Vom „Glockenkäufer“ und den Urzeln

Filmarchiv von Frieder Schuller übernommen

Dienstag, 24. Januar 2017

Plakat zum Film „Der Glockenkäufer“ von Frieder Schuller, Transsilvania Film GmbH 1984, Filmarchiv Frieder Schuller

Trauergottesdienst Bischof Albert Klein, Einzug der Pfarrer in die Stadtpfarrkirche Hermannstadt, 1990 (Standbild), Filmarchiv Frieder Schuller

 Im Herbst 2016 erschien in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung ein neuer Lyrikband von Frieder Schuller. „Die Angst der Parkbank vor dem Abendrot“ enthält Gedichte über das Abschiednehmen, sie handeln von Verlust und Repressalien. Und doch, der Band ist auch eine Liebeserklärung an Rumänien. Das Land, das gegensätzlicher kaum sein könnte. Das Land, in dem der Autor tief verwurzelt ist, denn wenn Schuller über Hunde in Bukarest schreibt oder Haustiere „von der unsichtbaren rasse abhörgerät“ literarisiert er darin auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse, greift er auf sein Leben zurück. Frieder Schuller wurde 1942 in Katzendorf/Caţa bei Reps/Rupea geboren. Bereits als Student der Germanistik und Romanistik debütierte er mit Gedichten in der rumäniendeutschen Literaturzeitschrift „Neue Literatur“.

Texte von ihm wurden in Anthologien aufgenommen, Lyrikbände erschienen in Rumänien, nach seiner Ausreise auch in Deutschland. Im Anschluss an sein Studium war er als Redakteur der „Karpatenrundschau“ tätig, anschließend Dramaturg an der deutschen Abteilung des Theaters in Hermannstadt, wo er auch eigene Theaterstücke verfasste. 1978 reiste Schuller in die Bundesrepublik Deutschland aus. Unmittelbar nach der Revolution mietete er den Pfarrhof seines Geburtsortes Katzendorf, wo er seitdem viele Tage des Jahres verbringt. In jüngerer Zeit tritt Schuller vor allem als Initiator des Literaturpreises „Dorfschreiber von Katzendorf“ hervor, dessen Verleihung von mehrtägigen Kulturfesten begleitet wird.

In Katzendorf, diesem Ort, der selbst schon Literatur ist, lagerte lange Zeit eine kleine Kostbarkeit, die Zeugnis einer bislang weniger bekannten Tätigkeit des Umtriebigen ist: das Filmarchiv von Frieder Schuller, das neben VHS-Kassetten und Tonbändern bislang knapp 100 Rollen mit 16- und 35-mm-Film- und Tonmaterial umfasst. Dieses Filmarchiv konnte unlängst von dem in Hermannstadt/Sibiu befindlichen Zentralarchiv der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (ZAEKR) zur Nutzbarmachung und dauerhaften Aufbewahrung übernommen werden. Übergeben wurden von Schuller ferner einige Manuskripte und Aufzeichnungen aus dem Umfeld seines filmischen Schaffens. Die erste Sichtung des Bestands zeigte, dass sich auf den überlieferten Film- und Tonträgern Aufnahmen seit den frühen 1980er Jahren befinden: veröffentlichte und auch unveröffentlichte Beiträge, Schnittfassungen und Rohmaterial, zufällige und lange vorbereitete Szenen.

Frieder Schullers filmisches Werk umfasst Kinoproduktionen und Fernsehbeiträge, die vorwiegend in Rumänien gedreht wurden. Seine ersten Schritte im Filmbetrieb setzte er nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik, als er von dem damals ebenfalls in Deutschland lebenden rumänischen Filmemacher Radu Gabrea beauftragt wurde, das Drehbuch für die Verfilmung der Novelle „O făclie de Paşte“ (Eine Osterkerze) von Ion Luca Caragiale zu verfassen. Mit André Heller in der Hauptrolle kam der Film 1983 unter dem Titel „Fürchte Dich nicht, Jakob“ in die Kinos und lief anschließend im Fernsehen.

