Von der Gesellschaft abgekapselt

„Hikikomori“– eine Installation über die Flucht aus der realen Welt

Freitag, 20. Oktober 2017

Die Schauspielerin Nicoleta Lefter als „H.“
Foto: Emil Măndănac

Plastikflaschen, schwarze Müllbeutel, Teile von elektronischen Geräten, Essensreste, leere Verpackungen- alles aneinandergeklebt und von Lichterketten durchzogen. ‘Ein Ventilator, ein sich drehender Bürostuhl. H., ein schwarz gekleideter Jugendlicher, spricht ins Mikrophon. Sein Zimmer hat er seit acht Jahren nicht mehr verlassen. „Was soll ich draußen machen? Draußen ist es nicht viel besser als hier drinnen, aber hier drinnen weiß ich wenigstens, was oben und unten bedeutet“. Mit der Außenwelt kommuniziert H. nur noch über das Internet. Mutter und Schwester sind seinem Entschluss, sich zu isolieren, hilflos ausgeliefert. Als sich die Chance auf ein „normales“ Leben auftut und er in einem Chatroom ein mysteriöses Mädchen mit dem Namen „Rosebud“ trifft, gibt es die Hoffnung, dass er endlich wieder in die „reale Welt“ treten wird. Doch er ist viel zu tief in sich selbst gefangen. H. ist ein „Hikikomori“. So wie etwa 1,5 Millionen Jugendliche in Japan, die sich in ihren Wohnungen isolieren und jeden Kontakt mit der Außenwelt meiden. Dieser japanische Begriff für Gesellschaftsverweigerung heißt ins Deutsche übersetzt so viel wie „sich verschließen“.

In einer performativen Installation, die auf dem Theaterstück „Hikikomori“ des österreichischen Autors Holger Schober basiert, wird ein Problem unserer Gesellschaft veranschaulicht, das man nicht ignorieren kann.

Das Konzept von „Hikikomori“ hat Theaterkomponist Vlaicu Golcea entwickelt, der auch für den Sound-Design verantwortlich ist. Die Installation schuf Cristina Milea, die Kostüme Gabriella Spiridon, Mihai Păcurar ist verantwortlich für Video und Grafikdesign und die Life-Performance bot die Schauspielerin Nicoleta Lefter an, die den Jugendlichen H. spielte, wobei die Stimmen der Mutter und der mysteriösen Rosebud von Raluca Aprodu und Emil Măndrănac aufgenommen wurden. Die Installation aus Bukarest tourte durch mehrere rumänische Städte. Anfang Oktober konnte man sie im Rahmen der langen Nacht der Galerien live im multikulturellen Zentrum der Kronstädter Transilvania-Universität erleben.
 

Der Effekt von Leistungsdruck

Die Krise beginnt oft, bevor man es merkt. Man fängt langsam an, Unterhaltungen zu meiden, Körperkontakt zu scheuen, ungern auf Menschen zu treffen. Schießlich weigert man sich, aus dem Haus zu gehen, bricht jeden Kontakt ab, lebt nur noch online. Über Internet-Chatrooms und Videospiele kommuniziert man einigermaßen mit den anderen. In Japan kennt jeder den Begriff Hikikomori. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit 350 Millionen Menschen an verschiedenen Arten der Depression erkrankt. Psychologen haben festgestellt, dass es ähnliche Verhaltensmuster auch in anderen Ländern gibt. Die Erklärung dafür? Leistungsdruck. Einen guten Schulabschluss machen, studieren, einen gutbezahlten und angesehenen Job finden, eine Familie gründen, die Karriereleiter hinaufklettern- diese Erwartungen hat man von jungen Leuten. Wer das nicht schafft, ist ein Verlierer. Wer sich weigert, den sozialen Normen zu entsprechen, und sich zurückzieht wird ein Hikikomori.

Die Performance spricht über diese gefährliche Verkapselung. H. gibt sich inneren Monologen, philosophischen Eingebungen, witzigen Betrachtungen über das Leben, selbstironischen Erkenntnissen oder wütender Trauer über verlorene Erinnerung hin. Während das Innenleben eines Hikikomori beschrieben wird, entsteht ein postmodernes Gedicht über die Einsamkeit als Protest gegen die Gesellschaftsnormen. Die Isolation erlaubt die Flucht in imaginäre Welten, bringt aber auch viele Illusionen mit sich. Die Performance will ein Alarmsignal ziehen- obwohl es in unserer unmittelbaren Nähe keine Hikikomoris gibt, existiert eine ähnliche Art von Abkapselung. Bloß ist sie nicht so sichtbar. Jugendliche von heute sind mehr an Technologie als an das wirkliche Leben angeschlossen, die virtuellen Beziehungen werden immer präsenter, also droht die Perspektive einer kommenden Hikikomori-Generation. Man zieht sich zurück hinter den Bildschirm des Smartphones – als Antwort auf die Herausforderungen des Lebens.

Mehr Informationen über die Installation auf www.hikikomori.ro.

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