Vom Computer in die Backstube

Eine Entscheidung fürs Leben - das kleine Lebkuchenhaus in der Langgasse

Sonntag, 17. Januar 2016

Nicht im Märchenwald, sondern in Kronstadt in der Langgasse Nr. 148 steht das Lebkuchenhaus des Männchens mit der roten Baskenmütze

Die rote Baskenmütze, eine Mischung aus Kochhut und Zipfelmütze, trägt Cristian Vasile am liebsten.

In der Bäckerei, beim Verzieren von Keksen
Fotos (3): Hans Butmaloiu

Auch frisches Teegebäck gehört zu dem Angebot, wobei der Buttergeschmack das A und O darstellt.

Eine Schokotorte mit Verzierung, bei der auch das Auge mitisst
Fotos (2): Cristian Vasile

Alle kennen es, das Märchen der Brüder Grimm über Hänsel und Gretel und das Lebkuchenhaus im Märchenwald. Unser Märchen dreht sich auch um ein Lebkuchenhaus, welches allerdings nicht im Märchenwald liegt, sondern in der Kronstädter Altstadt in der Langgasse Nummer 148. Und von der bösen Hexe, die im Backofen endet, ist dort keine Spur. Statt dessen ein junger Mann, der sich mit seiner Konditorei einen Lebenstraum erfüllt hat.

Cristian Vasile (33), gebürtiger Kronstädter, hat Informatik und Wirtschaftskunde studiert und seine Berufslaufbahn bei Siemens - und nicht nur - begonnen. War es die Sehnsucht nach etwas anderem, nach Selbsterfüllung oder Bestätigung, die ihn angetrieben hat, seinen Lebenstraum fern von dem pragmatischen, nüchternen Arbeitsbereich zu suchen? In einem Gespräch erzählte er uns ausführlich über seine Erwartungen, aus der Position eines jungen Mannes heraus, der seine Berufung gefunden hat. Er erlangte bald Stadtruhm, als er Besuch von dem schwedischen Star-Konditor Poul W. Lorenzen erhielt, von dem er auch so manches dazulernte.
 

Sie sind ein Musterbeispiel für den Begriff „Umsteiger“. Was hat Sie dazu bewogen, einen so radikalen Richtungswechsel - von der IT zum Konditorhandwerk - zu wagen?
 

Ausschlaggebend war der Wunsch, etwas auf eigene Faust und unter eigener Verantwortung zu unternehmen. Ich wollte mein eigener Boss, mein eigener Chef sein, meine Entscheidungen treffen und sofort umsetzen können, wenn ich es für richtig halte. Ohne auf den Segen von oben zu warten, für den es, wenn er kommt, oft auch zu spät sein kann. Das war der Hauptgrund.
 

Aus einem so technischen Bereich wie IT direkt in die Welt der Mehlspeisen und Süßwaren?
 

Ja! Der Umstieg ist radikal gewesen! Als ich mich endlich durchgerungen hatte und der Entschluss, etwas selbstständig aufzubauen, fest stand, da bin ich die vorhandenen Möglichkeiten durchgegangen. Gut, Ideen hatte ich jede Menge, aber es waren schon bekannte, begangene Wege.
Ich wollte aber etwas erzeugen, ein Produkt, etwas von mir Produziertes, nicht gekauft und weiterverkauft, wie der Handel oft ist. Meine Vorstellung war ein Erzeugnis, welches meins ist, welches meine Handschrift trägt und für welches ich die volle Kontrolle der Entstehung von A bis Z habe. Das war die Grundlage.

Zum Bereich nun - denn es wurde ja etwas Essbares, nicht wahr? Lebensmittel werden täglich benötigt, täglich gekauft, täglich abgesetzt, sie gehören zum Alltag, so war es und so bleibt es, daran wird sich nichts ändern.
 

Es hätte also auch Metzgerei sein können?
 

Hätte es nicht sein können, denn ich selbst liebe Süßigkeiten, gute Süßigkeiten, also habe ich diese Richtung gefunden (lacht)! Genauer genommen, es gibt eine zeitgenössische Tendenz - eine weltweite zeitgenössische Tendenz - zu Fastfood, Zusätzen, Ersatzstoffen, Stoffen und Zutaten, welche die natürlichen Ingredienzien ersetzt haben. Mit natürlichen Zutaten meine ich keinesfalls die in Mode gekommenen so genannten Bio-Produkte, sondern schlicht und einfach die natürlichen Zutaten einer Mehlspeise: Hühnereier, vom Huhn und in der Schale und nicht Eigelb- oder Eiweißpulver, Butter aus Milch und keine Margarine, sei sie noch so gut. Schlagsahne, aus Milch entzogen, und nicht künstliche aus Palmöl mit Geschmacksverstärkern und Aromastoffen. Und auf keinen Fall Instant Cremes, aus Pulver mit Vanille, mit Kakao, mit irgendwas. Nein, ich vertrete eine natürliche Küche mit den natürlichen Zutaten, welche bewährt sind.
 

