Vom Schicksal und dem Schicksalsbrunnen

Joachim Wittstocks vielschichtiger Vortrag mit eingebauter Lesung im Deutschen Kulturzentrum Hermannstadt

Sonntag, 19. Februar 2017

Joachim Wittstock zeigt eine Bildaufnahme der Norne am Schicksalsbrunnen in Stuttgart.
Foto: Eveline Cioflec

Die Reise, auf die Joachim Wittstock seine Zuhörer am vergangenen Freitag einlud, führte durch philosophische Überlegungen und literarischen Reichtum an bezaubernde Orte der Besinnung. „Am Schicksalsbrunnen verweilen“ war der Titel des Vortrags mit eingebauter Lesung und einer begleitenden Bilderschau in der Bibliothek des Deutschen Kulturzentrums Hermannstadt. Eine denkerische Einleitung zum Schicksal führte an den dem Vortrag Anlass gebenden Ort, den von Karl August Donndorf erbauten Schicksalsbrunnen in Stuttgart, erzählend und in bildlicher Aufnahme dargestellt. „Schicksalsbrunnen“ ist auch der Titel einer kurzen Erzählung Joachim Wittstocks, letztes Jahr im Band „Weiße Lagune“ im hora-Verlag veröffentlicht, auf den der Vortrag zurückgriff.

In der Erzählung wird die Geschichte und Symbolik des Brunnens, den der Autor wiederholt besucht und mithilfe der in Stuttgart lebenden Hermannstädter Philologin Christa Thurmayer erkundet hat, dargestellt. Der Brunnen trägt in großen Lettern die mahnende Inschrift: „Aus des Schicksals dunkler Quelle rinnt das wechselvolle Los. Heute stehst du fest und groß, morgen wankst du auf der Welle“, die, so Wittstock, ebenfalls vom Erbauer stammt.

Die Konstruktion des Brunnens umfasst eine im Bogen aufgestellte Mauer, an der seitlich jeweils ein Pärchen steht und mittig eine Norne sitzt. Während die Paare mit sich selbst beschäftigt sind, nimmt die Norne eine aufrechte, wachsame Haltung ein. Nichts scheint ihr zu entgehen. Die Gestaltung des Brunnens führt Wittstock auf des Architekten August Donndorf gute Kenntnis der germanischen Mythologie zurück, zumal überhaupt die Norne an den Brunnen zu setzen der Überlieferung, dass ihresgleichen sich „gerne in der Nähe von Quellen und Brunnen aufhalten“, entspricht. Auch weitere Elemente zeugen von der getreuen Anlehnung an die Mythologie: „Dem Kanon weiterhin konform ist es, dass man sich Nornen in kerzengerader Haltung vorzustellen hat – ‚Tag und Nacht sitzen die hohen Nornen da wie Bildsäulen‘ (K. A. Krüger). Sie kennen keinen Schlaf, vielmehr blicken sie unentwegt wachsam vor sich hin. Just das ist auf dem Stuttgarter Bildwerk zu sehen.“

Die aussagekräftige Symbolik des Brunnens, die unbewegliche Norne, schien den zu Beginn des Vortrags angeführten Auslegungen zu widersprechen. Darin griff Wittstock Andrei Ple{us Ausführungen in mehreren aufeinanderfolgenden Beiträgen in der Wochenschrift „Dilema Veche“ auf, wo dieser das Schicksal vom Menschen als beeinflussbar aufzeigte. Wittstock griff insbesondere den Beitrag „Destinul ca necesitate narativ²“ (Das Schicksal als erzählte Notwendigkeit) auf: „In dem Aufsatz wird ein amerikanischer Professor, Robert Solomon, ausgiebig zitiert. Solomon zufolge ist das Schicksal, kurz gesagt, eine Geschichte, eine Erzählung, es ist gleichsam ein Stück Literatur. Erzählende und auch sonstige Literatur kennt Regeln, sie fordert Gesetzmäßigkeiten ein. Die Erzählung hat einen bestimmten Aufbau. Der Einzelmensch, dessen Story abläuft, kann den Fortgang seiner Lebensgeschichte in gewissem Maß beeinflussen. Indem er sich immer wieder fragt, ‘Was passt auf mich? Was entspricht meiner Kondition, meiner Bedingtheit?‘, und indem er dann angemessen handelt. Das Schicksal ist also nicht etwas Gegebenes, ein bereits vorliegender Plan, der mechanisch ausgeführt wird, sondern eher ein in der Gegenwart zurechtgeformter, auf die Zukunft ausgerichteter Vorgang.“

