Vom Schwund der Hausärzte

Primärer medizinischen Versorgung droht weitere Verschlechterung

Freitag, 05. Januar 2018

„Durch absurde bürokratische Regeln, zu denen sich die Hausärzte per Vertrag mit der Krankenversicherungskasse verpflichten müssen, wird der Hausarzt vom Arzt zu einem Systemverwalter zugunsten der Nationalen Versicherungskasse CNAS umgewandelt“, schreibt die Koalition „Solidarisch für die Gesundheit“/coaliţia „Solidari pentru Sănătate“, die aus neun NGOs besteht, die sich dem Patientenschutz widmen, sowie aus den repräsentativen Nationalverbänden der Hausärzte. „Auf diese Weise wird der Patient zum `Spielball`, dessen Rolle es ist, Papiere hin- und herzubefördern, von einem Arzt zum anderen. Das ist eine schwere Belastung für die Beziehung Arzt - Patient. Ärztliche Protokolle sind eigentlich Verwaltungsprotokolle geworden. Die Medikamentenlisten beschränken den Zugang der Bevölkerung zu den Heilmitteln. Das von der Zentralen Krankenversicherungskasse benutzte Informatiksystem („SIUI“) ist eines, das ohne eine Reihe zusätzlicher Zeugnisse, Bestätigungen und sonstiger Papiere wertlos ist.“ Letzteres vervollständigt die Nationale Gesellschaft der Hausärzte SNMF.

Dr. Daniel Popovici, der sich seit vielen Jahren im Kreisverband Karasch-Severin der Hausärzte engagiert und gegenwärtig dessen Vizepräsident ist, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Überbürokratisierung des primären medizinischen Bereichs dazu führt, dass die Absolventen der medizinischen Hochschulen daran überhaupt nicht interessiert sind und der Bereich ungenügend abgedeckt ist. Dazu führt Dr. Popovici Daten an: „Gegenwärtig (also 2017) arbeiten im Banater Bergland 160 Ärzte als Hausärzte. Spätestens 2020, also in höchstens drei Jahren, werden noch schätzungsweise 80, also die Hälfte, tätig sein. Das Durchschnittsalter der Hausärzte des Banater Berglands ist sehr hoch und entweder durch Rente oder durch den Tod wird ihre Zahl rapide abnehmen. Das Schlimme daran ist: In den vergangenen fünf Jahren haben im Banater Bergland bloß drei junge Absolventen als Hausärzte begonnen. Setzt sich dieser Rhythmus fort, ist abzusehen, wann der Beruf des Hausarztes im Banater Bergland aussterben wird. Die Lage ist extrem ernst.“

Wegen der überbordenden Bürokratie und dem geringen Lohn „per capita“ der Patienten, was beides im Rahmenvertrag der Krankenversicherungskasse vorgesehen ist, aber auch wegen der extremen Störanfälligkeit des Informatiksystems der Nationalen Krankenversicherung (weshalb die Ärzte sehr oft gezwungen sind, die Patienten nach Hause zu schicken, wenn wieder mal das System SIUI zusammengebrochen ist oder einfach nicht funktioniert) will kaum ein junger Medizinabsolvent Hausarzt werden. Eine weitere Hürde ist systembedingt: Das Wettbewerbssystem für den Zugang zur medizinischen Fachausbildung ist sehr restriktiv, wobei, gelinde gesagt, auch nur „sparsam“ Stellen ausgeschrieben werden, für welche sich Allgemeinmediziner zur Qualifizierung bewerben können, wodurch es weiterhin Mangelberufe in medizinischen Bereichen gibt.

Gesundheitsminister Florian Bodog, der diese Realität nicht leugnen kann, will nun im Bereich Hausärzte so etwas wie „Abhilfe“ schaffen: Allgemeinmedizinern, die bei der Bewerbung keine ausreichend hohen Noten bekamen, um ihre Qualifizierung zu erreichen, soll die Möglichkeit geboten werden, neben den gestandenen Hausärzten als eine Art „Aushilfs-Hausärzte“ und unter deren Aufsicht und Verantwortung – vor allem in benachteiligten Gegenden – aktiv zu werden. Ob damit das Problem der Hausärzte gelöst wird (die Prognosen besagen, dass in den kommenden fünf Jahren jeder vierte Bürger dieses Landes seinen Hausarzt verlieren könnte), darf in Zweifel gezogen werden, zumal bei der Lohnerhöhung der Ärzteschaft in den Krankenhäusern auf die Hausärzte „vergessen“ wurde. Vorläufig steht fest: Geht die bisherige Entwicklung im gleichen Trott weiter, werden um 2022 rund fünf Millionen Bürger Rumäniens ohne die primäre medizinische Betreuung durch Hausärzte dastehen.

Vielleicht scheint auch deshalb aus der Antwort einer so gewieften regionalen Gesundheitspolitikerin wie Mirela Zeman, der Generaldirektorin der Gesundheitsversicherungskasse CAS Karasch-Severin Sympathie für die Koalition „Solidari pentru Sănătate“ durch, wenn diese eine Erhöhung der Zulagen für die Hausärzte fordert: „Die Gesundheitsversicherungskasse Karasch-Severin schätzt die Gründung der Koalition ´Solidari pentru Sănătate` hoch ein“, schreibt CAS mit Unterschrift von Mirela Zeman. „Da diese sowohl aus Vertretern der Hausärzte, als auch aus diversen Kategorien der Nutznießer des sozialen Gesundheitsversicherungssystems besteht, hat sie die Struktur eines ausgeglichenen Dialogpartners, wenn sie ihre Standpunkte und die Interessen der Zulieferer und Nutznießer der Gesundheitsdienstleistungen bekanntmacht. Deshalb sind alle Seiten gut beraten, wenn sie ernsthaft nach Lösungen suchen für alles, was auf lokaler Ebene lösbar scheint. Auch die Nationale Gesundheitsversicherungskasse und die zentralen Institutionen, die Kompetenzen in diesem Bereich wahrnehmen müssen, sollten voller Ernsthaftigkeit das Problem angehen, das ihnen die Koalition vorlegt.“

Immerhin hat Gesundheitsminister Florian Bodog einstweilen eine Lösung auf dem Papier gefunden: Er schlug eine Aufstockung des Fonds für die Hausärzte um 278 Millionen Lei gegenüber 2017 vor. Wohl wissend, wie „bindend“ solcherlei Haushaltsvorlagen für die rumänischen Regierungen sind, bleiben die Hausärzte misstrauisch. Ein Teil unter ihnen arbeitet seit Mittwoch nicht mehr mit der Krankenkasse zusammen.

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