Vom Ende her lesen

Frauen untervertreten auf den Kandidatenlisten der Parteien im Bergland

Dienstag, 31. Mai 2016

Auch bei den Sonntag anstehenden Lokalwahlen wird man nur selten Gelegenheit haben, den Stempel auf einen Frauennamen zu drücken.

Die jüngste Studie des Weltwirtschaftsforums/World Economic Forum (WEF) lanciert die Prognose, dass auf globaler Ebene die Gleichheit zwischen den Geschlechtern erst in 118 Jahren verwirklicht wird. Wie immer veröffentlicht das WEF auch eine Art „Skala der Gleichberechtigung” (man kann sie auch nennen: der Ungleichheit aufgrund des Geschlechtsunterschieds). Sie umfasst 145 Staaten. Rumänien liegt auf Rang 77, in der Mitte. Gemessen wurde aufgrund der Befragung zufällig ausgewählter 1000 Personen die Partizipation der Geschlechter am Wirtschaftsleben und ihre Chancen in der Wirtschaft, die Erziehungsleistungen, die Lebenserwartung und die politische Macht, also relativ durcheinandergewirbelte Kriterien. Doch vielleicht beinhalten sie gerade durch ihren relativen Zufallscharakter einiges an Relevanz. „Zur Stunde ist es den Frauen Rumäniens gelungen, den Männern in einigen wichtigen Bereichen ebenbürtig zu sein oder sie sogar bereits zu überflügeln, etwa in der Erziehungsleistung und in manchen Bereichen in der Managementleistung des Geschäftsumfelds”, behauptet Bianca Tudor, Präsidentin von ELITE Business Woman. „Aber in anderen Bereichen starten die Frauen mit Nachteilen, vor allem in der politischen Vertretung – auf der Ebene der Legislative, in der Regierung, selbst auf der Ebene des Präsidialamtes.”

Rundblick vor der Haustür

Nimmt man sich im Banater Bergland die Listen der Parteien vor, die für die Kreisratswahl vom 5. Juni 2016 zusammengestellt wurden, dann fallen erst mal zwei Tatsachen auf, beide im Zusammenhang mit der Geschlechterbehandlung: Von den 429 Kandidaten für einen der 31 Sitze im Kreisrat (plus Vorsitzenden und zwei Stellvertreter – also in einem Wahlgang insgesamt 34 wählbare Sitze) sind nur 66 Frauen, und von diesen bloß zwei auf einem Spitzenplatz der Parteienlisten (also dem, theoretisch, sicher wählbaren Platz): bei der ALDE (Ionela-Mariana Kovács) und bei der PSRO (Simona-Alina-Zora Stancovici), beide auf der Liste in großem Abstand (also sicher nicht wählbar) gefolgt von sieben bzw. drei weiteren Frauen. Erwähnenswert ist noch der zweite Listenplatz bei der PNL, den die Ko-Präsidentin auf Kreisebene und Abgeordnete Valeria-Diana Schelean-Şomfelean (als Abgeordnete und Vizepräsidentin des Justizausschusses nennt sie sich nur Valeria Schelean) belegt. Sie wird wohl sicher gewählt, geht aber ebenso sicher im Herbst wieder ins Parlament, lässt also ihren Listenplatz von Nachrückenden besetzen. Bemerkenswert auch der zweite Listenplatz der Anca-Georgeta Almăjan – allerdings bei der kaum wählbaren PPU/SL.

Frauen ja, aber hinten anstellen!

Ansonsten: Sechs der neun Parteien mit vollständiger Kandidatenliste haben mehr als sechs Frauen aufgesetzt (die Mehrheit: sogar acht), doch kaum eine Frau ist auf den nach den Statistiken der Nach-Wende-Wahlen bestenfalls ersten zehn-elf wählbaren Listenplätzen zu finden. Das heißt, sie sind vor allem aus wahltaktischen Gründen aufgestellt worden und um einem parteiinternen Numerus clausus zu entsprechen, nicht um sie wirklich zu Kommunalpolitikerinnen zu machen. Im Banater Bergland, einer auch mental-strukturell ländlich geprägten traditionellen Gegend, würde es Verwunderung hervorrufen, wenn es anders wäre. Dass aber eine der gegenwärtigen Kreisrätinnen sich (offensichtlich aus Altersgründen) von der PNL nicht mehr aufstellen ließ, die resolute Iustina Turnea aus Bozovici, das sollte man aus übervollem Herzen bedauern. Denn durch ihre Direktheit, ihre Kaltschnäuzigkeit, ihre Spontaneität und Hemdsärmeligkeit hat sie frische Luft und Bewegung in die selbstgefällige Männerwelt des Kreisrats Karasch-Severin gebracht – in ihre Partei aber Respekt. Sie hat mehr als einen der Parteimachos das Fürchten gelehrt (einschließlich den von allen gefürchteten Sorin Frunzăverde) und einen gefährlichen Wendehals von ihrer Partei im Alleingang ferngehalten: Ion Tabugan, den Spitzenmann der UNPR-Liste, der die PNL bereits einmal verraten hat und vor den Wahlen „zurückkehren” wollte.

Wie grün sind die Grünen? Und wem?

Im Stillen wundern darf man sich auch über die Grüne Partei (Partidul Verde, Kürzel: PV). Die PV hält zwar den Rekord an Nominierungen von Frauen auf ihren Listen – neun – , doch erst auf Rang sechs taucht der erste Frauenname auf, die pensionierte Hochschullehrerin Nadia Potoceanu, eine eifrige und verdiente Gesellschaftsaktivistin, die zwar immer aktiv war, aber nie Bäume ausgerissen hat. Ihre Wahl von Listenplatz sechs der PV aus ist unwahrscheinlich, genauso wie die anderen acht Frauen auf Listenplätzen, ab Rang 14 vorzufinden, reinstes Täuschungsmanöver sind. Angeführt wird die Kandidatenliste übrigens vom Volkssänger Cristian Buică, ein Typ mit ziemlich autoritärem Gehabe („Ich schmeiß dich raus!”, „Du, verlass sofort den Saal, sonst singe ich nicht mehr!”) und nationalistischen Anklängen, die er sich wohl aus der Zeit gerettet hat, als er in den Sendungen und Veranstaltungen von Adrian Păunescu auftreten durfte. Auch sonst muss man in den Listen genau suchen, um auf erste Frauennamen zu stoßen. Bei der ALDE bis Listenplatz 20, bei der PSD bis Listenplatz 14 (in der eben ablaufenden Legislaturperiode hat die PSD 8 Kreisräte...), in der PND bis Listenplatz 18, in der PMP, mal abgesehen von der Frau des wendehalsigen Bürgermeisters Eugen Cismăneanţu, Lidia-Miriam Cismăneanţu (Rang drei, das dürfte Teil des Deals mit Traian Băsescu gewesen sein, damit ihr Mann die Partei wechselt), bis auf Rang 14. Am leichtesten findet man im Banater Bergland Frauen auf den Kandidatenlisten, wenn man diese von ihrem Ende her lies.

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