Vom Märchenland, das es nicht ist

„Das Reich der Elfen“ in der Schulerau ist ein totaler Misserfolg

Donnerstag, 23. August 2018

Das bösartige Fabelwesen erzählt von der märchenhaften Natur und bedient gleichzeitig eine Registrierkasse für die Eintrittskarten.
Foto: Laura Căpățână Juller

In den Sommerferien suchen Eltern Aktivitäten für ihre Sprösslinge, die sich ab und an langweilen könnten. Dem Ferienlager folgen der Besuch bei Oma und Opa, die Fahrt ans Meer, der Ausflug ins Gebirge, einige Tage im Dorf und vielleicht eine Reise ins Ausland. Man nimmt das Angebot der zahlreichen Festivals wahr, jagt tolle Spielplätze und Unterhaltungsmöglichkeiten, muss aber achtgeben, ob das Angebotene auch wirklich den Ansprüchen genügt.

„Das Reich der Elfen“ in der Schulerau/Poiana Brașov ist ein Märchenwald. Hier nehmen die Kleinen, mit Hilfe der Großen, an einer interaktiven Erfahrung teil, durch die sie lernen, „die Natur zu respektieren und zu beschützen.“ So wird auf der Internetseite regatulelfilor.ro der thematische, 100-prozentig ökologische Park, der sich über mehrere Hektar Wald ausbreitet, vorgestellt. Schöne Fotografien in warmen Farben, die Elfen, Feen und zahlreiche Kinder mitten in der Natur darstellen, dazu eine Geschichte über die Elfen und ihre Königin, die wegen der massiven Abholzung ihr Heim verlassen mussten und in der Schulerau mit Hilfe der Kinder ein neues Reich aufbauen wollen, kommen sicherlich sehr gut an – vor allem bei Eltern, die für den Urlaub Neues, Einmaliges, Besonderes, Authentisches suchen, die etwas Außergewöhnliches einem Spaziergang im Wald vorziehen. Nach dem Konzept der „Gamification“, im Deutschen auch als „Spielifizierung“ anzutreffen, das die Anwendung spieltypischer Elemente in einem spielfremden Kontext bezeichnet, ist der thematische Park so erdacht, aktive Erfahrungen zu bieten, wo die Teilnehmer selber handeln und das Geschehen vorantreiben. Dabei lernen sie auf spielerische Weise etwas über Flora, Fauna, Naturschutz. Neugierige erfahren auch etwas über die Fabelwesen, die eigentlich Menschen sind, die sich vor langer Zeit entschieden haben, weiterhin im Wald zu leben, als die anderen Menschen begannen, sich Wohneinrichtungen zu bauen und den Boden zu bearbeiten. Die Elfen, weise, ehrliche, großzügige aber auch stolze Wesen, schworen, mit Mutter Natur in Einklang und Harmonie zu leben.
Mit Technik ausgestattete Kreaturen aus

Märchen und Sagen

Das Reich der Elfen befindet sich auf dem Weg von der Schulerau nach Rosenau, rund fünf Minuten Autofahrt von der Schulerau entfernt. PKWs parken, Kinder steigen aus und schauen sich neugierig um, denn es ist nichts außer Natur zu sehen. Kurz vor 11 Uhr kommt eine Gestalt auf die erwartungsvollen Kinder zu. Es ist ein hässlicher Goblin, das ist ein böser Geist, der in der europäischen Folklore anzutreffen ist. Seine grüne Maske mit langer, krummer Nase und langen, spitzen Ohren und einem kahlen Kopf voller Warzen bringen einen Dreijährigen zum Weinen. Die „märchenhafte Erfahrung“ beginnt mit einer informativen Einführung des Goblins in die Flora und Geografie der Gegend. Die Kinder, die sich von den Eltern versichern lassen, dass sie nur eine Maske sehen, keinen richtigen Bösewicht, wollen die Wunderpflanze ausprobieren, die das Brennesseljucken beruhigt, bestaunen Babybäume verschiedener Arten und rätseln über die Höhe des Schuler/Masivul Postăvarul, die, wie der Goblin weiß, 1799 Meter beträgt – er irrt sich, es sind 1804 Meter. Doch ist, was er erzählt, insgesamt lehrreich und vielversprechend, lehrt die Kinder etwas über die Natur, würde aber glaubwürdiger sein, wenn der Goblin während der Erklärungen nicht immer wieder die kleine Registrierkasse aus seinem Ledertäschchen herausziehen würde, um Eintrittskarten zu drucken. Dass ihm Geld aus der Hosentasche fällt, während er noch von Fichten und Tannen erzählt, oder er die Erklärungen plötzlich unterbricht, um zu telefonieren, beeinträchtigt noch einmal die Magie, die man sich erhofft.

