Vom „Neuen Weg“ zur freien Tageszeitung

Rückschau und Zukunftsgedanken zur 65. Jubiläumsfeier der ADZ

Dienstag, 18. März 2014

Die Chefredakteurin der ADZ, Rohtraut Wittstock, bot einen Überblick über die Entwickung der Zeitung.

Gruppenbild mit der Redaktion der ADZ, den Kollegen in Bukarest und den Kollegen aus Kronstadt, Hermannstadt und Temeswar, die zum Fest kamen.

Im Namen der Deutschen Botschaft in Bukarest sprach die Leiterin des Pressereferats, Andrea Nadina Stohr.

Dr.Paul Jürgen Porr, Vorsitzender des DFDR, betonte u. a., dass die ADZ als Tageszeitung erhalten bleiben muss.

Prof. Dr. Paul Philippi, der Ehrenvorsitzende des DFDR, ist dem „Neuen Weg“und der ADZ seit vielen Jahren verbunden.

Am Freitag, dem 14. März, beging die ADZ im Bukarester Kulturhaus „Friedrich Schiller“ feierlich ihren 65. Geburtstag. Keine Kleinigkeit für eine Tageszeitung in einer Minderheitensprache – und erst recht keine Selbstverständlichkeit, blickt man auf die bewegte Geschichte der Zeitung zurück, die ihre Karriere als Organ des Deutschen Antifaschistischen Komitees unter dem ehrgeizigen Namen „Neuer Weg“ antrat. Ironischerweise begann der eigentliche neue Weg der heutigen „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ erst 1993 mit der Abschaffung des alten Namens... Trotz schwieriger Klippen, die es damals und auch später noch zu umschiffen galt, ist die ADZ heute für einen treuen Leserkreis nicht mehr wegzudenken aus der rumänischen Medienlandschaft. Wie es dazu kam, und was die ADZ für die Leser immer noch – oder immer wieder von Neuem – wertvoll macht, verrieten der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, Dr. Paul Jürgen Porr, der Ehrenvorsitzende des Forums, Prof. Dr. Paul Philippi, und die Leiterin des Pressereferats der Deutschen Botschaft, Andrea Nadine Stohr. Chefredakteurin Rohtraut Wittstock lieferte einen Überblick über Entwicklung und Rolle der ADZ von ihrer Geburtsstunde bis zum heutigen Tag.

Sprachrohr der Deutschen

Am 13. März 1949 wurde der „Neue Weg“ als Organ des Deutschen Antifaschistischen Komitees ins Leben gerufen und ersetzte die vielseitige deutschsprachige Pressetradition in der Region, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Obwohl anfangs ein Blatt der kommunistischen Behörden und trotz pflichtgemäßem Abdruck von Ceauşescu-Reden und Zensur schaffte es der „Neue Weg“, das Gemeinschaftsgefühl der Deutschen in dieser schwierigen Zeit am Leben zu erhalten und zu stärken. Zum einen gelang dies durch Berichte aus den verschiedenen Siedlungsgebieten der Deutschen, die alle Leser erreichten. „So wusste man in Schäßburg, was in Mediasch geschah, und umgekehrt“, und dies in einer Zeit, in der rumänische Medien über die Deutschen nicht berichteten, erläutert Porr. „Die Zeitung transportierte neben der politischen Pflicht, was uns wichtig war“, präzisiert Philippi und ergänzt: „Es gab immer eine deutliche Botschaft zwischen den Zeilen. Überall, wo ich in den ersten 30 Jahren, zwischen 1949 und 1979, auftauchte, wurde der ‘Neue Weg’ als ´unser Blatt´ erwähnt.“

Für viele ist die Rolle, die der Tageszeitung damals zukam, kaum noch vorstellbar. In der Blütezeit 1964 erreichte der „Neue Weg“ eine stolze Auflage von 70.000 Exemplaren bei (laut Volkszählung von 1966) offiziell 382.595 Mitgliedern der deutschen Minderheit – etwa eine Zeitung kam auf fünf Personen. Das damalige Themenspektrum ersetzte den mangelnden Zugang zu anderer Lektüre. Nicht wenige der heutigen Leser, Forumsmitglieder oder ADZ-Mitarbeiter erinnern sich an den „Neuen Weg“ aus ihrer Kindheit. So auch Paul Jürgen Porr: „Ich habe die Zeitung seit meiner Schulzeit gelesen. Bis ’89 war der ´Neue Weg´die einzige lesenswerte Tageszeitung in Rumänen. Eine gelungene Ergänzung war das ´Komm mit´“, erinnert er sich an den zwischen 1970 und 1990 jährlich erschienenen Wander- und Reiseführer, der 2013 erstmals wieder veröffentlicht wurde. Rohtraut Wittstock resümiert: „Der ‘Neue Weg’ war die erste deutsche überregionale Zeitung in Rumänien überhaupt. Mit dem Einsatz für deutsche Schulen, für die Förderung der einheimischen deutschen Literatur, der deutschen Ensembles und Künstler hat  sich die Zeitung einen festen Platz im Leben der Deutschen in diesem Land und ihrer Identität erobert.“ Es gab eine Kinderbeilage, die ´Raketenpost´, einen Fortsetzungsroman, Sonderseiten für Wissenschaft und Technik, Sport, Heim und Familie, Jugend, Unterhaltung, Rubriken über Unterricht, Kleingärtner, Tierzüchter und vieles mehr. Der „Neue Weg“ ersetzte nicht nur notgedrungen die nach dem Zweiten Weltkrieg plötzlich wegfallende Vielfalt der Presse, sondern erfüllte auch die Bedürfnisse derjenigen Mitglieder der deutschen Minderheit, die vielleicht nicht in der Lage gewesen wären, eine anspruchsvolle Tageszeitung in rumänischer Sprache zu lesen.

