Von der Notwendigkeit des Experiments in der Lyrik

Interview mit der rumänischen Dichterin und Übersetzerin Nora Iuga

Freitag, 13. Juli 2012

Nora Iuga: „Pathos ist furchtbar, es ist der Feind östlicher Lyrik, besonders rumänische Gedichte leiden darunter.“
Foto: Iunia Martin

Nora Iuga gehört zu den bedeutendsten rumänischen Gegenwartsdichtern. Ende der 1960er Jahre begann sie ihre literarische Karriere als Mitglied der Literaturgruppe „Grupul oniric“. Neben ihrer dichterischen Laufbahn ist Nora Iuga besonders aufgrund ihrer Arbeit als Übersetzerin deutscher Werke berühmt geworden. 2007 verlieh ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland. Trotz ihrer 81 Jahre ist die Dichterin noch sehr aktiv. 2010 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, „Die Sechzigjährige und der junge Mann“. Im Frühjahr überraschte Nora Iuga mit einer weiteren Premiere während der deutschsprachigen Literaturtage in Reschitza. Sie stellte ihre ersten Gedichte in deutscher Sprache vor. Ein Exkurs für die bedeutende Dichterin. ADZ-Redakteur Robert Tari sprach mit Nora Iuga über die Entwicklung der rumänischen Gegenwartsliteratur und ihre ersten dichterischen Versuche in einer anderen Sprache. 

Während der deutschsprachigen Literaturtage in Reschitza haben Sie ihre ersten Gedichte auf Deutsch vorgestellt.

Ja, so ist es. Das war der Grund, weshalb ich auch sehr aufgeregt war, weil ich sie noch niemandem gezeigt hatte. Also waren diejenigen im Saal in Reschitza die ersten Zuhörer dieser Verse. 

Das Publikum nahm sie sehr gut auf. Sie zeigten sich bescheiden, nannten die Gedichte eher das Ergebnis eines Experiments.

Ich habe nicht gerade „Experiment“ gesagt. Ich habe gesagt, dass es ein Versuch war. Ein Versuch und eine Wette mit mir selbst. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich mich so ausgedrückt. Weil ich das Experiment liebe. Ich habe in fast allen meinen Büchern unterschiedliche Experimente gemacht. Sie sind nicht schockierend, sie bewahren einen verständlichen Faden, aber manchmal umhüllen meine Gedichte diesen Faden in ein Geheimnis und ich sag dir auch wieso. Weil ich eine Theorie habe. Ich debütierte in der onirischen Gruppe (rum. „Grupul oniric“). Sie wurde Ende der 1960er Jahre gegründet – so gegen 1968 – und hatte sehr großen Erfolg, der allerdings nicht lange dauerte, weil 1971 die Kulturrevolution begann. Die Gruppe trennte sich, weil sie tatsächlich avantgardistisch war und wiederum im Surrealismus wurzelte, der mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sein Ende fand. Darum beeinflusst diese Art des Schreibens meine Gedichte und darum sind die Bedeutungssprünge in meinen Versen total unerwartet. Ich glaube, dass das mein stärkstes Markenzeichen ist. 

Sie haben viel als Literaturübersetzerin gearbeitet und vertreten die Ansicht, dass ein Dichter sich nur in einer Sprache ausdrücken sollte. Was waren die Schwierigkeiten während des Entstehungsprozesses Ihrer ersten deutschen Gedichte? 

Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich mich für meine deutschen Gedichte nicht abmühen musste, eigentlich war es fast schon ein Wunder. Wenn ich das sage, runzeln wahrscheinlich manche Dichter die Stirn. Besonders junge Dichter, die eine andere Vorstellung von Lyrik haben und weniger an eine Form von unbewusster Inspiration glauben, so als wäre das Gedicht einem vorgegeben. Ich aber glaube daran, denn es gibt Augenblicke, in denen man sich in einem Zustand befindet, in dem man den Eindruck hat, eine fremde Stimme würde dir das Gedicht diktieren. Ich habe in letzter Zeit unglaubliche Erfahrungen gemacht. Seit ich älter geworden bin, träume ich nicht mehr in Bildern, sondern eher in Worten und oft wache ich auf, aber wirklich oft – ich bin darüber sehr glücklich – wache ich mit einem neuen Vers auf. Aber diese Verse sind meistens unlogisch, manchmal sind auch die Wörter verdreht, weißt du. Zum Beispiel ging ein Vers so: „Was macht das Wort zwischen zwei Portionen Mörtel?“ Wie du sehen kannst, habe ich es mir sogar gemerkt. Ich bin sofort aufgewacht, ich habe mir den Vers aufgeschrieben und so ein Gedicht angefangen, diesmal auf Rumänisch. Darum sage ich dir auch: Ich schreibe auf eine Art, die du vielleicht als Experiment auffasst. Aber es ist kein Experiment. Es ist eher meine Art zu denken, Dinge miteinander zu assoziieren und besonders mein Vertrauen in meine Träume. Ich glaube an das Unterbewusstsein, ich glaube, dass das Unterbewusstsein unendlich wichtiger ist als Vernunft, wenn man Gedichte schreibt, Logik fällt sogar ganz weg. Denn Logik ist der größte Feind des Gedichtes. Ein Gedicht ist ein Zustand, der dem Unbewussten und also dem Traum sehr nahe steht. 

