Vom Billig-Lohn-Land zur High-Tech-Region

Osteuropäische Wirtschaftsclubs trafen sich in Temeswar

Donnerstag, 05. Oktober 2017

Am Anfang waren es die T-Shirt-Hersteller. Die Schuhfabriken. Die Möbel-Bauer. Sie alle haben, Anfang der 1990er Jahre, die Chance der Öffnung nach Osteuropa gewittert und in Ländern wie Polen, Tschechien, Rumänien und all den anderen Staaten Fabriken hochgezogen, mit dem Ziel, das niedrige Lohnniveau dieser Länder zu nutzen. Und heute? Dort, wo billige Arbeitskräfte einst nähten und hämmerten, brüten Ingenieure und Software-Ingenieure über Systeme für das selbstfahrende Zukunftsauto. Oder machen sich Gedanken über neue Apps fürs Smartphone.

Zumindest ein Teil der Länder in Osteuropa hat sich zur High-Tech-Region entwickelt. Nur: In vielen Fällen können die Verwaltungen und Regierungen in diesen Ländern mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten – und schleudern den Investoren aus dem Ausland so mancherlei bürokratische Knüppel zwischen die Beine. Am letzten September-Wochende trafen sich die Vertreter deutschsprachiger Wirtschaftsclubs, das sind Investorenvereinigungen, in Temeswar/Timişoara zum Erfahrungsaustausch.

Andrei Rusan steht im Gespräch mit einem Mitarbeiter, in einem hell gehaltenen Großraumbüro am Rande Temeswars: „Wir arbeiten hier größtenteils für das autonome Fahren, das in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren in den Autos eingebaut sein wird. In Temeswar wird dazu größtenteils Entwicklung gemacht, High-Tech-Entwicklung und Testen.“ Rusan ist Teamleiter im Entwicklungszentrum Temeswar des deutschen Autozulieferers Continental AG, der, über mehrere Standorte verteilt, 18.000 Mitarbeiter in Rumänien beschäftigt, davon über 5000 Ingenieure. Auf eines legt Andrei Rusan besonders großen Wert: „Das ist kein billiges Arbeiten hier. Das ist wirklich ein High-Tech-Zentrum, das wir hier betreiben. Gut bezahlte Arbeit.“

Zumindest für diesen Flecken Osteuropas gilt: Hier hat sich einiges getan in den vergangenen Jahren. „Es hat eindeutig ein Strukturwandel stattgefunden“, bestätigt Peter Hochmuth, Vorsitzender des Deutschsprachigen Wirtschaftsclubs „Banat”. „Es gab hier die T-Shirt-Hersteller, die großen Schuhhersteller – also die Produzenten, die mit sehr viel billigen Arbeitskräften unterwegs waren, aber die sind schon lange wieder weg. Heute haben wir hier Elektronik, Autozulieferer mit hochwertigen Arbeitsprozessen, Programmierung, auch Entwicklung.“

Eine nur statistisch wahrnehmbare Arbeitslosigkeit von einem Prozent ist im Großraum Temeswar die Folge. Namen deutscher Autozulieferer wie Bosch, Conti, Hella, ZF, die man an den Fabriken quer durch die Stadt liest – das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Und die Kehrseite? Es herrscht heftigster Facharbeiter-Mangel. Peter Hochmuth: „Sie können mir morgen 10.000 Arbeitskräfte hierherbringen – und ich verspreche Ihnen: Einen Tag später hat von denen jeder einen Arbeitsvertrag. Glauben Sie, wir kämpfen grundlos für das duale Ausbildungssystem nach deutschem Muster?“

Und dann wäre da noch der Politikwandel in Osteuropa, den auch deutsche Investoren ab und an zu spüren bekommen. Da geht es um nationalistische Strömungen, die immer mehr in das Regierungshandeln, beispielsweise in Polen und Ungarn, einfließen. Was in Ungarn, wie auf der Konferenz zu hören war, bereits zu einer verkappten Sondersteuer für Unternehmen aus dem Ausland geführt hat. In Rumänien praktiziert die amtierende, postkommunistisch angehauchte PSD-Regierung unter Mihai Tudose gerade etwas Ähnliches. Peter Hochmuth: „Seit einigen Monaten hören wir immer wieder Stimmen, aus der Regierungspartei, die internationalen Konzerne zahlen die Steuern nicht oder verschieben die Gewinne – seit einigen Monaten wird gezielt Stimmung verbreitet gegen die sogenannten internationalen Unternehmen.“

Wie auf der Konferenz in Temeswar aber auch deutlich wurde, entwickelt sich, was die wirtschaftliche Entwicklung anbelangt, längst ein „Osteuropa der zwei Geschwindigkeiten”. Während in Rumänien 7500 deutsche Unternehmen mit einem Investitionskapital von knapp acht Milliarden Euro vertreten sind, zählt man in Weißrussland gerade mal 300 Unternehmen mit deutscher Beteiligung: „Trotzdem ist Deutschland der zweitstärkste Investor aus Westeuropa in Belarus“, so Eugen Dudi, Sprecher des Deutschen Wirtschaftsclubs in Minsk: Weißrussland gilt nach wie vor als klassisches Billig-Lohnland, es könnte eigentlich noch mehr Investoren anziehen, wenn...ja wenn es nicht die überbordende Bürokratie und sprunghafte Entscheidungen gäbe, die einem Investor manchmal die Lust am Investieren vermiesen. Beispiel: Zwar gibt es auch in Weißrussland die „Gesellschaft mit beschränkter Haftung - GmbH.“ Falls die aber Pleite geht, haften die Chefs trotzdem: „Die Gesellschafter können mit ihrem Privatvermögen, aber auch die Direktoren können mit ihrem Privatvermögen zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist auch der Punkt, der viele deutsche Unternehmen abschreckt.“

Aus Sicht des Deutschen Wirtschaftsclubs in Russland ist das wiederum ein Luxus-Problem. Dort leiden die deutschen Investoren unter den Sanktionen, die die EU als Folge der Krim-Annexion gegen Russland verhängt hat. „Wir haben 2014-2015 Zahlen gehabt von 6000 Unternehmen, darunter viele Mittelständler. Und wir gehen heute davon aus, dass sich das auf die Hälfte reduziert hat.“ Was, so Udo Leuschner als Sprecher des Deutschen Wirtschaftsclubs für Russland, eigentlich nicht im Sinne der Erfinder der Sanktionen liegen könne. Eine Entspannung der Situation erhofft sich Uwe Leuschner für das kommende Jahr: „Wir hoffen, dass das Jahr 2018 – wir haben ja Fußball-Weltmeisterschaften – dort einige Lockerungen bringen wird. Wir hoffen auf Einsicht. Auf beiden Seiten.“

Womit auch klar wird: Das Prinzip „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ wirkt. Das gilt auch für die Ökonomie in Osteuropa.

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