk ließen die beiden Instrumentalisten Alexandru Tomescu und Eduard Kunz ihrem überragenden Können freien Lauf und machten zugleich deutlich, dass zu einem vollendeten Duoabend nicht nur zwei hervorragende Musiker, sondern auch ein perfektes Harmonieren gehören, das an diesem Abschlussabend der Stradivarius-Tournee 2014 beständig fühlbar war.

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