Von Brenndorf nach Slava Cercheza

„Porträts der Verschiedenheit“: fünf Künstler zu Gast bei fünf Minderheiten

Freitag, 16. November 2018

Manfred Copony mit Künstlerin Otilia Cadar (l.) und Projektmanagerin Carla Schoppel

Die porträtierte Roma-Familie wirkt in der Realität eher brav als exotisch.
Fotos: George Dumitriu

„Was ist besser geeignet, Aufmerksamkeit auf das Thema ethnische Minderheiten zu lenken, als visuelle Kunst?“ provoziert Carla Schoppel. Langsam trudeln die ersten Besucher in der Bukarester Elite Art Gallery ein, dem Ausstellungsraum des Elite Art Clubs UNESCO. Studieren die Bilder an den Wänden: den schlohweißen, vollbärtigen Greis mit den wasserblauen Augen, die entrückt gen Himmel blicken, ein frommer Lipowaner; das adrette ungarische Mädchen vor einer naiven Häuschen-Kirchen-Dorflandschaft; die exotische Roma-Familie, ein Eindruck, der durch Palmen im Hintergrund verstärkt wird; dann die ganz normale Nachbarin in der Kittelschürze, eine Aromunin aus Pipera; schließlich den Siebenbürger Sachsen in würdevoller Tracht, langer Mantel, besticktes Hemd, Hut mit Krempe, schwarze Blumenkrawatte. Halt, den kennen wir doch! Es ist Manfred Copony aus Brenndorf/Bod.

Die 15 Bilder, von zeitgenössischen Künstlern geschaffen, sind die „Schlusssteine“ des Projekts „Mosaik: Porträts der Verschiedenheit“, das auf der Idee basiert, die Mehrheitsbevölkerung durch Kunst und Forschung neugierig zu machen auf Werte, Traditionen, Kultur und Handwerk der ethnischen Minderheiten an ihrer Seite, um Vorurteile abzubauen und Diskriminierung vorzubeugen.

Fünf Tage lang hielten sich die Künstler Otilia Cadar, Theodor Grigoraș, Eduard Andrei Simion, Nadejda Lungu und Daniela Donțu-Hașcevoi zusammen mit Forscherin Carla Schoppel im Umfeld ihrer Gastgeber und Studienobjekte in Slava Cercheza (Tulcea), Pipera (Ilfov), Sintești (Ilfov), Ernei (Mureș) und Brenndorf/Bod (Kronstadt/Brașov) auf. „Otilia ist mit Wohnwagen und Familie angereist und hat auf meinem Hof gecampt“, erzählt Manfred Copony über die Malerin, die ihn porträtierte. „Die Künstler sind viel im Ort herumgelaufen, haben einen halben Tag lang gefilmt und mit verschiedenen Leuten gesprochen.“ Das Pfarrhaus, das er dort als sächsisches Gästehaus betreibt, und der Hof von über 1600 Quadratmetern boten den Projektteilnehmern ausreichend Platz, ihre Aktivitäten zu entfalten.

Blick auf Brenndorf

Warum ausgerechnet Brenndorf? Projektmanagerin Carla Schoppel gesteht, schon wegen der eigenen sächsischen Wurzeln, von denen sie wenig mitbekommen hat, ein sächsisches Dorf ausgewählt zu haben. Brenndorf hatte zudem im August 650. Jubiläum seit der ersten urkundlichen Erwähnung gefeiert. Die Filmarbeiten fanden während der Zeremonie in der Kirche, aber auch separat mit Manfred Copony statt, der seine Geschichte als ausgewanderter und zurückgekehrter Brenndörfer bereitwillig erzählt. Der Mensch als Brücke zu dem eher abstrakten Thema Minderheiten, der Neugierigmacher auf mehr. „Es war eine schöne Erfahrung“, fasst dieser zusammen. „Ich bin Sozialpädagoge und freue mich immer, wenn Leute etwas von diesen Sachen sehen – und auch mitmachen.“

