Vom christlichen Ethos zum nationalen Pathos

Mirela-Luminiţa Murgescu beleuchtet Bildungsziele der rumänischen Primarschule im 19. Jahrhundert

Donnerstag, 03. September 2015

Im Zuge der Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts etablierte sich allmählich das Primat des nationalen Bewusstseins über andere Formen sozialer Solidarität oder religiöser Identifikation. Zu konfessionellen, territorialen, regionalen, familiären oder dörflichen Bindungen traten die nationalen Identifikationsmuster hinzu. Es verwundert nicht, dass die entsprechenden Staaten Südosteuropas gezielt im 19. Jahrhundert ihr Schulsystem aufgebaut haben, um dieses „neue“ Bewusstsein nationaler Identität den Menschen über die Bildung zu vermitteln. Wie dies in den Donaufürstentümern der Moldau und der Walachei vonstattenging, untersucht die Bukarester Historikerin Mirela-Luminiţa Murgescu in einem ausgezeichneten Buch, das nun auch auf Deutsch vorliegt: „Vom ‘guten Christen’ zum ‘tapferen Rumänen’. Die Rolle der Primarschule bei der Herausbildung des rumänischen Nationalbewusstseins 1831-1878.“

Mit dem Jahr 1831 und den „Organischen Reglements“ beginnt eine systematische Institutionalisierung des gesellschaftlichen und politischen Lebens in den Donaufürstentümern, die in dieser Zeit auch die Bildung als staatliche Aufgabe erkennen und Primarschulen wie auch Ministerien für Öffentliche Bildung einrichten. So kam es zur „Idee, dass die Schule und die Erziehung das nationale Gefühl verstärken und bei der Bevölkerung die Idee einer rumänischen Entität stützen sollten, die im Vergleich zur europäischen Geschichte andersartig und spezifisch ist“ (S. 69). Wobei Kirche und Schule bei Bildung und Erziehung eng verbunden blieben.

Die neuen Primarschulen sollten die Liebe zu Gott und zum Gebet, zum Vaterland und dem eigenen Volk vermitteln, dazu Menschlichkeit und die richtige Pflege von „Acker, Hütte und Weinstöcken“. Die neuen Gesetze sahen auch Strafen vor, wenn die Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schickten. Das alles diente dem großen nationalen Ziel, wie Murgescu nachweist. So schreibt sie: „In das alltägliche Leben, wie es die Dorfbewohner kannten, fließt allmählich die Vorstellung einer großen, nationalen Gemeinschaft ein. Die Primarschule erzieht zu Moral und zur Nation. Die identitätsstiftende Komponente heißt guter Christ und guter Rumäne.“ (S. 72)

Murgescu weist dabei auf ein wichtiges und spezifisches Charakteristikum der rumänischen Entwicklung hin, wenn sie festhält: „Im Unterschied zu anderen Ländern, wo die vom Staat vorgeschlagene Erziehung explizit gegen den Einfluss der Kirche gerichtet war, wie zum Beispiel im Frankreich der 3. Republik, überwog im rumänischen Staat die Tendenz, die Priester und die Kirche in ihrer Gesamtheit mit der Erziehung zu einer rumänischen Identität zu verknüpfen.“ (S. 74)
Religion und Moral bleiben wesentlich in dieser Erziehung. Oder, wie ein Oberlehrer aus Bukarest 1868 schreibt: „Die Seele und die Intelligenz des rumänischen Volks muss durch Religion und Wahrheit auf den Weg der Wissenschaft und der Pflicht geführt werden.“ (S. 77) Dass zu diesem Menschenbild auch das Nationalgefühl dazugehört, steht im 19. Jahrhundert außer Frage. Die neuen politischen Eliten nutzen das Schulsystem, um die nationale Identität als existenziell zu vermitteln. Insoweit gibt es einen gewissen Übergang vom christlichen Ethos zum nationalen Pathos, wie Murgescu nachweist. Doch sind diese existenziellen Daseinsformen – Religion und Nation – noch nicht getrennt. Als untereinander verbundene „Erziehungstypen“ gelten die „körperliche, geistige, moralische, religiöse und nationale Erziehung“, wie es in einem pädagogischen Lehrbuch von 1869 heißt, das die Autorin analysiert.

