Vom „Bruder Wald“ zur Geldquelle Holz

Die scheinbare Machtlosigkeit der Behörden gegenüber dem steigenden Holzeinschlag in Rumänien

Freitag, 11. November 2011

Foto: sxc.hu

Rumänien gibt in der EU ein Paradoxon vor: obwohl es ein verhältnismäßig schwach bewaldetes Land ist (mit 29 Prozent Waldfläche auf Rang 19 im EU-Ranking), liegt es im Holzeinschlag auf einem der Spitzenplätze. 2010 wurden in Rumänien offiziell 16.991.600 Kubikmeter Holz geerntet, was einem Zuwachs des Holzeinschlags von 20 Prozent gegenüber 2000 (14.284,700 Kubikmeter) bedeutet.

Damit liegt Rumänien auf Rang acht in der EU, hat aber kein einziges Land auf den Rängen vor sich, wo das Verhältnis zwischen Gesamtfläche des Landes und bewaldeter Fläche ungünstiger für den Wald wäre als in Rumänien. Dazu gibt selbst Umweltschutz- und Forstminister László Borbély zu, dass die gesetzlichen Auflagen zur Wiederaufforstung nicht erfüllt werden. Ebenfalls aus Quellen dieses Ministeriums ist zu erfahren, dass 2010 der Wert des geernteten Holzes bei rund 300 Millionen Euro lag und dass illegal (im Klartext: gestohlen) „nur“ im Wert von einer Million Euro Holz geschlagen wurde.

Die bewaldete Fläche Rumäniens liegt laut Europäischem Statistikamt Eurostat bei 29 Prozent, also weit unter dem Durchschnitt der EU von 41 Prozent.

Rumäniens „Waldreichtum“ ist bescheiden

Laut Daten von 2010 sind die europäischen Spitzenreiter im Waldbesitz Finnland (77 Prozent des Landes ist bewaldet) und Schweden (76 Prozent), gefolgt von den kleinen Staaten Slowenien (63 Prozent), Lettland (56 Prozent), Estland (54 Prozent). Zwischen den beiden baltischen Ländern liegt das verzweifelt gegen die Wüstenausdehnung kämpfende Spanien (EU-Rang fünf mit Wald auf 55 Prozent des Landesfläche) und auf Rang sieben folgt Griechenland (genau die Hälfte des Landes ist bewaldet). Über dem EU-Durchschnitt von 41 Prozent liegen noch Österreich (49 Prozent) und Zypern (42 Prozent).

Knapp unter dem EU-Durchschnitt liegen Portugal und die Slowakei (je 39 Prozent), Italien (37 Prozent), Litauen (36 Prozent), Bulgarien (35 Prozent), Luxemburg und Tschechien (je 34 Prozent). Dann folgen die Bundesrepublik Deutschland (31 Prozent), Polen (30 Prozent), Rumänien (29 Prozent), Frankreich (28 Prozent), Belgien (23 Prozent) und das Flachland Ungarn (22 Prozent). Abgeschlagen auf den letzten Rängen liegen in der Reihenfolge Dänemark (14 Prozent), Großbritannien und Irland (je 12 Prozent), Holland (11 Prozent) und als Schlusslicht die Insel Malta (0,5 Prozent).

Mit dem Mythos vom waldreichen Rumänien, „der Wald ist der Bruder des Rumänen“, und den undurchdringlichen Wäldern Rumäniens sollte also endlich Schluss gemacht werden. Rumänien begeht dauern Brudermord, indem gnadenlos die Wälder gefällt werden. Das Land ist weder so waldreich wie in seinem Selbstverständnis vorgegeben, seine Wälder sind längst nicht mehr undurchdringlich – und die, die es noch sind, etwa die Reste des europäischen Urwalds an den Nera-Quellen im Banater Semenik-Massiv, nach denen greifen gegenwärtig die gierigen Holzeinschlagunternehmen und versuchen, mit allen legalen und illegalen Mitteln, Genehmigungen für die Holzernte in Naturschutzgebieten zu bekommen: verlogenes Hauptargument sind Lichtungs- und Hygienisierungs-/Säuberungsschläge, um der Ausbreitung des Borkenkäfers vorzubeugen.