Die Begleitbroschüre des Projekts versucht, die geweckte Neugier zu stillen: Ausführlich wird vom „Land der sieben Burgen“, von der Rolle der Kirche als Zentrum der sächsischen Gemeinschaft, von Richttag, Nachbarschaften und Bruderschaften berichtet. Aber auch von Brenndorf selbst, besiedelt 1211, kurz darauf 1241 von den Tataren abgebrannt, daher der seltsame Name. Heute leben dort noch an die 60 Siebenbürger Sachsen. Nachdem der Pfarrer 1992 ausgewandert war, blieb auch das Pfarrhaus lange verwaist und drohte zu verfallen, erzählt Copony, der vor 16 Jahren aus Deutschland in sein Heimatdorf zurückkehrte. Man fragte ihn, ob er es nicht pachten wolle. So entstand die Idee, dort ein sächsisches Gästehaus als „lebendes Museum“ einzurichten, wobei ihm nicht nur seine Sammelleidenschaft für sächsische Trachten, Möbel und Gebrauchsgegenstände, sondern auch die langjährige Erfahrung im Gastgewerbe zugute kam. Im Hof hoppeln als Attraktion für Kinder Häschen herum, watscheln Gänse zwischen einer trägen Katze und pittoresk ausgelegten Kürbissen. Letztere verweisen auf eine neue „Tradition“, die Copony in seinem Heimatdorf eingeführt hat: Seit gut zehn Jahren veranstaltet er dort jeden Herbst das Martinsfest für Kinder, mit Spielen, Wettbewerben, Lagerfeuer und Laternenumzug. Über 100 Knirpse nehmen daran teil, für heuer haben sich auch zwei Klassen eines deutschsprachigen Kindergartens aus Kronstadt angekündigt. „Wir machen das dann zweisprachig“, erklärt er augenzwinkernd.

Roma: Magisches Denken im Alltag

„Die Roma wurden ausgewählt, weil sie ansonsten meist wenig Gelegenheit haben, sich vor positivem Hintergrund darzustellen“, motiviert Schoppel weiter. „Die Lipowaner hingegen schienen mir sehr in sich geschlossen und geheimnisvoll zu sein.“ Die Aromunen wählte sie, weil sie „eigentlich gar keine anerkannte Minderheit sind“, und die Ungarn von Ernei „als größtes Dorf mit ungarischer Minderheit, die dort die Mehrheit stellt”.

Die Bilder über die Roma deuten mit kontrastreichen Farben, Schleier, Palmen und einer stilisierten Schlange um Hals und Kopf einer Frau exotische Fremdheit an, die in seltsamem Gegensatz zu den Fotografien mit den offenen Gesichtern der Porträtierten steht. Die Broschüre erzählt von der Auswanderung aus Indien vor ca. 1000 Jahren, von aufgegriffenen Einflüssen auf der Wanderschaft, vor allem von den Persern und Armeniern, von den über 40 Stämmen, die sich hauptsächlich durch ihr Handwerk unterscheiden und ähnlich wie die Kasten der Hindus hierarchisch stark getrennt sind. Überraschend, dass die „Lăutari” (Volksmusiker) eher ausgegrenzt werden, ihnen wirft man vor, sich zu sehr an die rumänische Gesellschaft angepasst zu haben. Erklärt wird die Bedeutung der Türmchen, die nicht nur reiche Roma-Villen zieren: Sie sollen an Kirchtürme erinnern und vergegenwärtigen, dass Glück und Pech in Gottes Hand liegen. Magisches Denken durchdringt den Alltag der Roma, die Macht des Schicksals steht weit über dem eigenen Vermögen. Glauben und Aberglauben, seit jeher präsent, werden an notfalls „moderne Anforderungen“ angepasst: Eine alte Regel etwa besagt, dass Frauen nicht über Wasserschläuche steigen dürfen, um nicht mit ihrer Unreinheit die Qualität des Wassers zu beeinflussen oder das Pech herauszufordern. Heutzutage gilt dies nicht nur für Schläuche, sondern auch für Stromkabel, weswegen eine Roma-Frau stets das Kabel anhebt, um unten durchzugehen. Der Herd des Hauses gilt im magischen Sinne als Mittelpunkt der Welt, Konzepte wie Weltenachse, spiritueller Raum oder spirituelle Zeit sind im Alltag spürbar, bemerken die Teilnehmer des Projekts.

