Vom Kinderheim zum multikulturellen Sommerlager

Initiative aus Bautzen unterstützt heute Lern- und Persönlichkeitsentwicklungsprojekte für Jugendliche

Sonntag, 12. November 2017

Jugendlichen fällt es meist noch leicht, über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg Freundschaften zu schließen.

Wichtige Kompetenzen für die Zukunft: interkultureller Dialog und Gemeinschaftssinn

Das Sommerlager: Freizeitspaß und Lernerfahrung

Auch Kochen gehört zu den Gemeinschaftserfahrungen.

Die Zeltstadt liegt auf einer Waldlichtung, fünf Kilometer vom nächsten Ort entfernt.
Fotos: privat

Cristuru-Secuiesc ist eine Stadt mit ca. 20.000 Einwohnern, die nahezu vollständig zur ungarischen Minderheit in Rumänien gehören. Die Region ist ländlich geprägt und Arbeitsmöglichkeiten gibt es nur in einigen mittelständigen Betrieben mit drei bis 20 Mitarbeitern. Die Arbeitslosigkeit liegt bei ca. 20 Prozent, wobei in nahezu allen Familien einige Angehörige im Ausland arbeiten und mit ihrem Lohn die zuhause Verbliebenen mitversorgen. So ist für fast alle Familien die Bewirtschaftung eines eigenen Gartens, Ackers bzw. die Haltung von Tieren zur Selbstversorgung von elementarer Bedeutung.  1984 hatten die Mitglieder der heutigen Rumänieninitiativgruppe Bautzen e.V. die ersten Kontakte und Erfahrungen mit dem Land gemacht. Ein Hilfsprojekt entstand folglich zur Unterstützung der Familien und Gemeinden der Bezirke Harghita und Covasna.

Anfangs wurden,  meist illegal,  Medikamente, Verhütungsmittel, Literatur, Lebensmittel etc. nach Rumänien transportiert.  Nach dem Sturz des Ceauşescu- Regimes fuhren im April 1990 Rüdiger Steinke (ehem. Diakon der Evangelisch Lutherischen Kirchgemeinde Bautzen St. Petri), Frank Fischer (damals CVJM-Sekretär in Bielefeld) und Uwe König (Mitglied der Jungen Gemeinde Bautzen) mit einem Hilfstransport nach Rumänien und gelangten zum zweitgrößten Kinderheim Rumäniens in Cristuru-Secuiesc, Harghita. Dort lebten zu diesem Zeitpunkt ungefähr 600 Kinder, die zu ca. 65 Prozent aus Roma-Familien kamen.

Nach der Rückkehr kam den Teilnehmern die Idee, einen eigenen Freiwilligendienst zu entwickeln, durch den deutsche Helfer für ein bis zwei Jahre in dem rumänischen Kinderheim leben und arbeiten können. Innerhalb kurzer Zeit war die Initiative in Bautzen (Ostsachsen, Deutschland) bekannt geworden. Im Herbst 1991 zogen die ersten sechs Jugendlichen für ein Jahr nach Rumänien. In der Zeit von 1991 bis 2003 arbeiteten jeweils vier bis sieben junge Leute zumeist für ein, manche auch zwei Jahre in dem Heim als sozialpädagogische Helfer. Insgesamt wurden durch diese Initiative  85 Freiwillige zur Arbeit nach Cristuru-Secuiesc entsandt.

1993 gründeten die an dieser Aktion Beteiligten schließlich den Verein Rumänieninitiative Bautzen e.V. Ab sofort organisierten die deutschen Mitarbeiter außerdem regelmäßige Foren und Seminare mit Dozenten aus Deutschland und anderen Ländern Europas zu entwicklungspsychologischen Themen und elementaren pädagogischen Fragestellungen. Mit Geduld und Beharrlichkeit  konnten im Laufe der Jahre die Lebens- und Entwicklungsbedingungen der betreuten Kinder verbessert werden. Unter anderem werden seit 1993 jährlich Zeltlager in Rumänien durchgeführt, an denen jeweils etwa 45 sächsische und ebenso viele rumänische Jugendliche teilnehmen. Die Effizienz des sozialen Lernens in diesen Camps ist hoch und führt besonders bei den deutschen Jugendlichen zur nachhaltigen und intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung mit sozialen und psychologischen Themen. Insgesamt waren inzwischen mehr als 1100 deutsche Jugendliche an den Begegnungen mit Jugendlichen aus Cristuru-Secuiesc beteiligt.

Zwischen 2001 und 2003 wurde das Kinderheim im Zuge der Vorbereitungen auf den  EU-Beitritt aufgelöst. Die Rumänieninitiative Bautzen e.V. beschloss jedoch 2003, die sozialpädagogische Arbeit mit den ehemaligen Heimkindern sowie Kindern aus sozial schwachen Familien aus Cristuru-Secuiesc fortzuführen.  Als Partner wurde dort ein Trägerverein namens Feherlofia gegründet, welcher seither von Hajnalka Mateffy geleitet wird. 2005 übernahm Feherlofia die gesamte Arbeit und Organisation. Bis heute werden jedoch fast alle Personal-, Betriebs- und Sachkosten von der Rumänieninitiative-Gruppe Bautzen e.V. getragen.