Der Anspruch des Vortrags war allerdings nicht zu verdeutlichen, was Schicksal ist, sondern vielmehr der, Aspekte der Interpretation des Schicksals zu vermitteln. Was den Nornen zusteht und was den Menschen, ist nicht ausgemacht. Die Befugnisse der Nornen, so Wittstock, reichen zwar so weit, dass selbst die Götter sich fügen müssen, aber dennoch haben sie keine Allmacht: Sie können „die einmal gewiesenen Schicksalsbahnen“ nicht abändern. Bestimmend für das Schicksal ist, mit Friedrich Hölderlin gesprochen, die Not. Dem Menschen ist es beschieden, wie das Wasser von Klippe zu Klippe geworfen zu werden und damit zugrundezugehen. Die Notwendigkeit „fordert den Menschen heraus, tätig zu sein und sich zu behaupten“. Schon längst herrschen nicht mehr paradiesische Zustände, wie etwa einst in der idealisierten griechischen Hirtenwelt Arkadiens, betonte Wittstock anhand Hölderlins Gedicht „Das Schicksal“.

Vertieft wurde das Zusammenspiel der äußeren Bestimmung mit der menschlichen Selbstbestimmung durch Ausführungen zur jüngeren Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Ob die Auswanderung der Siebenbürger Sachsen Schicksal oder Selbstbestimmung war und ist, wurde gefragt. Vorerst verharrte Wittstock, wie auch in der abgedruckten Erzählung, bei einem merkwürdigen Detail, das zunächst vom Faden der Erzählung abzulenken schien: „Wird der Name Donndorf genannt, merkt der Siebenbürger auf. Ihm schnackeln die Ohren“. In Siebenbürgen sei der Name Donndorf bekannt, insbesondere da die Teutsch-Statue auf dem Huetplatz vom Bildhauer Donndorf geschaffen wurde, auch wenn nicht von Karl August Donndorf, sondern dem Vater Adolf von Donndorf. Dieses Detail schlug zwar den Bogen nach Siebenbürgen zurück, wollte aber im Kontext der Ausführungen zum Schicksal zunächst nicht einleuchten, und noch weniger mit Bezug auf den besagten Brunnen.

Das Sinnbild der geschlagenen Brücke nach Siebenbürgen sollte sich aber bald als Frage ergeben. Den Blick auf das Abbild des Bischofs Georg Daniel Teutsch gewendet, kam man als Zuhörer aus dem doch ferneren Land zurück vor Ort, wo die jüngere Geschichte der Siebenbürger Sachsen auf Schicksalhaftigkeit befragt wurde. „Vielleicht ist es nicht ganz falsch, hier das Schicksal der Menschengruppe, des menschlichen Kollektivs ins Gespräch zu bringen, das Volksschicksal“, führte Wittstock an. Der Einsatz Georg Daniel Teutschs und seiner Nachfolger auf dem Bischofsstuhl griff über die geistlich-kirchlichen in die weltlichen Belange des „Kirchenvolks“, was manchen zu weit ging: „Ein in Hermannstadt geborener Schriftsteller, der in Bukarest und dann in Berlin gelebt hatte, Paul Schuster, führte anklägerische Reden unter dem Motto ‚Mit Bischof Teutsch fing alles an.‘ Mit der Ära Teutsch begann, laut Paul Schuster, eine betont nationale, betont deutsche Einstellung zu den Gegebenheiten in Gemeinde, Region und Staat.“ Wie Wittstock ferner anführte, verurteilt Paul Schuster in der maschinengeschriebenen Schrift „Die Rolle der Evangelischen Kirche A. B. der Siebenbürger Sachsen als Wegbereiterin des Nationalsozialismus“ des Weiteren „das gestörte Verhältnis der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung zu den andersnationalen Landesbewohnern und warf seinen Landsleuten insgesamt Mangel an Loyalität der staatlichen Obrigkeit gegenüber vor, sowie eine unkluge Bindung an Deutschland, deutsche Bestrebungen“. Dass in diesen Anklagen Schusters das Volksschicksal vorausgesetzt wird, hob Wittstock gar nicht mehr eigens hervor, da dieses wohl offensichtlich ist. Dass es ihm aber nicht um die Anklagen als solche ging, hob er hervor, indem er die Verbundenheit „der beiden Teutschs“ zu ihrem Volk dem Zweifel enthob.

