Vom Kokelwein zum Marienschrein

Auf den Spuren der sächsischen Weinbauer am Königsboden in Bogeschdorf

Montag, 09. Juli 2018

Die Kirchenburg von Bogeschdorf Fotos: George Dumitriu

Fresko der hl. Margarethe

Innenansicht mit Balkon, Maetz-Orgel (1804) und Freskenwand

Der Bogeschdorfer Flügelaltar mit acht Bildern und Marienschrein (1518) entstammt der Werkstatt von Meister Johannes Stoß.

Über dem Eingang klebt ein Schwalbennest, darunter ranken Reben über sechsfache filigrane Kapitelle. Der Rand des Ziegelvordachs wirft bizarre Schatten auf das Südportal, dessen Tor einladend offen steht. Dahinter hölzerne Glöckchen, die wie stilisierte Quasten von der Empore hängen. Auf den Bänken liegen bunte Kissen – freilich nur ausnahmsweise, denn an jenem Tag des 26. Mai wurde das 500. Jubiläum des spätgotischen Flügelaltars von Bogeschdorf/Băgaciu gefeiert. Tatsächlich ist das Dorf mit der trutzigen Kirchenburg mitten in der zauberhaften Weingegend des Zwischenkokelgebiets immer eine Reise wert.

Nicht zuletzt ist es dem Wein zu verdanken, dass sich die Bogeschdorfer Sachsen den kostbaren Flügelaltar aus der Schäßburger Werkstatt des Meisters Johannes Stoß, Sohn des berühmteren Nürnberger Bildhauers und Schnitzers Veit Stoß, überhaupt leisten konnten. Der Weißwein aus der Region erfreute sich  in Siebenbürgen höchster Beliebtheit. Historiker Martin Rill schreibt dazu: „Der Törzburger Kastellan ließ es sich nicht nehmen, persönlich 1541 im Dorf vorzusprechen, um ein Fass Wein für 10 Gulden und vier Aspern zu erwerben.“ Doch auch auf süddeutschen Märkten wurden Fässer aus Bogeschdorf gerne versteigert. 


Die gotische Kirchenburg – eine der schönsten im Zwischenkokelgebiet – reflektiert den Wohlstand der Bürger. Ende des 15. Jahrhunderts wurde sie zum Schutz vor Raubzügen der Türken und Tataren mit einem ovalen Ring befestigt, gleichzeitig wurden der siebenstöckige Glockenturm und ein Wehrgeschoss über dem Chor (1766 rückgebaut) hinzugefügt, dann drei vorgelagerte Basteien, ein Torturm und ein Zwinger für das Vieh. Tatsächlich wurde das Dorf 1661 von den Osmanen überfallen, geplündert und niedergebrannt. Die Menschen konnten sich in die Kirchenburg retten.

Wohlstand durch Wein

Neben den –  in der Zwischenkriegszeit entdeckten - lokalen Gasvorkommen, der Forstwirtschaft und dem Ackerbau war der Weinbau eine der wichtigsten Säulen des wirtschaftlichen Lebens. Doch mit der Abwanderung der Siebenbürger Sachsen und der damit einhergehenden demografischen Veränderung verfiel auch die Kellerei. Neue Hoffnung für den Weinbau brachte 2006 überraschend der aus Bogeschdorf ausgewanderte Helmuth Gaber, der auf ca. 40 Hektar zurückgekauftem sächsischem Grund erneut ein Weingut aufbaute. 2015 brachte er erstmals wieder Bogeschdorfer Weine auf den Markt: „Terra Regis – Wein vom Königsboden seit 1318“ heißt die eingetragene Marke, die es vorerst nur in Deutschland gibt. Doch Touristen, die auf dem Weingut im schmucken „Haus mit den Löwen“ gegenüber der Pension Schreiber vorsprechen, werden bestimmt nicht abgewiesen. Neben vier Weißweinsorten – Riesling, Chardonnay, Grauburgunder und dem traditionellen Königsast - gibt es bereits erfolgreiche Versuchsfelder mit Rotwein, verrät Gaber, der sich zudem  mit Bio-Landwirtschaft befasst.

