Von den Senioren der Stadt lernen

Rezepte für ein langes Leben und eine lange Ehe

Mittwoch, 25. November 2015

Octavian Bocşa (links) erhielt eine Urkunde von Bürgermeister Nicolae Robu.

Richard Claydermans „Ballade pour Adeline“ ertönt, im Aurora-Festsaal sind Dutzende Tische gedeckt, die Menschen, die daran sitzen, sind die Senioren der Stadt.

Zum zehnten Mal hat die Stadt Temeswar die 90-jährigen und älteren Senioren sowie die Paare, die 50 oder mehr Ehejahre hinter sich haben, im festlichen Rahmen für das Modell, das sie der Gesellschaft liefern, beehrt.

Der Sozialfürsorgedienst für Senioren im Rahmen der Stadtverwaltung Temeswar hat die Feier seit einigen Monaten vorbereitet. Mit dem Folklore-Ensemble „Timişul“, dem Kinderchor „Flores“ und der Seniorinnentanzgruppe haben die Organisatoren den Teilnehmern ein buntes Programm vorbereitet.

Wie alt er sei, frage ich meinen Interviewpartner. „101“, antwortet er ganz natürlich und schmunzelt. Octavian Bocşa ist der Älteste unter den Senioren: „Ein Mensch muss in der Familie und im Beruf zufrieden sein und muss sich auch unterhalten, denn das gehört dazu. Ich bin ein großer Liebhaber von Theater, Oper, Philharmonie. Das letzte Mal aber war ich dort vor einem Jahr, denn meine Frau kränkelt und ich bewege mich auch schwerer. Aber ein Leben lang habe ich die Vorstellungen und Konzerte gern besucht. Die schönste Erinnerung aus meinem Leben ist die Hochzeit. Die Ehe ist das Schönste in meinem Leben, wir lieben uns heute noch. Das Geheimnis ist, nicht dickköpfig zu sein, nicht den anderen dominieren wollen, nicht rechthaberisch sein. Meine Frau war Universitätsprofessorin an der Mathematik-Fakultät, ich war Rechtsanwalt. Wir haben eine Tochter und einen Sohn, mehrere Enkelkinder“. Ob es Bedauern gibt? „Ich habe keine Bedauern. Vielleicht doch eines, dass die Stadtverwaltung mir eine Immobilie nicht rückerstattet, die mir weggenommen wurde“.

 

„Eine kalkulierte Harmonie“

Iulia Feher Lugojan ist 90 Jahre alt, war Ärztin und entstammt einer deutschen Familie: „Mein Stammbaum kann bis ins 18. Jahrhundert in Bayern rückverfolgt werden. Mein Vater aber war Ungar“. Und wie sieht die Lebensbilanz aus? „Ich habe kaum schöne Erinnerungen, es war schwierig in meiner Jugend und auch später, mein Mann ist frühzeitig verstorben, mein Sohn lebt in Deutschland, auch mein Enkel. Ich habe viel gearbeitet. Ich war nicht reich und hatte auch keine Beziehungen, um zu reisen“.

Eingeladen waren auch die Ehepaare, die die längsten Ehen haben: Auf 66 Ehejahre schauen Livia und Cornel Hamat (90, beziehungsweise 89 Jahre alt). Worauf es ankommt, um zusammen glücklich zu altern, hat uns Cornel Hamat erklärt: „Wir besprechen dies auch in der Familie oder mit Freunden. Meine Meinung ist, dass Harmonie in der Ehe, Kindersegen – wir habe zwei Kinder, fünf Enkel und zwei Urenkel – sehr gute Beziehungen unter den Familienmitgliedern und der gegenseitige Respekt der Schlüssel zu diesem Glücksrezept sind. Wir haben eine offene Tür für Freunde und Familienmitglieder. Bei uns ist es am Wochenende immer voll“. Eine einzige schöne Erinnerung herauszugreifen, findet Cornel Hamat schwer: „Die Ehe als Ganzes war schön. Es waren sehr viele Freuden, auch viele Schwierigkeiten, aber das kann man überbrücken. Irgendwann kommt man darauf, dass es in der Familie so etwas wie eine kalkulierte Harmonie geben muss“.

 

Gegenseitige Toleranz

Paraschiva und Dumitru Pahon sind seit 55 Jahren verheiratet. Für Dumitru, den die Freunde Mitică rufen, ist die schönste Erinnerung die Hochzeit: „Ich bedaure nur, dass wir nicht mehr Kinder hatten. Wir haben nur einen Sohn“. Dem pflichtet auch seine Frau bei: „Der schönste Augenblick war die Geburt unseres Sohnes“. Mitică Pahon lebt seit 1970 in Temeswar: „Ich stamme aus Botoşani, aber hier ist das Leben anders, dort gab es nur Landwirtschaft und Viehzucht, keine Industrie. Hier habe ich in einer Fabrik gearbeitet. Man sagt, man brauche 30 Jahre, um Banater zu werden, ich lebe hier schon seit 45 Jahren. Jetzt bin ich ein waschechter Banater“. Und das Erfolgsrezept der langen Ehe? „Man muss ausharren. Wenn der Mann nervös ist, muss die Frau ausharren. Wenn sie nervös ist, dann muss er Geduld haben. Auch bei uns war nicht alles rosafaben, es gab auch schwierige Tage“, meint Paraschiva Pahon.

Einige Tische waren für die Paare reserviert, die in diesem Jahr die goldene Hochzeit gefeiert haben, darunter Elena und Gheorghe Roman. Auch sie haben fast dieselben Antworten parat, wenn ich sie nach ihrem Glücksrezept frage: „Eine lange Ehe ist auf Toleranz gebaut. Wir haben eine Tochter, die uns viel Freude gebracht hat. Die Geburt unserer Tochter war übrigens der schönste Augenblick, 16 Jahre nach unserer Hochzeit. Und jetzt müssen wir, da wir altern, gegenseitig besser auf uns aufpassen. Bedauern habe ich keine“. Man spürt die Erfüllung, wenn man die ehemalige Beamtin so sprechen hört.

Für die jüngeren Generationen sind die Glücksrezepte der Senioren ein Modell, wie das auch Bürgermeister Nicolae Robu unterstrichen hat, der den Teilnehmern Urkunden als Zeichen der Anerkennung überreicht hat: „Durch diese Feier wollten wir unseren Respekt gegenüber den Senioren aus unserer Stadt ausdrücken. Und das aus mehreren Gründen: Es geht um das schöne Alter, das sie haben, aber vor allem um die Idee der Familie, weil manche Leute heute versuchen, diese Idee zu entwerten“.

 

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