„Von diesen indirekten Aspekten werden wir sicherlich alle profitieren“

Gespräch mit Peter Hochmuth, dem Vorsitzenden des Deutschsprachigen Wirtschaftsclubs „Banat“

Samstag, 28. Januar 2017

Peter Hochmuth ist seit über 15 Jahren in Temeswar tätig.

Peter Hochmuth leitet den Deutschsprachigen Wirtschaftsclub „Banat“ und betreibt seine eigene Consulting-Firma. Über die zehnjährige Mitgliedschaft Rumäniens in der EU und wie sich der Titel einer Kulturhauptstadt Europas 2021 auch wirtschaftlich auf Temeswar auswirken wird, sprach er mit der BZ-Redakteurin Ştefana Ciortea-Neamţiu.

 

Es sind zehn Jahre seit dem Beitritt Rumäniens zur EU vergangen. Was hat das für die Wirtschaft bedeutet?

Für die Wirtschaft war der Beitritt Rumäniens zur EU sehr erfreulich. Das haben diese zehn Jahre gezeigt, dass Rumänien stabiler wurde, dass sich die Gesetzgebung mehr der westlichen angepasst hat und es dadurch den Unternehmen leichter fiel, mit den gewohnten Strukturen zu arbeiten. Wenn ich mir Rumänien heute anschaue, gab es einen deutlichen Entwicklungsschub.

Temeswar hat den Titel einer Kulturhauptstadt Europas 2021 gewonnen. Es wird immer wieder gesagt, dass die Kultur während des Kulturhauptstadtjahres auch zu einem Motor für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt und der Region werden soll. Welche Erwartungen hat die Wirtschaft in Temeswar von diesem Titel?

Tourismuswirtschaft, Gastronomie, Hotellerie – da wird sich sicherlich viel tun. Ich spreche jetzt für den Deutschsprachigen Wirtschaftsclub, für unsere Unternehmen. Wir haben einige Unternehmen, die im Tourismus-Bereich tätig sind, die wohl sicherlich direkt profitieren werden. Die Mehrheit – das sind klassische Produktionsunternehmen – wird keine direkten Impulse spüren, indirekt aber schon. Wenn ich an die Hotelsituation heute denke: Wir haben viele Geschäftsbesuche, ob aus den Firmen oder Kunden, und wir haben Probleme, Hotelzimmer zu bekommen. Wenn ich mir Hermannstadt anschaue, was damals passiert ist, dann hoffe ich, dass wir endlich auch hier internationale Hotels mit wettbewerbsfähigen Preisen und auch wettbewerbsfähiger Qualität haben werden. Auch gibt es in Temeswar kaum Kapazitäten für Konferenzen und Kongresse. Da gehe ich davon aus, dass im Zusammenhang mit der Kulturhauptstadt etwas in dieser Hinsicht getan wird. Von diesen indirekten Aspekten werden wir sicherlich alle profitieren. Temeswar wir bekannter werden, so dass wir in Zukunft leichter Arbeitskräfte aus anderen Regionen heranziehen können, beziehungsweise unsere Kunden im Ausland ein besseres Bild von Rumänien und von Temeswar bekommen.

Ein weiterer Aspekt, der jetzt in den Diskursen um die Kulturhauptstadt hervorgehoben wird, ist, dass Temeswar für das gesamte Banat, auch für den serbischen und ungarischen Teil, eine Art Motor werden soll. Bringt es dann auch positive Aspekte für die Firmen, die hier in der Region ansässig sind?

Wenn man das nutzt, dass man das historische Banat näher zusammenbringt, sicherlich auch. Wir kämpfen schon seit einiger Zeit dafür, dass Arbeitskräfte aus Serbien im täglichen Rhythmus zu uns zum Arbeiten kommen können, bisher leider mit nicht so großem Erfolg. Aber das könnte in diesem Rahmen passieren, so dass wir den Arbeitskräftemangel decken oder Teilproduktionen nach Serbien auslagern – das haben schon einige Kollegen gemacht – oder dass mit einer weiteren Öffnung der Grenzformalitäten, Transaktionen zwischen dem rumänischen und serbischen Banat einfacher werden. Da gibt es noch viel Potenzial und ich hoffe, dass das umgesetzt wird.

Was müsste die Stadt machen, wie müsste sie aussehen, im Jahr 2021?

Wir bräuchten unbedingt den so oft diskutierten Südring. Der Ostring ist für die Stadt nicht so wichtig, außerdem viel länger und kostspieliger, aber der Südring wäre absolut notwendig. Wir bräuchten einen professionellen Ausbau des Flughafens. Sie loben sich, wenn sie einen weiteren Urlaubsflug anbieten. Für uns privat ist das wunderbar, aber die Wirtschaft braucht Linienflüge nach Deutschland, Italien, Österreich und in die Schweiz, wo unsere Firmen herkommen, wo unsere Kunden sitzen. Und auch wenn wir an die Kulturhauptstadt denken: Rumänien ist doch relativ weit von Westeuropa weg. Wenn ich nach Hause, nach München fahre, brauche ich zehn Stunden mit dem Auto und bin noch relativ nah dran. Norddeutschland, Frankreich, England… Wie sollen die Leute hierherkommen, wenn außer ein paar Billigfliegern mit teilweise ungewöhnlichen Flugplänen keine vernünftige Anbindung angeboten wird und es keine bezahlbare Anbindung gibt? Wir wissen alle, wie sich die Monopolsituation auf die Preise ausgewirkt hat. Da müsste viel gemacht werden, damit hier wirklich ein Geschäftsflughafen aufgebaut wird, der den Ansprüchen von Temeswar und dem Banat entspricht. So wie es früher war. Wir trauern alle noch den Zeiten nach, als hier „Austrian Airlines“, „Lufthansa“ und „Carpatair“ den Flughafen mit Linienflügen bedient haben. Damals waren wir ganz anders angebunden. Und auch mit besseren Preisen. Und zum Dritten, was ich bereits erwähnt habe, dass sich die Hotelsituation verbessert. Die wenigen Hotels, die es jetzt gibt, sind schon fast immer ausgebucht. Wenn da noch Kulturtouristen hinzukommen würden - ich weiß nicht, wie es dann funktionieren soll. In der jetzigen Situation ist es für einen Kulturtouristen schwer, hierherzukommen, und teuer und dann auch sehr schwer, eine Unterkunft zu finden. Daran müsste die Stadt noch arbeiten.

 

 

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