„Von einer passiven Einstellung halte ich nichts“

Gespräch mit dem DFDR-Abgeordneten Ovidiu Ganţ anlässlich seines Besuchs in Kronstadt

Freitag, 23. November 2012

Foto: Ralf Sudrigian

Am 12. November war Ovidiu Ganţ, der Abgeordnete der deutschen Minderheit im rumänischen Parlament, in Kronstadt auf Besuch. Im Festsaal des Demokratischen Forums der Deutschen im Kreis Kronstadt (DFDKK) traf er sich mit der lokalen Presse und im Anschluss mit allen Forumsmitgliedern und Kronstädtern, die interessiert waren, mehr über seine Tätigkeit sowie über das Wahlprogramm und die Ziele des Forums zu erfahren.

Ovidiu Ganţ, der auch die Funktion des stellvertretenden Leiters der Minderheitenfraktion im rumänischen Parlament innehat, und der am 9. Dezember für ein drittes Mandat in der Abgeordnetenkammer kandidiert, bedankte sich  bei den Kronstädtern für die Einladung und sicherte ihnen seine weitere Unterstützung zu.

Er erklärte, weshalb sich die Leitung des Landesforum für einen einzigen Kandidaten landesweit entschlossen habe: Weil dies die sicherste Variante für die Interessenvertretung einer zahlenmäßig kleinen Minderheit sei, und zugleich weil ein rumänienweit gewählter Parlamentarier die Gesamtheit der deutschen Minderheit besser vertreten könne.


Zusammenfassend stellte Ganţ seine Prioritäten vor. In erste Linie ginge es um minderheitenspezifische Interessen, beispielsweise den Unterricht in deutscher Muttersprache, die Kulturprojekte des Forums, die Pflege der Identität, das Erhalten des Kulturerbes, die Ausstattung der Einrichtungen im sozialen Bereich oder die wirtschaftliche Förderung von Kleinbetrieben über Kredite, die von den fünf Stiftungen vergeben werden. Auch sei es die Aufgabe des Abgeordneten, das lokale Interesse der Gemeinschaft in der „großen“ Politik zu vertreten und sich um gute wirtschaftliche und politische Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland zu bemühen. Auch wenn ein drittes Mandat „so gut wie sicher sei“, zähle jede Stimme, denn schließlich sei der Abgeordnete nur durch das Votum seiner Wähler legitimiert. Im Anschluss an das Kronstädter Treffen führte KR-Redakteurin Christine Chiriac mit  Ovidiu Ganţ folgendes Gespräch.

Herr Ganţ, wie betrachten Sie das Resultat der Kommunalwahlen in Kronstadt?

Die Ergebnisse waren sehr gut, und ich bin überzeugt, dass man auch für die Zukunft darauf bauen kann. Bestimmt waren viele von dieser Entwicklung angenehm überrascht – vielleicht manche auch negativ.

Jedenfalls war es in der Vergangenheit schon immer so, dass die Siebenbürger Sachsen oder die Banater Schwaben in der Verwaltung ihrer Städte und Gemeinden mitgewirkt haben. Das Engagement in der Kommunalverwaltung, wie auch in der Politik generell, beruht unserseits nicht nur auf einer reichen Tradition, sondern ist zugleich sehr sinnvoll und gewinnbringend – über die Grenzen der Minderheit hinaus und abgesehen von der Tatsache, dass wir vor einigen Jahrzehnten Hunderttausende waren, und heute vielleicht noch 40.000 sind. Ich glaube nicht, dass die Zahl diesbezüglich entscheidend ist.

Von einer passiven Einstellung halte ich nichts – und ich freue mich, dass die Kronstädter diese Meinung teilen und dass sie sich in der Kommunal- und Kreisverwaltung einsetzen, damit die Dinge in dieser Region und allgemein hierzulande in die gute Richtung gehen. Ich bin mir sicher, dass das Mitspracherecht der Kollegen die Kommunal- und Kreisverwaltung äußerst positiv prägen wird.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Kronstädter Gegend in den nächsten Jahren?

Sicherlich kann man im Bereich Investitionen oder Tourismus noch sehr viel machen. Dafür brauchen wir dringend eine Autobahnverbindung zwischen Kronstadt und Hermannstadt, beziehungsweise zwischen Kronstadt und Bukarest. Wahrscheinlich liegt das in einer fernen Perspektive – trotzdem dürfen die großen Projekte nicht aus dem Auge verloren werden.

Wenn eine Autobahn in Richtung Süden technisch eine große Herausforderung ist, so betrachte ich eine gute Schnellstraße zwischen Kronstadt und Hermannstadt als sehr gut realisierbar. Nicht zuletzt müssen sich die Unternehmer, die in Kronstadt und Umgebung investieren, auf eine entsprechende Infrastruktur verlassen können.

Die neue Berufsschule Kronstadt ist eine sehr wertvolle Initiative, die unterstützt werden muss, um ihren guten Start fortzusetzen. Es ist ein Projekt, das für alle relevant ist, nicht nur für die deutsche Wirtschaft – deshalb hoffe ich, dass die Stadt und der Kreis Kronstadt sowie das Bildungsministerium weiter-hin ihren Beitrag zur Förderung leisten.