Wenn die religiösen Werte wie Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe „in das Bewusstsein des Kindes eingegangen sind, kann sich der Lehrer auch um die Entwicklung des Nationalgefühls oder um die Nationalität (…) kümmern.“ So dürfe sich die Erziehung auch „nicht darauf beschränken, aus dem Kind nur einen Menschen, einen Christen zu machen; sie ist auch verpflichtet, aus ihm einen Bürger zu machen“ (S. 99). Diese nationale Idee als Bildungsziel soll ausdrücklich als Liebe zum Eigenen ohne Ablehnung des Fremden vermittelt werden. So schreibt I. P. Eliade in dem erwähnten Methodenbuch: „Die Pflicht der Erziehung ist es aber, darauf zu achten, dass dieses patriotische Gefühl nicht in Hass und Intoleranz gegenüber anderen Völkern ausartet“ (S. 100).

Murgescu erkennt eine Veränderung in der Austarierung zwischen religiöser und nationaler Komponente in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts und hält fest: „Zu Zeiten des Reglements und danach, und selbst in den ersten Jahren nach der Vereinigung der Fürstentümer, hält sich in den Schulen eine vor allem moralisch-religiöse Erziehung mit einer gewissen patriotisch-nationalen Komponente. In den siebziger Jahren lässt sich beobachten, dass die nationale Komponente hervorgehoben wird, der sich alle anderen Komponenten der Erziehung unterordnen.“ (S. 105) In dieser Phase treten dann die Romanität, das Volkstum und der Fortschritt als Bildungsprinzipien mehr und mehr in den Vordergrund. Staatstreue wird zum ersten Bildungsziel, wenn etwa auch in Lesebüchern moralisch-religiöse Inhalte allmählich durch Texte über „Ansprüche an einen Bürger“ ersetzt werden.

So widmet sich die religiöse Erziehung der Bildung des Christenmenschen, vor allem die Fächer Geschichte und Geografie  der Bildung des Bürgers und Patrioten. Im Erziehungsprozess wird dann „die Verbindung mit Vaterland und Nation stärker und wichtiger als alle anderen Formen von Solidarität, die sie kannten“ (S. 117). Ausführlich widmet sich Murgescu neben der Analyse von Gesetzen, Lehrplänen, Methodenbüchern und politischen Absichtserklärungen der Untersuchung der Schulbücher, die sie nach Inhalt, Methodik und Sozialisierungsdiskurs befragt und vergleicht. Dabei stellt sie auch die Bemühungen um Vereinheitlichung zwischen der Walachei und der Moldau dar, wie sie überhaupt die Entwicklung in beiden Fürstentümern vergleichend beschreibt.

Ganz besonders spannend lesen sich ihr eAusführungen zu den grundlegenden Merkmalen der nationalen Identitätskonstruktion bei den Rumänen und deren Vermittlung im Unterricht. Dabei beschäftigt sie sich mit Herkunft und Kontinuität der Rumänen, der nationalen Einheit, dem „Patria“-Kult, Nationalsymbolen und Erinnerungsorten, nationalen Helden und Mythen. Auch die oft stereotype Darstellung anderer Völker in den Lehrbüchern wird vorgeführt.
Der systematisch klar strukturierte, methodisch stringente und inhaltlich sehr gründlich dokumentierte Band stellt einen wichtigen Beitrag sowohl zur Institutionenforschung über die rumänischen Fürstentümer des 19. Jahrhunderts als auch zur rumänischen Ideengeschichte dar. Darüber hinaus ist die glänzend geschriebene Arbeit exzellent übersetzt und liest sich bisweilen für eine wissenschaftliche Untersuchung auch noch recht vergnüglich.

Mirela-Luminiţa Murgescu: „Vom ‘guten Christen’ zum ‘tapferen Rumänen’. Die Rolle der Primarschule bei der Herausbildung des rumänischen Nationalbewusstseins 1831-1878". Aus dem Rumänischen von Julia Richter und Larissa Schippel; Berlin: Frank & Timme-Verlag 2012, 320 S., ISBN 978-3-86596-405-2, 29,80 Euro

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