Das wird aber heikel mit solchen Vorstellungen: Woher nehmen Sie die bewährten Rezepte?

Die suchen wir die ganze Zeit, probieren, testen, verbessern, ändern oder verwerfen auch. Wir haben Rezepte, welche auch mehrmals verändert wurden. Dazu kommt, dass wir von unseren Kunden immer Rückmeldungen verlangen und auch bekommen. Es ist uns durchaus bewusst, dass wir kein perfektes Produkt haben und niemals haben werden, doch das wird uns nie davon abhalten, danach zu suchen.
 

Und welches war die Reaktion der Kunden, der Konsumenten?
 

Da wurde es interessant: Nach sechs Monaten mussten wir neben der Backstube die Konditorei eröffnen. Gut, wir haben eine kleine Verkaufsfläche, die aber notwendig wurde, als wir regelmäßige Kunden hatten, die immer zur Backstube kamen.
 

So haben Sie sich für das Lebkuchenhaus in der Langgasse entschieden?
 

Ja, in Kronstadt ist die Langgasse die Straße der Konditoreien schlechthin. Es ist wohl ein ungeschriebenes Wirtschafts- oder Handelsgesetz, dass sich bestimmte Geschäfte gegenseitig anziehen. Die Kunden kommen eben in die Langgasse, um Süßwaren und Mehlspeisen zu kaufen oder zu bestellen. Das führt zu Wettbewerb, der dem Kunden zugute kommt, denn der Kunde will auch zufrieden sein und das ist nur mit Qualität möglich. Wer diese also bietet, der hat auch Kundschaft.
 

Sie haben also den Schritt von der Backstube mit Bestellungen und Auslieferungen zum eigenen Laden gemacht. Wie ist der jetzige Stand?
 

In der Backstube hatte ich anfangs einen einzigen Fachkonditor, jetzt sind wir zu viert, mich eingeschlossen. Eben ein noch kleines Familienunternehmen.
 

Und was genau erzeugen Sie, oder besser gesagt, was ist am meisten gefragt?
 

Die Geschmäcker sind bekanntlich sehr verschieden. Wir haben versucht, der Nachfrage nach Torten und Mehlspeisen entgegenzukommen, also Gebackenes in seinen verschiedenen Variationen. Vergangenen Sommer gab es zum Beispiel eine große Nachfrage nach Käsekuchen, der wir uns angepasst haben. Wir haben ein Angebot, welches ein wenig vom regionalen Typ abweicht und eher als international zu bezeichnen ist. So haben wir im Angebot auch die bekannte Mousse Creme, welche wir in sehr verschiedenen Geschmacksrichtungen zubereiten, selbst mit Whisky, wenn der Kunde sie so wünscht.
 

Wie haben Sie sich auf Weihnachten vorbereitet?
 

Also, sagen wir: als „Sonderauftrag“ buken wir mürbe Kekse mit Gewürzen - also wirklich Lebkuchen, wie der Name der Konditorei - auf welche wir die typischen Verzierungen aus Zuckerguss auftrugen. Wir bereiteten sie für eine Weihnachtsbescherung vor, eine Sachspende für ein Kinderheim.
 

Und nun zum „Männchen mit der roten Baskenmütze“ - die Mütze, die Sie auf allen Bildern tragen und die längst zu einem Markenzeichen wurde. Wie sind Sie darauf gekommen?
 

Als ich mich für die Erfüllung dieses Traumes entschieden hatte, da stellte ich mir auch das Drumherum vor und dabei hatte ich vor dem inneren Auge stets das Bild eines, sagen wir, Heinzelmännchens, welches in der Backstube hantiert, rührt, backt und eben Leckereien herstellt. Es ist der gute Geist, der Menschen Freude durch sein Gebäck bringt. In meiner Vorstellung trug dieses Männchen eine rote Baskenmütze. Diese nahm ich auch als Markenzeichen auf. Eigentlich ganz einfach.
 

Süßes ist verlockend - wie steht es aber mit den Kalorien?
 

Wie soll es denn stehen? Sehr einfach: Ich selbst hatte eine Zeit lang über 100 Kilo und bin jetzt wieder bei 84, durch Bewegung.

Für die Kunden halte ich immer einen Kurzreim bereit, der besagt, dass nach einer guten Mehlspeise 20 Minuten Bewegung Kraft und auch einen beneidenswerten Körper verschaffen.

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