Keine Waldarbeiter in Sicht

Zu dem kommt, dass die gesetzlich vorgesehenen Wiederaufforstungen, zu denen sich jedes Holzeinschlagunternehmen verpflichten muss, nach dem Prinzip „So-viele-Hektar-Wald-gefällt – Genauso-viele-Hektar-wiederaufgeforstet“, umgangen werden. Im schlimmsten Fall, indem sie es vorziehen, die Strafen zu zahlen für ausgebliebene Wiederaufforstungen.
Leider ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt so, dass die Forstbetriebe von Romsilva auch nur geringe(re) Flächen (als die abgeernteten) wieder aufforsten können – einschließlich durch Nutzung der Gelder aus den Strafenzahlungen der Holzeinschlagunternehmen – , weil es auf dem Arbeitsmarkt kaum möglich ist, Arbeitskräfte für die Aufforstungsarbeiten im Frühjahr zu bekommen.

In kommunistischer Zeit hatte man für diese Arbeiter Blockhütten gebaut und die Arbeitskräfte dort untergebracht und verköstigt – das waren hauptsächlich arme Roma aus bevölkerungsreichen Ortschaften Südrumäniens oder Ostsiebenbürgens –, während die Blockhütten nachher als Jagdhütten genutzt wurden. Heute finden sich kaum Arbeitskräfte für die kräftezehrenden Aufforstungen in meist menschenleeren und vom Gelände her schwierigen Gegenden der Karpaten, die zudem sehr schlecht bezahlt sind.

Wie viel Holz wird gestohlen?

2010 sind in Rumäniens Wäldern also offiziell 16.991.600 Kubikmeter Holz gefällt worden. Laut Staatssekretär Cristian Apostol vom Ministerium für Umweltschutz und Forsten wurden im Vorjahr etwa 65.000 Kubikmeter Holz aus den Staatsforsten gestohlen und aus den Privatwäldern illegal – „weil ohne alle dazu nötigen Genehmigungen“ – rund 100.000 Kubikmeter Holz gefällt. 2010 betrug der Preis eines Kubikmeters noch nicht gefällten Holzes (des „stehendes Baums“, im Jargon der rumänischen Forstbehörden) laut Regierungsorder Nr.1243 vom 24. August 2010 durchschnittlich 74 Lei. Das heißt, dass 2010 Holz im Wert von 4,8 Millionen Lei aus den Staatswäldern gestohlen wurde.

Meint das zuständige Ministerium. Befragt man aber die einschlägigen Behörden in den waldreichen Verwaltungskreisen und überschlägt man die Summen, die zusammenkommen, dann kommt man laut fast übereinstimmenden Aussagen von Umweltschützern und Fachleuten auf bis zum Zehnfachen dieses Wertes.

Aber bleiben wir bei den offiziell angegebenen Werten: von den etwa 1,26 Milliarden Lei (rund 0,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Rumäniens), um die 2010 zum offiziell festgelegten Durchschnittspreis Holz geschlagen und verkauft wurde, entfallen 40 Prozent auf private Wälder (umgerechnet hatten die privaten Waldbesitzer also aus dem Holzeinschlag ein Einkommen von etwa 120 Millionen Euro).

Die lange Bank des Parlaments

Nun steht auf der langen Bank der beiden Parlamentskammern ein Gesetzentwurf, mit dem das zuständige Ministerium dem Holzdiebstahl und dem illegalen Holzeinschlag definitiv Einhalt gebieten will: Staatssekretär Cristian Apostol resümiert kurz den Entwurf: jeder Holzdiebstahl soll als Verbrechen eingestuft und direkt mit Gefängnisstrafe geahndet werden. Geldstrafen sollen in dieser Causa fast zur Gänze abgeschafft werden.