Sehr wichtig ist mir selbstverständlich die Zukunft des Johannes-Honterus-Lyzeums. Lehrkräftemangel ist bekanntlich in ganz Rumänien ein heikles Problem, nicht nur in Kronstadt, doch trotz dieser schwierigen Umstände muss in den deutschen Schulen weiterhin qualitativ hochwertiger Unterricht geboten werden. Die Ergebnisse sieht man Jahr für Jahr bei den Abiturprüfungen, wo die Schulen mit Unterricht in deutscher Muttersprache mit Abstand am besten abschneiden.

Unsere Ergebnisse müssen wir beibehalten – und erfreulicherweise genießen wir weiterhin auch diesbezüglich Unterstützung seitens der Bundesrepublik Deutschland, indem Lehrkräfte entsendet und Lehrmaterialien zur Verfügung gestellt werden. Die Aufgabe des Abgeordneten ist es, sich in Bukarest einzusetzen, damit Lehrbücher für die Klassen eins bis zehn gedruckt werden – kein einfacher Auftrag,  aber ich werde nicht nachgeben.

Aufgrund der Wichtigkeit der deutschen Sprache als Weltsprache und Wirtschaftssprache sind die deutschen Schulen hierzu-lande sehr gefragt – mehr als alle anderen Schulen der Minderheiten. Doch durch die fehlende Korrelation zwischen der Platzanzahl in den deutschen Kindergärten und der Platzanzahl in den ersten Klassen an deutschen Schulen, gibt es in jedem Jahr die gleichen oder ähnlichen Diskussionen. Das Problem müsste auf nationaler Ebene durch die Gesetzgebung und das Akkreditierungsverfahren der Kindergärten geklärt werden.

Welches sind Ihre Ziele für das neue Mandat?

Ich will meine Arbeit weiterführen – eine Arbeit, die offensichtlich von den Kollegen im Forum als positiv bewertet wurde, sonst hätte es bei dem Designieren des Kandidaten in der Vertreterversammlung gewiss nicht Einstimmigkeit gegeben. Die Schwerpunkte sind seit Jahren gegeben und sind auch in der Forumssatzung gleich nach der Wende definiert worden.

Diese Zielsetzung sollte man meiner Meinung nach weiter verfolgen, in engster Zusammenarbeit mit den Kollegen, angefangen mit dem Landesvorsitzenden und dem Landesvorstand bis zu den Forumsvertretern vor Ort.

Noch wichtiger als ein neues Mandat, ist mir jedoch das Signal, dass wir alle gemeinsam am selben Strang ziehen. An meiner Politik, an meiner politischen Einstellung und Vorgehensweise werde ich in meinem nächsten Mandat nichts ändern. Meine Zusammenarbeit mit dem Landesvorsitzenden und mit dem Landesvorstand betrachte ich deshalb als eine sehr effiziente Variante der politischen Vertretung, weil ich überzeugt bin, dass ich nicht als Person im Parlament vertreten bin, sondern als Exponent einer Gemeinschaft. Diesen Aspekt werden wir – insofern gewünscht – auf alle diejenigen erweitern, die mitreden und mitgestalten wollen. Gemeinsam können wir viele Probleme meistern.

Haben Sie während der Wahlkampagne weitere Besuche in der Kronstädter Gegend vorgesehen?

Mit Sicherheit komme ich mindestens noch einmal, und zwar nach Zeiden, Reps und Rosenau.

Sehen Sie im Kontext der innenpolitischen Kämpfe eine Gefahr, dass populistische oder extremistische Parteien mehr Stimmen erhalten, und eventuell die Minderheiten gefährdet werden könnten?

Ohne Zweifel nimmt die Glaubwürdigkeit der etablierten Parteien ab, aller-dings ist die sogenannte „Alternative“, die von den Populisten geboten wird, dermaßen unglaubwürdig, dass eher die Abwesenheit und Passivität der Wählerschaft eintreten wird, als eine massive Unterstützung für extreme politische Richtungen. Ich glaube nicht, dass in Rumänien jemand ernsthaft daran denkt, den Minderheiten Schwierigkeiten zu machen. Wir sind EU-Mitglied und, egal welche Erscheinungen im politischen Kampf vorkommen, sind wir doch eine etablierte Demokratie.

Welche Erwartungen haben Sie an die Landespolitik?

Natürlich werden wir mit einem Abgeordneten die Landespolitik nicht entscheidend ändern oder beeinflussen können, aber wir können weiterhin Positives bewirken, insofern es in unserer Macht steht. Zum Beispiel können wir uns für enge bilaterale wirtschaftliche und politische Beziehungen zu Deutschland einsetzen – die meines Erachtens für die gesamte rumänische Politik eine Priorität darstellen müssten.

Abgesehen davon, würde ich mir wünschen, dass endlich eine ernsthafte Debatte betreffend Verfassung geführt wird, sodass das rumänische politische System effizienter wird. Mehr Dezentralisierung, weniger Bürokratie, verstärkte Korruptionsbekämpfung, eine größere Absorptionskapazität der EU-Fonds – all das sind wichtige Themen, an denen sich unsere Gemeinschaft beteiligen sollte.

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