Wittstock behielt kommentarlos den Gedanken des Volksschicksals und stellte nur fest, dass dieses sich auch schon seit 1987, als Schuster den Vortrag gehalten hatte, gewandelt hat. Wiederum ist es das Volksschicksal, auf das zurückgegriffen wird, wenn es um die Auswanderung der Siebenbürger Sachsen geht: „Obwohl wir in einem Zeitalter leben, in welchem der Einzelmensch unausgesetzt dazu aufgefordert wird, die für ihn richtigen Entscheidungen selbst zu treffen und nicht als unmündiger Bürger sich den Beschlüssen anderer einflussreicherer Personen zu fügen, wird mitunter das Schicksal bemüht, um die Ergebnisse gewisser Entschlüsse zu deuten oder zu verschleiern, beispielsweise um die Auswanderung zu rechtfertigen.“

Fest steht, wie Wittstock auch mit einer weiteren Passage aus der genannten Erzählung hervorhob, dass ehedem im siebenbürgischen Raum sprachlich keine ausgereifte Auffassung vom Schicksal oder der Fatalität zu finden war. „Vielleicht fehlte es zu sehr an einer für alle Landesbewohner gleichermaßen verbindlichen, regionalen Überlieferung über das Schicksal, die nach Ausdruck verlangt hätte. Es ermangelte letzten Endes eine kennzeichnende, tief verwurzelte, eben nicht rudimentäre Ausprägung mythischer Vorstellun-gen…Eine solche Synthese all dessen, was in gehobener Ausdrucksweise als Geschick bezeichnet wurde, siebenbürgisch-sächsisch „Geschäk“, gab es nicht.“ Zwar gibt es viele Redensarten und geflügelte Worte, die an das Besagte denken lassen, so Wittstock, aber diese bleiben „ohne Einbettung in philosophische Deutungen.“ Als Ausnahme führte Wittstock dann aber doch den für seinen Pessimismus, aber eben auch für die Fatalität bekannten Emil Cioran und seine Weltanschauung an. In dessen Auffassung heiße es, das rumänische Volk sei das fatalistischste der Welt.

Abgerundet wurde der Vortrag mit Hinweisen auf altheidnische Versuche, das Schicksal mit der Kraft der Magie abzuwenden. Auch die christlichen Deutungen, die dem Glauben Platz einräumen, wurden, wie in der veröffentlichten Erzählung, noch angeführt, im Vortrag aller-dings mit mehreren Hinweisen, so etwa auf Christoph Kleins begriffliche Erörterungen zu „Fatum“ als Geschick und „Datum“ als Gegebenem.

Prägend im Vortrag bleiben allerdings die nachsinnenden Fragen zum Wesen des Schicksals: „Was ist es denn, lediglich ein Wort und gar ein leeres Wort? Eine poetische Botschaft? Die Bezeichnung für die erzählte Notwendigkeit Solomons oder doch eher für die eherne Notwendigkeit Hölderlins? Der Ausdruck für Bedrohung, für plötzlich eingebrochenes Unheil? (…) Ist das Schicksal eine Sinnestäuschung? Die Projektion menschlicher Gesinnung in den umfassenderen, den übermenschlichen Zusammenhang? Deutet es eine tiefere Bestimmung des Seins an oder vielmehr die Freiheit von aller Aufsicht und Lenkung im Sinne Hölderlins (…)? Ist damit ein gigantisches Laboratorium gemeint, das über eine unsäglich verzweigte, eine überaus fein gestäubte, eine atomar zergliederte Elektronik verfügt?“

Wie eingangs hervorgehoben, ging es im Vortrag gar nicht um die Beantwortung all dieser Fragen, sondern eher um die Eröffnung eines rätselhaften Fragebereichs, der in Wittstocks Auffassung nie erschlossen werden kann: „Selbst wenn wir eines Tages aus dem Plätschern einer Quelle, aus dem Rauschen eines Brunnens erfahren sollten, was das Schicksal nun wirklich zu bedeuten habe, wird solche Erkenntnis in manchem, in vielem rätselhaft bleiben, und das wohl auf Dauer.“

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