Von Adoption und ungewöhnlichen Familienstrukturen

Warum Familie längst nicht mehr „traditionell“ ist und es auch gut so ist

Mittwoch, 21. August 2013

Viele Kinder landen in Tageszentren, weil ihre Eltern sie ausbeuten. Die Behörden wollen meist, die Familien wieder zusammenführen. Dagegen ist das Adoptionsverfahren streng für Paare, die unbedingt ein Kind großziehen wollen. Foto: Zoltán Pázmány

In Deutschland stirbt die traditionelle Familie aus. Rumänien ist noch weit davon entfernt, obwohl sich das Land durch die zunehmende Verwestlichung, dem steigenden Wohlstand und dem schwindenden Einfluss der Kirchen auf die gleiche Entwicklung zusteuert. Es ist längst kein westliches Phänomen mehr, sondern vielmehr ein europäisches. Unter Familie versteht man heute nicht mehr ausschließlich ein heterosexuelles Ehepaar mit Kindern. Auch homosexuelle Ehen sind in manchen europäischen Ländern längst kein Thema mehr, das man an die große Glocke hängen möchte. Eher ungewöhnlich sind andere Familienstrukturen, wie etwa Singles, die ein Kind alleine großziehen müssen oder wollen. Ungewöhnlich sind familiäre Bindungen zwischen Fremden, die durch das gemeinsame wohnen, entstehen. Sogenannte Mehrgenerationen-WGs sollen in Deutschland Alternativen für Altenheime schaffen: Statt alleine zu wohnen oder in ein Seniorenzentrum zu ziehen, teilen ältere Bürger ein Haus mit jüngeren Paaren. Im Idealfall sollen die Älteren auf die Kinder der berufstätigen, jüngeren Generation aufpassen und dadurch eine Familienstruktur entstehen, so wie man sie von früher kannte.

Auch die Zahl der sogenannten „Absoluten Beginners“ bzw. der Singles wächst. Erstere sind Menschen, die keine Beziehungserfahrung haben und denen es auch schwer ist, jemanden zu finden. Besonders ab einem bestimmten Alter wird es für viele Menschen immer schwieriger jemanden zu finden mit dem man womöglich eine Familie gründen kann. Solche Personen fürchten sich dann davor im Alter allein zu sein. Viele suchen dann einen Schritt zu überspringen und trotzdem eine Familie zu gründen auch wenn sie den Lebenspartner oder die Lebenspartnerin nicht haben. Sie wollen adoptieren.

In Deutschland stehen die Chancen für Alleinstehende schlecht. Sie dürfen zwar einen Antrag stellen, doch bei der geringen Anzahl an Kindern, die zur Adoption freigegeben werden (auf 24.000 Paare nur 3.000 Kinder), passiert es sehr selten, dass man ihnen ein Kind zuspricht. Die größten Chancen haben immer noch Ehepaare, aber selbst diese müssen bis zu sechs Jahre auf ein Kind warten müssen. In Temeswar/Timişoara bzw. im Kreis Temesch/Timiş sieht es nicht anders aus. Derzeit stehen 81 Kinder zur Adoption frei. Weitere 80 stehen unter Aufsicht des Jugendamtes, diese wurden Adoptiveltern zugewiesen, die Eltern müssen zwei Jahre lang beweisen, dass sie zum Wohle des Kindes handeln.

Auch Temeswarer Singles dürfen ein Kind adoptieren. Doch genau wie in Deutschland werden Ehepaare bevorzugt. In Rumänien dürfen nicht verheiratete Paare kein Kind adoptieren. In Deutschland darf man einen Antrag stellen, jedoch stehen die Chancen fast genauso schlecht, wie bei Alleinstehenden.

Laut rumänischem Gesetz dürfen Personen mit einer Strafakte, Personen, deren Ehepartner psychisch krank ist sowie keinen Wohnsitz im Land hat oder sich nicht mindestens zwölf Monate im Land aufgehalten hat, keinen Antrag stellen. Auch eine Adoption unter Geschwistern ist nicht möglich. Überhaupt werden Kinder erst zur Adoption frei gegeben, wenn das Jugendamt keine lebenden Angehörigen bis zum vierten Verwandtschaftsgrad findet. Auch muss zwischen dem adoptierten Kind und den Adoptiveltern mindestens ein Altersunterschied von 15 Jahren bestehen. In Deutschland spielt das Alter ebenfalls eine wichtige Rolle. Personen ab 40 Jahren haben es in der Regel sehr schwer noch ein Kind aufzunehmen.

Was oft ungerecht ist, sind die strengen Kriterien, die Eltern oder Alleinstehende erfüllen müssen, um ein Kind zu adoptieren, während es oft zahlreiche Fälle von verantwortungslosen Eltern gibt, die ihre Kinder schlecht behandeln, sie sogar ausbeuten, die Behörden aber in den meisten Fällen, alles daran setzt, diese Familien zusammenzuhalten, auch wenn die Kinder darunter leiden.

Täglich nehmen Hilfszentren aus Temeswar Straßenkinder auf, die von Zuhause weggelaufen sind, weil die Eltern sie zum Betteln auf die Straße schicken. Gleichzeitig gibt es Paare, die aus gesundheitlichen Gründen keine eigenen Kinder zeugen können, aber unbedingt ein Kind großziehen möchten. Viele erfüllen meist die notwendigen materiellen Bedingungen: eigener Wohnsitz, angemessenes Einkommen, ein fester Beruf.

Die Bedingungen, die diese Familien den Kindern bieten können, sind meistens besser, als die Bedingungen in den städtischen Kinderheimen und Tageszentren. Über sieben Zentren verfügt das Jugendamt im Kreis Temesch.

Währenddessen wird in westlichen Staaten wie den USA auch über eine weitere Form von Familie gesprochen. Besonders die Times hatte in den letzten Wochen über Paare geschrieben, die es bevorzugen kinderlos zu bleiben. Die Entscheidung keine Kinder zu haben, wird inzwischen genauso von vielen getroffen, wie die Entscheidung zu adoptieren. Ein Kind bedeutet eine immense Verantwortung. Es bedeutet zusätzlicher finanzieller Druck und die Aufopferung der eigenen freien Zeit. Doch in einer Welt, in der man ohnehin von Überbevölkerung  spricht, kann auch die Entscheidung keine Kinder zu haben, willkommen sein. Leben und leben lassen, egal ob in Rumänien, Deutschland oder den USA. Nur ist es gegenwärtig Schade, dass es für manche einfacher ist, ohne Kinder durchs Leben zu kommen, als für diejenigen, die sich der Verantwortung stellen wollen und durch Adoption einem anderen Menschen ein besseres Leben gestalten möchte. 

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*