Schuller fand Gefallen an der Filmproduktion. Gemeinsam mit einem Produzenten gründete er die Transsilvania-Film GmbH in Bonn. Es entstand 1984 der erste Spielfilm, „Der Glockenkäufer“, in dem der Heimatverlust der Siebenbürger Sachsen erstmals thematisiert und auch Folgen des sich ankündigenden Exodus für Siebenbürgen aufgezeigt werden. „Im Süden meiner Seele“, so der Titel von Schullers zweitem Spielfilm, erzählt von den Jahren, die einer der wichtigsten Dichter deutscher Sprache, Paul Celan, in Bukarest verbrachte. Wie viele Überlebende des rumänischen Holocaust ging Celan in die rumänische Hauptstadt, von wo aus er 1948 nach Wien flüchtete. Gedreht wurde, teilweise an Originalschauplätzen, in Bukarest und Siebenbürgen, eine zentrale weibliche Rolle übernahm die bekannte bundesdeutsche Schauspielerin Gudrun Landgrebe. Neben Spielfilmen produzierte Frieder Schuller auch Fernsehbeiträge. So entstand beispielsweise ein Film über den im 16. Jahrhundert in Hermannstadt lebenden Raketenpionier Conrad Haas. Zuletzt wurde im Jahr 2012 eine Dokumentation über das unter anderem von Charles, Prince of Wales, geförderte Dorfprojekt in Deutsch-Weißkirch/Viscri ausgestrahlt.

Insbesondere von den älteren Filmproduktionen existieren heute lediglich schlechte Kopien. Die Abspielqualität dieser Aufnahmen ist so stark beeinträchtigt, dass eine öffentliche Aufführung nicht möglich ist. Es ist deshalb ein großer Glücksfall, dass sich in dem durch das ZAEKR übernommenen Filmarchiv die Bänder der Kino- bzw. Fernsehfassungen von Filmen Frieder Schullers befinden. Wenngleich der Zustand des Materials aufgrund der Lagerbedingungen und von Alterungsprozessen momentan eine Abspielung nicht erlaubt, besteht doch die grundsätzliche Möglichkeit, digitale Kopien von den jeweiligen Originalaufnahmen anzufertigen. Dieser vorausgehen muss allerdings eine fachgerechte Reinigung sowie Restaurierung. Ein nicht geringer Aufwand, der sich aber auch aus einem weiteren Grund lohnt: Neben den bekannten Produktionen Schullers befinden sich auf den Filmrollen auch Vorarbeiten zu nicht fertiggestellten beziehungsweise nicht ausgestrahlten Filmen, sowie Aufnahmen, die quasi nebenbei, ohne einen konkreten Auftrag entstanden.

Einen Einblick in diesen Teil des Filmbestands bieten schon jetzt die Aufnahmen, die auf VHS-Kassetten und anderen Magnetbandformaten überliefert sind. Viele von ihnen konnten im Rahmen des durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München (IKSG) geförderten Projekts „Erfassung und Notsicherung in Privatbesitz befindlicher Quellen und Dokumente zur deutschen Literatur und Kultur in Rumänien“ bereits digitalisiert werden. Neben Alltagsszenen, Gottesdiensten und Interviews mit Rumäniendeutschen finden sich darunter auch Brauchtumsszenen wie der jährliche Urzelnlauf in Agnetheln. Die Aufnahmen, die bis in die frühen 1980er Jahre zurückreichen, haben entsprechend auch einen historischen Wert. Besonders deutlich wird dieser in einem der letzten Interviews Hermann Oberths, das Schuller kurz vor dem Tod des umstrittenen Physikers und Raketenpioniers führte. Der Wert zeigt sich aber auch bei den Aufnahmen des Begräbnisses des langjährigen Bischofs der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, Albert Klein, zu Beginn des Jahres 1990.

Kurz nach diesem Ereignis setzte der Exodus der Siebenbürger Sachsen ein; filmisch festgehalten sieht man die Pfarrer ein letztes Mal weitgehend geschlossen in die Hermannstädter Stadtpfarrkirche einziehen. Viele weitere wichtige Aufnahmen, so die Vermutung, befinden sich auf den 16- und 35- mm-Bändern. Nach der Restaurierung und Digitalisierung werden diese hoffentlich wieder einsehbar sein. In einem ersten Schritt ist das Film- und Tonmaterial, finanziert durch Mittel des Bayerischen Staates, bereits in neue archivgerechte Verpackungen verbracht worden. Die eigentliche Aufarbeitung des Filmarchivs wird in diesem Jahr beginnen und umfasst neben der Sicherung und Digitalisierung auch die Nutzbarmachung der Filme und Filmsequenzen. Hierzu werden die Filmaufnahmen unter anderem identifiziert, beschrieben und verzeichnet, sodass sie möglichst genau zugeordnet werden können.

In Vorbereitung dieser Maßnahme werden momentan Dokumente aus dem Umfeld der Dreharbeiten Frieder Schullers gesammelt. Sollten Sie über entsprechende Korrespondenzen, Fotos oder andere Objekte verfügen, die das Filmarchiv ergänzen könnten, melden Sie sich bitte bei Michaela Nowotnick, die das Vorhaben betreut (E-Mail: michaela. nowotnick@hu-berlin.de; per Post Dr. Michaela Nowotnick, Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, D-10117 Berlin).

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