Als Dichterin und Übersetzerin haben Sie einen Einblick sowohl in die rumänische als auch in die deutsche Gegenwartsliteratur. Bestehen Unterschiede?

Es gibt einen sehr großen Unterschied. Ich bin froh, dass du mir diese Frage gestellt hast, weil sie wichtig ist, weil viele unserer jungen Schriftsteller in letzter Zeit auf Auslandsreisen geschickt werden, wo sie an Lesungen teilnehmen können und so deutschen Schriftstellern begegnen. Trotzdem wird es noch lange dauern, bis sie Gedichte mit der gleichen Rhetorik schreiben werden. Ich weiß nicht, ob es unbedingt einen Gewinn darstellen würde, weil die gegenwärtige deutsche Lyrik befindet sich keineswegs in einem guten Zustand. Es gibt einige überaus gute, sie stellen aber nicht die Mehrheit dar. Deutsche Lyrik befindet sich genau wie die französische auf einer Talfahrt. Eigentlich hat der ganze Westen diese Probleme. Ich bin davon überzeugt, dass der Osten eine wesentlich komplexere, dramatischere und stärkere Literatur liefern kann. Das soll jetzt nicht missverstanden werden. Ich beziehe mich dabei nicht auf den Drang zum Pathos. Pathos ist furchtbar, es ist der Feind östlicher Lyrik, besonders rumänische Gedichte leiden darunter. Deutsche Schriftsteller, die uns besucht haben und junge Dichter oder auch die ältere Generation kennenlernten, werfen uns gerade das vor und haben vollkommen recht: Wir sind viel zu pathetisch und viszeral. Wir sprechen ständig über unseren Körper, über dessen Physiologie, über die Organe, über Blut. Das haben sie nicht, sie verhalten sich da diskreter und sind bodenständiger. 

Viele Schriftsteller sind der Auffassung, dass die junge Schriftstellergeneration Rumäniens an einer Identitätskrise leiden würde. Die meisten Texte gleichen sich stilistisch und thematisch stark. Wie fassen Sie es auf?

Du stellst mir Fragen, die ich mir auch oft stelle. Ich habe das auch bemerkt und es stört mich allmählich. Wir sind seit den 1960er Jahren daran gewöhnt, von literarischen Generationen zu sprechen. Alle zehn Jahre kamen Wellen von neuen Schriftstellern. Von der Generation der 80er Jahre wurde behauptet, sie hätten die rumänische Literatur total umgekrempelt, dann kam die Generation 90, dann die Schriftsteller der 2000er Jahre. Jede kam mit einer persönlichen Note und wir alle haben anfänglich gemeint: Sie werden die Lyrik retten. Doch obwohl die Schriftsteller nach 2000 zahlreich sind und sich ursprünglich voneinander unterschieden – sie erkundeten alles, was vor der Wende verboten war –, stagnieren sie inzwischen und gleichen sich an, so wie du es auch festgestellt hast. Ich besuche einen Literaturkreis, bestehend aus jungen Schreibern, junge Menschen lieben mich und ich verstehe mich sehr gut mit ihnen, doch die Wahrheit ist, dass sie angefangen haben, mich zu langweilen. Ich besuchte den Literaturkreis, dort lasen drei unterschiedliche Dichter vor, doch ich konnte von einem zum anderen keine Unterschiede feststellen. Deswegen müssen wir damit anfangen zu experimentieren. Experimentelle Lyrik ist gefragt. Die Deutschen legen mehr Wert auf die Form, und nicht nur sie, wahrscheinlich auch andere Länder aus dem Westen. Nur durch die Form kann das Gedicht erneuert werden, weil die Gefühle stets die gleichen bleiben. 

Hat es womöglich mit fehlenden Einschränkungen zu tun? Vor der Wende mussten sich Schriftsteller mit einer strengen Zensur auseinandersetzen.

Damit triffst du den Nagel auf den Kopf. Ich habe fast schon Angst, dieses Thema anzusprechen. Denn ich hatte viele gegensätzliche Diskussionen mit Herta Müller darüber. Es verärgerte sie, wenn ich dieses Problem ansprach, und nicht nur ich. Auch Günter Kunert und auch westdeutsche Schriftsteller stellten sich das Problem. Weil die Zensur, auch wenn ich sie nicht vermissen mag, doch eine wichtige Rolle spielte. Weil die Zensur uns nicht erlaubte, die Dinge beim Namen zu nennen, mussten wir neue Wege finden, Ideen auszudrücken, in einer wesentlich raffinierteren und gehobenen Form, welche dem Gedicht schließlich zugute kam, denn es spiegelt nicht die reine Realität wider. Grundsätzlich halte ich Gedichte für Kunst und nicht Literatur. Darum macht mir auch diese Homogenisierung des Gedichtes mit der unmittelbaren Realität zu schaffen. Wenn ich auf der Straße gehe und ich zwei junge Menschen hinter mir reden höre, und dann ein Gedicht lese, stelle ich fest, dass es keine Unterschiede gibt.

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