Multikulturelles Sommer-Zeltlager

Als Zweig dieser Aktivitäten entwickelte sich ein Sommercamp in den rumänischen Ostkarpaten, welches bis heute jährlich stattfindet. Veranstalter sind das Landesjugendpfarramt Sachsen, die Evangelische Jugendarbeit des Kirchenbezirks Bautzen-Kamenz, der Verein Feherlofia in Cristuru-Secuiesc  und das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) in Schäßburg/Sighişoara.

Die Idee war, junge Menschen aus verschiedenen Ländern in einem Zeltdorf zusammenzubringen, um gemeinsam konstruktive Werte für den Aufbruch in ein eigenständiges Leben zu entdecken. Dieses Jahr kamen dort im August für rund drei Wochen vor allem ungarisch-, rumänisch- und deutschsprachige Jugendliche verschiedener Regionen Rumäniens, sowie Jugendliche aus Deutschland, Syrien und Griechenland zusammen. Einzelne Teilnehmer gab es auch aus Dänemark, den USA und Polen. Das Zeltlager wurde auf einer weitläufigen Waldlichtung, fünf Kilometer vom nächsten Dorf Crăciunel (Harghita) errichtet. 

Die Tage im Camp waren geprägt  von Gesprächsrunden, Liedern, Meditation, Seminaren, Ausflügen, Wanderungen, Kochen am offenen Feuer, Sport und spontanen Begegnungen mit den Einheimischen, vor allem unterwegs. Das verbindende Element war das Erfahren von Gemeinsamkeit und die Mitwirkung aller Teilnehmer an den Aktivitäten entsprechend ihrer Interessen und Begabungen. Geplant wurden auch Begegnungen mit Siebenbürger Sachsen und Roma-Familien. Das Projekt wurde durch die finanzielle Förderung im EU-Programm „Erasmus+“ ermöglicht.

Nach anfänglicher Befangenheit der Teilnehmer war bereits nach einem Tag eine Atmosphäre der Vertrautheit spürbar. Ethnische und soziale Unterschiede rückten rasch in den Hintergrund. Handys verloren ihre Bedeutung, soziale mediale Netzwerke ihre Präsenz. Kommunikation fand unmittelbar und direkt statt. Von Anfang an prägte eine Atmosphäre der Wertschätzung und des Respekts das Zusammenleben.

Interkultureller Dialog und Horizonterweiterung  
  
                                                         
Inhaltliche Schwerpunkte in der internationalen Jugendarbeit sind vor allem Lernen und Dialog. Das Lernen im Projekt unterscheidet sich jedoch wesentlich vom  institutionalisierten Unterricht in der Schule. Während letztere ein treppenartiges Lernmodell praktiziert, wo jeder Schritt auf dem vorhergehenden aufbaut, geschieht interkulturelles Lernen in konzentrischen Kreisen, als Anreicherungs- oder Kristallisationsprozess. Auf dieser Basis ließen sich Ziele formulieren, die allesamt auch als Ergebnis erkennbar waren:
• Offenheit für das Andere, das Fremde, das Ungewohnte
• erweiterte Wahrnehmungsfähigkeit für Fremdes
• das Andere als anders zu akzeptieren
•  Fähigkeit zur Empathie
• Fähigkeit zu experimentierendem Verhalten
• Überwindung der Xenophobie und Öffnung gegenüber Fremden
• die Fähigkeit, unsere eigenen Normen in Frage stellen zu können
• die Utopie, den herrschaftsfreien Diskurs zu erproben
• die Fähigkeit, Konflikte auszutragen
• den eignen Ethnozentrismus und Soziozentrismus zu erkennen und relativieren zu können
• die Fähigkeit, übergreifende Loyalität und Identitäten zu entwickeln
Die Teilnehmer konnten somit für ihr Leben und ihre berufliche Zukunft wertvolle Kompetenzen erwerben und ihren eigenen Horizont wesentlich erweitern.

Ein weiteres Ergebnis des Projekts ist, dass vier Jugendliche aus einer mittellosen Roma-Familie aus Dallendorf/Daia den Entschluss fassten, ihren bereits abgebrochenen Schulbesuch doch noch fortzusetzen. Seit Anfang September besuchen diese vier nun eine Schule in Schäßburg. Drei von ihnen wählten, den Schulabschluss neben ihrer Arbeit als zweiten Bildungsweg nachzuholen. Ein Mädchen setzt seinen Schulbesuch  mit der  9. Klasse in der Stadt fort, vor dem Camp hatte es diese Möglichkeit kategorisch abgelehnt. Finanziert wird die Ausbildung über eine Stiftung eines Bauunternehmers in Bautzen. Eine engagierte Familie aus Schäßburg steht den  jungen Leuten praktisch und auch emotional zur Seite. Moralisch unterstützt werden sie zudem von den übrigen Teilnehmern des Sommerlagers.



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