Die Kinder scheinen sich nicht sehr davon stören zu lassen und warten geduldig auf die tolle Erfahrung, wegen der sie gekommen sind. Von der Landstraße führt der Goblin die Gäste über eine Wiese in Richtung Wald, wo das Reich der Elfen sei, und verabschiedet sich dann. Auf dem Weg stoßen die Kinder auf eine Fee, die unter einem Baum liegt, wecken sie leise und erfahren von ihr, dass etwas Schlimmes passiert sei und dass nur sie ihr helfen könnten. Eine Idee, die Teamarbeit erfordert und für Spannung sorgt. Genauso toll könnte auch der bei einem alten Baum gemeinsam ausgesprochene Schwur sein, auf die Natur aufzupassen, oder die Suche nach fünf magischen Steinen, die den Eintritt der Feen ins Reich ermöglichen. Die Kinder durchsuchen eifrig eine angegebene Fläche im Wald, teilen Informationen, sehen rundliche „Häuser“ der Märchengestalten, die aus dünnen Baumstämmen gebaut sind, beraten miteinander, obschon sich die meisten zum ersten Mal sehen. Die Spannung steigt noch mehr, als die Kinder eine Stimme im Wald hören, die auf der Suche nach Kindern ist. Für die Kindergartenkinder scheint die Anwesenheit der Eltern in diesen Spannungssituationen ein Muss zu sein, sie halten die Hand des Erwachsenen fest und bleiben neben Mama oder Papa. Als die Fee sie aber zum Training mit (Spielzeug-)Schwertern auffordert, werden sogar die Kleinsten selbstständig. Sie üben zu zweit. Danach geht es auf den Goblin los, der sie angreifen will. So schlagen Kinderchen mit Schwertern auf die Gestalt, jagen sie durch den Wald, bis sie zu Boden fällt, wo sie, animiert von der Fee und einigen Eltern, weiterhin geschlagen wird. Wenige Kinder ziehen sich zurück, eine Mutter greift ein und will dem Grauen ein Ende bereiten.

Ein zauberhaftes Erlebnis von Unprofessionalität

Es ist widerlich, wie Kinder, die ja die Welt mit offenem Herzen betrachten, dermaßen ausgenutzt werden und wie ihnen statt dem Reich, in dem magische Gestalten Gutes verrichten, eines präsentiert wird, in dem sie zu Aggressivität ermutigt werden. Eine Schlägerei zu organisieren, ist sicherlich leichter für die vier unprofessionellen Animateure als den Kindern Geschichten zu erzählen, ihnen Flöte oder Harfe vorzuspielen und mit ihnen zu tanzen, gemeinsam Heilpflanzen zu suchen, auf Bäume zu klettern, Steine zu bemalen oder Ähnliches zu tun.

Unter diesen Umständen sind die Versprechen an Mutter Natur sowie die Beziehungen der Freundschaft, die sich zwischen den Kindern und den Animateuren während der zwei Stunden gebildet haben, nichts wert, weil sie nicht in einem Kontext stehen, der sie Gutes lehrt.

Wenn man etwas verspricht, sollte man es halten. Das lernen die Kinder schon von klein auf. Wenn man ein zauberhaftes Erlebnis im Reich der Elfen und deren Königin verspricht, die gute Gestalten sind, dann sollte man wenigstens so aussehen wie Feen, keine technischen Geräte besitzen, die wenigen Holzbauten herrichten, bevor die Besucher kommen, sie nicht leer stehen lassen, weil das armselig aussieht und das Image der Fabelgestalten beschädigt. Und vor allem sollte man friedvolle, lehrreiche Aktivitäten verrichten. Wie sollen diese Kinder, mit solchen Erlebnissen, eine bessere Welt schaffen, wie auf der Internetseite des Elfenreichs steht?

Ich wage nicht einmal, daran zu denken, was tagtäglich dort vor sich geht, besonders in der Hochsaison. Und das auch noch für 30 Lei pro Person, ausgenommen Kinder unter drei Jahren.

Dieses vielversprechende Projekt, das im Vorjahr von einem professionellen internationalen Team entwickelt wurde und unter dessen Aufsicht einige Monate lang sehr gut angekommen ist, wurde, nach dem Rückzug der Experten, zu einem kommerziellen, teuren Spielplatz in der Natur, der auf jeden Fall jederzeit besser mit einem Spaziergang, Picknick, mit Lesen oder Ähnlichem zu ersetzen ist.

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