Lipowaner: Liebe für Wasser und Wälder

Die Lipowaner, nach dem Kirchenschisma aus Russland ausgewandert und seit 1762 in Slava Cercheza attestiert, halten „mit einem angeborenen Fanatismus“ an ihren ursprünglichen religiösen Riten fest, wie sie selbst scherzen. Ihre Gottesdienste werden auf Slawonisch abgehalten, gesprochene Sprache ist Russisch – ein altes Russisch mit rumänischen und ukrainischen Einflüssen. Ihre Kirchenmusik trägt byzantinischen Charakter. Die Werte, die das Leben eines gläubigen Lipowaners bestimmen, sind Respekt, Korrektheit, Verzeihen und Liebe. Ihre Liedersammlung ist extrem reichhaltig, viele handeln von der Kraft der Wälder. So pflegt der Lipowaner eine spezielle Beziehung zur Linde – auch ihr Name rührt daher, „lipo“ heißt Linde auf Russisch – und zum Wasser, was sich nicht zuletzt in den Berufen niederschlägt: Viele sind Fischer oder bearbeiten Holz. Hingegen gibt es erstaunlich wenig Märchen und Geschichten, wundern sich die Forscher.

Eine Besonderheit ist das Bad der Lipowaner, eine Art Dampfsauna und stets im Freien wegen der Brandgefahr für das Haus. Der Dampf wird erzeugt, indem Wasser über im Feuer erhitzte Steine gegossen wird. Dabei schlägt man sich gegenseitig leicht mit einem zuvor in heißes Wasser getauchten Eichenzweig auf die Haut, um die Durchblutung anzuregen.

Glaube in verschiedenen Manifestationen

Die Aromunen betrachten sich als romanisierte Ureinwohner Südosteuropas, ähnlich wie die Griechen, Thraker und Mazedonier. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts betrieben sie Transhumanz, der häufigste Beruf war Schafhirte. Heute soll es im ganzen Land noch zwischen 50.000 und 100.000 Aromunen geben, die meisten leben in der Dobrudscha. Eine kleine Kolonie hat sich in Pipera (Ilfov) angesiedelt.

Auch bei den Aromunen spielen Glaube und Aberglaube eine große Rolle: Vor der österlichen Fastenzeit gibt es einen rituellen Tag des Vergebens, an dem jeder jedem beliebige Taten verzeiht, damit niemand verärgert zu fasten beginnt. Um die Geburt eines Kindes ranken sich althergebrachte Rituale, die dem Neugeborenen Lebenskraft und Schutz sichern sollen.

Die Ungarn in Ernei, dem Dorf mit der größten kompakten Gruppe dieser Minderheit, dort also die Mehrheit, muten vergleichsweise wenig exotisch an. Charakteristisch für sie ist, dass die Eltern den Weihnachtsbaum heimlich schmücken und die Kinder möglichst lange in dem Glauben gelassen werden, die Engel seien hierfür aus dem Himmel herabgestiegen. Interessant auch, dass es ein Fest gibt, an dem die Lust am Arbeiten gefeiert und kultiviert wird. In Ernei spielen blumengeschmückte Gartenpavillons eine große Rolle, wo Gäste empfangen werden.

Die Ausstellung, vom 30.Oktober bis zum 4. November in der Elite Art Gallery gezeigt, kann noch online auf www.eliteart-gallery.com/mosaic-portrayal-of-diversity eingesehen werden. „Bei allen präsentierten Minderheiten spielen Glaube und die Nähe zu Gott eine besondere Rolle, wenn auch in verschiedenen Manifestationen“, beobachtet Daniela Popescu, Präsidentin der Föderation der Clubs von UNESCO und des Alumnus Clubs für UNESCO als Partner des vorliegenden Projekts, an Gemeinsamkeiten. Mit Blick auf das Porträt einer Brenndörfer Sächsin, deren Brust ein blaues Fenster ziert, plädiert sie schlicht: „Lasst uns die Fenster unserer Herzen für unsere Minderheiten öffnen.“

 

 

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