Die langjährige Bedeutung des Weinbaus hat ihre Spuren hinterlassen: Trauben und Weinblätter zieren nicht nur das ursprünglich bemalte Portalbogenfeld der Kirche, sondern auch Konsolen im Chor und  Grabsteine. Kenner werden sich freuen, den aus Reichesdorf/Richi{ bekannten „grünen Mann“ (seine Geschichte kann man im ADZ-Reiseführer „Komm mit“ 2017: „Der grüne Mann von Reichesdorf“ nachlesen) auch hier anzutreffen:ein blätterspeiendes Gesicht als Konsolenfigur - hier natürlich Weinblätter - mit vorchristlichem Ursprung. Ihm gegenüber findet man auch hier eine Konsole mit Jesusgesicht.

Anna und der Türkenschatz

Was es mit dem Königsboden auf sich hat, auf dem die Bogeschdorfer Sachsen siedelten, vermittelt Helmuth Gaber. Dieser gehörte etwa 800 Jahre lang unveräußerbar den Siebenbürger Sachsen, die über vier Grundrechte verfügten: eigene Sprache, eigene Religion, Selbstverwaltung und eigene Gerichtsbarkeit, zumindest für kleinere Angelegenheiten. „Für größere Streitigkeiten musste man sich direkt an den ungarischen Königshof wenden, doch weil der weit weg war, versuchte man stets, sich vor Ort zu einigen“, erklärt Gaber. „Erst als die Österreicher im 19. Jh. den Sonderstatus Siebenbürgens aufhoben, änderte sich dies. Von da an gab es auch ein leichtes Einrieseln von Rumänen in das ursprünglich rein sächsiche Dorf .“ 1930 waren von 1224 Einwohnern 727 Deutsche, 197 Rumänen, 69 Ungarn und 227 Roma.

Die einflussreichste Familie in Bogeschdorf bildete die Dynastie Haller. Gaber erzählt hierzu eine charmante, historisch belegte Geschichte: 1847 fand eine 17-jährige Sächsin namens Anna beim Umgraben eines Weinbergs mit zwei Tagelöhnern eine hölzerne Kiste. Die Arbeiter hielten sie für einen Sarg, weigerten sich, weiterzuarbeiten und stieben, Kreuzzeichen schlagend, davon. Das Mädchen konnte ihnen  noch hinterherrufen, ihr den Vater mit einem Ochsenkarren zu schicken... Kurz darauf sprach der Vater beim Dorfreichsten vor und bot  dessen Sohn seine Anna zur Ehe an. Doch die Familie lebte am Dorfrand, Anna galt nicht als gute Partie. Erst als der Vater ein paar Goldmünzen auf den Tisch legte und versprach, nach der Hochzeit zehn Kilo Gold dazuzulegen, die nach Geburt jeden Kindes aufgestockt würden, stieg das Interesse. Anna heiratete den ersten Daniel Halmen. 15 Jahre später stand im Grundbuch von Târnaveni ein stolzer Besitz von über 500 Hektar, von ungarischen Adligen auch außerhalb von Bogeschdorf zusammengekauft. Vier Generationen Söhne entsprangen dem Paar, wobei die erstgeborenen Söhne alle Daniel hießen, die Töchter jeweils Anna. Was in der Kiste gewesen war? „62 Kilogramm Gold!“, grinst Gaber. „Münzen, Kirchengefäße und Schmuck, wahrscheinlich die vergrabene Beute einer plündernden Türkenkohorte!“ Und verrät, dass in der dritten Generation eine Anna Haller einen Heinrich Gaber heiratete. „Anna brachte ein großes Vermögen ein und begründete damit den Status, den unsere Familie im Dorf neben den Hallers früher hatte.“