Umbruch und Neuausrichtung

1989 setzte dann der Exodus der deutschen Minderheit nach Deutschland ein – für den „Neuen Weg“ eine Zeit des Umbruchs, aber auch der bangen Unsicherheit. Nicht nur Leser, auch Mitarbeiter brachen von heute auf morgen in Massen weg. Die einst so erfolgreiche Tageszeitung war mit einem Schlag gefährdet. Das Aus schien unausweichlich.
Rettung kam in Form des Deutschen Forums, das auch heute die Finanzierung der ADZ über das Departement für Interethnische Beziehungen der Regierung sicherstellt. Diese direkte Abhängigkeit vom Forum geschah „nicht unbedingt zur Freude des damaligen Chefredakteurs Emmerich Reichrath“, erinnert sich Philippi und erklärt, dieser hatte die Befürchtung gehegt, die Zeitung solle zum Vereinsblatt des Forums verkommen. Diese Angst stellte sich jedoch als unbegründet heraus. Forumsleiter Porr machte auch in seiner Rede anlässlich der Jubiläumsfeier erneut unmissverständlich klar: „Wir wollen, dass die ADZ eine qualitätsvolle Tageszeitung bleibt! Die ADZ ist trotz der Unterstützung des Forums eine freie Zeitung.“

Bindeglied deutsche Sprache

Wohin führt der neue Weg der ADZ in Zeiten, in denen nicht nur die deutsche Minderheit in Rumänien auf ein Minimum zusammengeschrumpft ist, sondern Printmedien im Vergleich zu Online-Plattformen allgemein immer mehr ins Hintertreffen geraten? Hinzu kommen Probleme im Vertrieb und der hinkende Freiverkauf, der hierzulande nahezu vollständig zusammengebrochen ist, sodass man auf Abo-Kunden angewiesen ist. Rohtraut Wittstock gibt sich dennoch zuversichtlich. Sie will neben der mittlerweile selbstverständlichen Online-Präsenz an der Papierversion festhalten, denn „wir haben auch ein Publikum, das sich auf die Papierausgabe verlässt“. Und ergänzt frohgemut: „Es gibt kaum einen Landkreis ohne ADZ-Abonnenten.“
Dass die einst so auflagenstarke Zeitung dennoch kein befristetes Auslaufmodell ist, davon überzeugt die Leiterin des Pressereferats der Deutschen Botschaft Bukarest, Andrea Nadine Stohr, stellvertretend für den verreisten Botschafter, S.E. Werner Hans Lauk, der seine Glückwünsche übermitteln ließ. Die ADZ sei ein Geschenk, nicht nur für die deutsche Minderheit, auch für die Mitglieder der Deutschen Botschaft, ließ sie die Jubiläumsteilnehmer wissen: „Wir alle lesen sie und profitieren von ihr als wichtiges deutsches Medium – deshalb gab der Deutsche Botschafter sein erstes Interview anlässlich seines Amtsantritts auch der ADZ.“ Auch für Kulturreferat und Minderheitenreferat sei sie eine wichtige Quelle, weil Zugang zur authentischen Stimme der hiesigen Deutschen. Perspektiven für neue Leserkreise böten die zunehmenden Wirtschaftsvertreter aus dem deutschsprachigen Raum sowie die Auslandsstudenten, die ein deutschsprachiges Studium in Rumänien absolvieren.
Das Themenspektrum aller Leser zu treffen, ist keine einfache Aufgabe. Doch ist gegenwärtig auch die Flaute im Mitarbeiterstab behoben, verrät Chefredakteurin Wittstock. So vielseitig wie der Leserkreis – von der deutschen Minderheit in den verschiedenen Regionen über deutschsprachige Ausländer in Rumänen bis hin zu Rumänen mit Interesse an der deutschen Sprache – sind auch die Redakteure.
Unser Zukunftsrezept? Kontinuität und Offenheit für Neues, regionaler Detailblick und eine Orientierung hin zum deutschsprachigen Raum und zu Europa – und eine ausgewogene Berichterstattung statt Jagd nach Sensationen. Die kleine, starke Zeitung hat vielleicht das Rentenalter erreicht… Ruhe geben aber wird sie noch lange nicht.

Kommentare zu diesem Artikel

Wolfgang, 18.03 2014, 11:34
"Hinzu kommen Probleme im Vertrieb und der hinkende Freiverkauf, der hierzulande nahezu vollständig zusammengebrochen ist, sodass man auf Abo-Kunden angewiesen ist."
Weshalb klappt das immer noch nicht?
Dennoch: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum und aqd multos annos!

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