In der gegenwärtigen Wirklichkeit, so bedauert es Umwelt- und Forstminister László Borbély, sieht es leider so aus: Bis Mitte Mai 2011 wurden von der Polizei 2317 Strafdossiers wegen Holzdiebstahls angelegt (allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres!), „und das sind bloß jene Fälle, wo die Diebe erwischt wurden“, meint der Minister vorsichtig. Und Mitte Mai hatten bereits 1400 der Dossiers von den prüfenden Staatsanwälten das ominöse NUP („Neînceperea Urmăririi Penale“ – in etwa: Nichtbeginn der Strafverfolgung) erhalten, also dem rumänischen Sprichwort folgend, „unerwischte Diebe sind ehrliche Händler“(“Hoţul neprins e negustor cinstit“). Kein einziger der Strafverfoldungsdossiers war bis zum Zeitpunkt einem Gericht übergeben worden. Sie waren alle noch bei den Staatsanwaltschaften „in Arbeit“.

Dabei ging es in den meisten Fällen um Kleindiebstahl, etwa Brennholz nach Hause schaffen, weil der Winter länger war als der Brennholzvorrat im Schuppen oder unter dem Vordach zuhause. Grundsätzlich gibt es bekanntlich in den ländlichen Gegenden Rumäniens zwei Hoch-Zeiten für die Brennholzbeschaffung: der Spätherbst, wenn oder bevor der erste Schnee fällt und der ausklingende Winter, wenn sich erweist, dass zu wenig Brennholz vorrätig war.

Schwindler Forsteinrichter

Die größten Schwindeleien geschehen im Bereich der Forsteinrichtung. Die Forsteinrichter, von ihrem staatlichen Unternehmen schlecht bezahlt, gehören zu den größten Schwachpunkten des Systems, weil sie extrem korrumpierbar sind und von Amts wegen an den Schlüsselpositionen der Forst- und Holzwirtschaft schalten und walten.

Jüngst gab es das Beispiel von Rußberg/Rusca Montană. Dort war vor wenigen Jahren, bei heftiger Opposition der Gemeindeverwaltung, durch die unermüdliche und nachdrückliche Tätigkeit des ehemaligen Oberförsters Walter Frank eines der schönsten ortsnahen Naturreservate geschaffen und etabliert worden, der Buchenwald von Rußberg. Dadurch hat die Gemeinde eine direkte Einnahmequelle – den Holzeinschlag im ortsnahen Wald mit seinen gewinnträchtigen hundertjährigen Buchen bester Holzqualität – verloren und auch zu wenig Phantasie entwickelt, um den geschützten Wald anders und schonend, etwa touristisch, zu nutzen.

Da in diesem Jahr die Forsteinrichtung fällig war – sie wird periodisch, jedes Jahrzehnt einmal, gemacht – kam der Forsteinrichter und hinterließ ein Papier, das plötzlich im Naturschutzgebiet Säuberungsschläge zuließ. Da jedermann, der einigermaßen weiß, wie das dann zugeht, sich mit solchen „Säuberungsschlägen“ auskennt, wandte sich der pensionierte Oberförster Walter Frank ans Ministerium für Umweltschutz und Forsten, direkt an Minister László Borbély, und als die Antwort sich verzögerte, fuhr er nach Bukarest, wurde dort vorstellig und verlangte eine offizielle Überprüfung der Forsteinrichtung.

Die Folge war, dass der Herr Forsteinrichter postwendend seinen „Fehler“ zugab, diesen auf „Flüchtigkeit“ zurückführte und eine neue, diesmal korrekte Forsteinrichtung ausarbeitete. Gratis. Zur Wut des Bürgermeisters und zur Rettung des naturgeschützten gemeindeeigenen Urwalds von Rußberg. Das Problem ist nur: wie viele pensionierte Oberförster mit Naturschutzqualität wie Walter Frank hat Rumänien? Oder besser: wie viele hätte Rumänien nötig, allein um seine bei EU-Beitritt eingegangenen Verpflichtungen betreffend Naturparks und geschützte Areale zu erfüllen und nachhaltig einzuhalten?