Von der Mondsichel zum Antoniusschwein

In der Kirchenburg spannt sich ein hochgotisches Rautennetzgewölbe mit Steinrippen  über den Chor. Die Schlusssteine zieren Pflanzenrosetten und ein Jesusgesicht. Wandmalereien aus vorreformatorischer Zeit zeigen die hl. Margarethe und ein Fresko des Jüngsten Gerichts, das sich einst über die gesamte Nordwand des Langhauses zog, doch nur in Fragmenten erhalten ist. Bemerkenswert sind die Schnitzarbeiten: ein prachtvoller Opferstock aus dem 16. Jh., das kostbare Gestühl mit Pflanzenranken und charmanten Fabeltieren. Dort erinnert die Darstellung einer Eule an die Weisheit der hl. Katharina von Alexandria, die als 18-Jährige in einem Disput 50 von Kaiser Maximinus gesandte Philosophen besiegte. Eine Inschrift mahnt zur Gelehrsamkeit: „Ich pin eyn Fogel vnd heys dy Ayl vnd ver mich hasset den schend dy Pail“ (Ich bin ein Vogel und heiße Eule, und wer mich hasst, den schändet die Pestbeule).

Auch auf dem spätgotischen Flügelaltar mit dem bedeutendsten Schrein des 16. Jh. (1518 datiert) erscheint Katharina mit  Maria Magdalena neben der Jungfrau Maria  als Schreinfigur. Auch hier gibt es ein vorchristliches Element zu entdecken, auf das Pfarrer Rolf Binder (Autor der Festschrift „500 Jahre Bogeschdorfer Flügelaltar“) hinweist: Maria steht auf einer Mondsichel, hinter ihren Füßen lugen ganz deutlich deren Enden wie Hörner hervor. Die Ähnlichkeit ist gewollt, standen doch im antiken Griechenland Stierhörner als Sinnbild für die Mondgöttin Selene, die von einem Wagen von Stieren gezogen, gefahren wurde. Der Mond galt als Gestirn der Muttergottheiten. Auf Maria wurde diese Symbolik übertragen, ausgelöst durch die Vision des Johannes: „Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: ein Weib mit der Sonne bekleidet und den Mond unter ihren Füßen...“. 

Im geschlossenen Zustand zeigt der Altar acht Tafelbilder mit 16 Heiligen, die mit Ausnahme der Brüder Damian und Kosmas, als „Ärzte ohne Silber“ vor allem aus orthodoxen Kirchen bekannt, Paare bilden, die eigentlich nicht zusammenpassen, weil sie keine Zeitgenossen sind. Für eine Verehrung der „Ärzte ohne Silber“ auch im sächsischen Siebenbürgen spricht laut Binder das Vorkommen der Familiennamen Kosmas, Kosmen, Käßman bzw. Demien, Demyhenn und Demner.
Ungewöhnlich ist auch die Darstellung des Christophorus, was „der von Christus Getragene“ bedeutet, denn „Christo“ steht für Christus im Dativ, so Binder, obwohl ihm dieser in Miniatur auf der Schulter sitzt. Auch diese Darstellung hat ein heidnisches Vorbild, erläutrert der Pfarrer: Nach nordischem Mythos trug der Gott Thor (Donar) nach langem Winter den Frühlingsgott Oervandt auf den Schultern durch gewaltige Wassermassen. Eine weitere Kuriosität, die zu entdecken Freude bereitet, ist das „Antoniusschwein“, dessen Schnauze hinter dem Bildnis seines Namensgebers hervorlugt. Es bezieht sich auf das Privileg des Antoniterorden, Schweinezucht zu betreiben.

Historische Angaben aus „Einblicke ins Zwischenkokelgebiet“, Martin Rill (vorgestellt in der ADZ, 10. Juni: „Es ist ein großer Schatz, den wir in Siebenbürgen noch haben“)

Kommentare zu diesem Artikel

Franz Metz, 09.07 2018, 11:47
Sehr guter Artikel.

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