Von der Macht des Internets

Dienstag, 11. November 2014

Die Technologie wird sich nicht aufhalten lassen, jedoch kann am Umgang damit gearbeitet werden. Wissen ist Macht und deshalb sehe ich persönlich den wichtigsten Schritt in der Medienerziehung. Statistiken zeigen eine Mediennutzung in Deutschland von satten 10 Stunden am Tag auf. Das bedeutet, wir widmen Smartphone, Laptop und Fernseher mehr Zeit als der Bettruhe. Wir werden als Mediengesellschaft bezeichnet. Die Medien selbst als vierte Gewalt. Sie sind Thema zahlreicher Forschungsdisziplinen. Die Bandbreite umfasst von Mediensoziologie, -psychologie, -recht, -wirtschaft, -technik, -ethik ein riesiges interdisziplinäres Spektrum. Sie beeinflussen nachgewiesen Gesellschaft und Individuum. Da ist es mir ehrlich gesagt ein Rätsel, weshalb das nicht schon längst so fest im Stundenplan verankert ist wie die Mathematik.

Anhand einer kleinen Anekdote würde ich gerne verdeutlichen, weshalb ich Aufklärung für essenziell halte. Einer meiner Facebook-Freunde, Student der Wirtschaftswissenschaften, 31 Jahre alt, verbreitete einen Artikel einer fragwürdigen Seite im Internet, welcher behauptet, dass Fluoride in Zahnpasta höchst gefährlich sind und dem Menschen deshalb zugeführt werden, damit Pharmaindustrie und Zahnärzte Profit daraus ziehen können. Verschwörungstheorien erfreuen sich höchster Beliebtheit. Aus diesem Grund entdeckte ich den Artikel auf weiteren Pinnwänden meiner Freunde. Daraufhin recherchierte ich ein wenig, um herauszufinden, ob ich tatsächlich die erste Zahnpasta-Tote werden könnte. Ich habe eine Leidenschaft für das Zähneputzen. Immer eine Zahnbürste in der Handtasche. Ich liebe das Gefühl frisch geputzter Zähne und bisher erhielt ich nur Lob von meinem Zahnarzt. Ich wurde noch nie zahnärztlich behandelt. Wie die Kinder, die brav geputzt haben, bekomme ich sogar noch Zahnbürsten und Minizahnpasta geschenkt. Ich bin auch fast 30. So enthusiastisch ist mein Zahnarzt.

Um eine rationale Entscheidung auf die Frage: „Putzen oder nicht putzen?“ treffen zu können, durchforstete ich also das Internet. Ich wählte Google Scholar für meine Recherche, da mir wissenschaftliche Texte zu diesem Thema als einzig seriöse Möglichkeit erschienen. Wenn ich meine Leidenschaft reduzieren soll, dann kann mich nur ein Akademiker davon überzeugen. Ich wurde fündig. Aufatmen. Eine Untersuchung der Uniklinik Freiburg belegt, dass Fluoride sinnvoll sind. Die Gefahr, durch Fluoride vergiftet zu werden, droht erst bei extrem hohen Mengen. Ein Kind von 20 Kilogramm müsste eine ganze Tube essen, damit es zu Vergiftungserscheinungen kommt. Ich müsste also drei Tuben essen. Zahnpasta steht nicht auf meinem Speiseplan, deshalb verwerfe ich meine Sorge und kommentierte den Link meines Freundes mit der Studie. Seine Antwort darauf lautete: „Das ist anscheinend eine Glaubensfrage“. Das verstörte mich. Er setzt den wissenschaftlichen Nachweis gleich mit den Worten eines anonymen Autors einer dubiosen Seite im Netz. Das ist kein Einzelfall. Quellen werden kaum noch geprüft. Unseriöse Seiten im Internet werden als seriöse Nachrichtenquelle wahrgenommen.

Das macht den Qualitätsjournalismus überflüssig. Wichtige Zeitungen stehen vor dem Bankrott. Wozu Zeitung oder Tagesschau, wenn ich meine Dosis Kultur aus dem Netz bekomme? Deshalb plötzlich Petitionen gegen die Rundfunkgebühr. Eine solche Forderung entspringt der Quelle der Unwissenheit. Die Rundfunkgebühr ermöglicht den öffentlich-rechtlichen Sendern, unabhängig von Staat und privaten Geldgebern zu sein. Stellen wir uns doch mal vor, das Erste Deutsche Fernsehen wäre von Werbeeinnahmen abhängig: Statt dem Polittalk von Günther Jauch würde Protz-Prinz Marcus von Anhalt gemeinsam mit Solarium-Fan Gina Lisa, Mädchen in einer Casting Show bewerten, die um den Titel „Deutschlands schönstes und schlauestes Erotik-Modell“ kämpfen. In den Nachrichten würden wir erfahren, in welchem Zoo gerade ein süßes Panda-Baby geboren ist. Der Bildungsauftrag würde keine Rolle mehr spielen. Kommerziell attraktive Sendungen zu schaffen wäre das oberste Ziel. Und kommerziell interessant, sind nun mal leider Reality TV und Casting Show. Die Relevanz von solchen Sendungen für Gesellschaft und Politik ist genauso hoch wie das Umfallen des berühmten Sacks Reis in China. Deshalb kann das doch keine Alternative sein.

Die Unabhängigkeit der Medien ist der Grundstein für unsere Demokratie. Der Qualitätsjournalismus hat die Aufgabe, objektiv zu informieren sowie Hintergrundinformationen zu vermitteln. Das erfordert Journalisten, die viel Sorgfalt und auch Zeit in diese Arbeit investieren, und Unabhängigkeit. Eine Tatsache, die mir jeden Cent der Rundfunkgebühr wert ist. Aufklärungsbedarf herrscht also allemal. Insbesondere weil das nur ein Punkt ist. Es lassen sich massig Bücher mit Medientheorien füllen. Dementsprechend mangelt es auch nicht an Stoff für wöchentlichen Unterricht. Nietzsche sagte schon: „Nur wer weiß, wohin er fährt, weiß auch, welcher Wind gut ist“.

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