Moldaukreise: 50 Prozent der Holzernte

Laut Angaben der Kreisdirektionen für Forstwirtschaft stieg der Holzeinschlag in Rumänien im Jahrzehnt 2000-2010 um 20 Prozent. Der Verwaltungskreis Suceava war einmal der waldreichste Rumäniens. Als Folge des unerhörten Einschlagstempos fiel Suceava hinter das Banater Bergland auf Rang zwei der waldreichsten Gegenden Rumäniens zurück. Obwohl auch in Karasch-Severin der Einschlagsrhythmus gesteigert wurde.

Ein Vergleich zwischen 2000 und 2010 besagt viel. Die höchste Einschlagssteigerung verzeichnete der Verwaltungskreis Kronstadt (63 Prozent, von 500.200 Kubikmeter im Jahr 2000 auf 815.700 Kubikmeter im vergngenen Jahr). Es folgen Sălaj (62 Prozent, von 89.300 auf 144.600 kbm), Bihor (58 Prozent, von 269.500 auf 426.600 kbm), Karasch-Severin (50 Prozent, von 511.500 auf 767.100 kbm), Alba (46 Prozent, von 361.000 auf 526.300 kbm), Suceava (46 Prozent, von 1.576.700 auf 2.299.600 kbm!!!), Giurgiu (44 Prozent, von 77.500 auf 111.600 kbm), Gorj (43 Prozent, von 303,300 auf 434,700 kbm), Maramureş (35 Prozent, von 475.000 auf 639.800 kbm) und Hermannstadt (33 Prozent, von 377.800 auf 503.400 kbm).

Zurückgegangen ist der Holzeinschlag im Jahrzehnt 2000-2010 u. a. in Teleorman (um 31 Prozent, von 76.400 auf 52.400 kbm), Konstanza (um 31 Prozent, von 77.000 auf 52.900 kbm), Mehedin]i (um 29 Prozent, von 222.500 auf 159.000 kbm !!), Harghita (11 Prozent, von 1.131.500 auf 999.800 kbm), Dolj (um 14 Prozent, von 190.800 auf 164.100 kbm), Klausenburg (um 8 Prozent, von 172.000 auf 152.400 kbm), Sathmar (um 7 Prozent, von 143.000 auf 132.600 kbm) oder Hunedoara (um 5 Prozent, von 459.700 auf 438 kbm). Insgesamt ist der Holzeinschlag in 26 Verwaltungskreisen im Jahrzehnt 2000-2010 angestiegen und in 14 zurückgefahren worden, wobei das Munizipium Bukarest als 41. Verwaltungskreis 2000 keinen Holzeinschlag verzeichnet und 2010 500 Kubikmeter angab – wohl Parkbäume.

Immerhin besagt die Aufstellung, dass allein in Suceava jährlich eine Holzmenge gefällt wird, die rund 20 anderen Verwaltungskreisen entspricht! Nicht umsonst sind dort auch die Österreicher von Egger und Schweighofer ansässig. Zusammen mit dem Verwaltungskreis Neamţ (Einschlagssteigerung im Jahrzehnt 2000-2010 um 31 Prozent von 957.400 auf 1.253.100 Kubikmeter) sichert Suceava die Hälfte des Holzeinschlags Rumäniens.
Wen wundert es noch, dass die meisten und häufigsten Überschwemmungen in der Moldau verzeichnet werden? Und wer hat schon mal gehört, dass Holzunternehmen je Entschädigungen für Überschwemmungsopfer gezahlt hätten?

Kommentare zu diesem Artikel

Hanne, 13.11 2011, 02:58
Der Artikel scheint gut recherchiert. Er liefert viele Informationen und destruiert ein Bild, das man vom rumänischen Wald hat: nämlich, dass er in Hülle und Fülle vorhanden sei. Es bleibt zu hoffen, dass diverse Bemühungen auch konkrete Maßnahmen hinter sich ziehen und das Problem öffentliche und auch staatliche Beachtung erhält. Und dass sich was für den Erhalt des Waldes tut...

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