Von Hora, Doina und Lautaren

Thede Kahl gewährt Einblicke in die Musikwelt Rumäniens

Montag, 06. November 2017

Thede Kahl (Hg.): „Von Hora, Doina und Lautaren. Einblicke in die rumänische Musik und Musikwissenschaft“; Berlin: Frank & Timme Verlag 2016, geb., 624 S., mit zahlreichen Notenbeispielen, Farb- und S/W-Abbildungen sowie 2 Audio-CDs; ISBN 978-3-7329-0310-8 (=Forum: Rumänien 33)

Die Musikwelt Rumäniens ist bekanntlich äußerst bunt und vielfältig. Das Spektrum reicht von der Kirchenmusik der verschiedenen Konfessionen und Genies der klassischen Musik wie dem Komponisten George Enescu oder dem Dirigenten Sergiu Celibidache über die ausgeprägte traditionelle Folklore der verschiedenen Regionen und auch der Minderheiten sowie die Bukarester Salonmusik bis hin zur riesigen Palette an breiten Schichten vertrauter religiöser Volksweisen. Der Geograf und Romanist Thede Kahl, der in Jena lehrt, hat nun in der renommierten Reihe „Forum: Rumänien“ des Berliner Frank & Timme Verlags ein monumentales Werk herausgegeben, dessen 31 Beiträge verschiedener Autoren historische, kulturgeschichtliche, musikwissenschaftliche und volkskundliche Einblicke in diesen reichen Musikkosmos geben.

Die Aufsätze thematisieren Geschichte und Motive der rumänischen Musikwelt, ihre Musikrichtungen und -stile. Sie stellen wichtige Persönlichkeiten wie und auch musikalische Interferenzen zwischen geografischen Räumen und Epochen dar, wenn etwa bei Carmen Daniela Siebenbürgen als „Beispiel einer Symbiose europäischer Musikkulturen“ in den Blick kommt oder die Klaviersuite in D-Dur („Des cloches sonores“, 1903) von George Enescu von Raluca Ştirbăţ als „einzigartige Verschmelzung von Impressionismus, Neobarock, Spätromantik und rumänischem Melos“ interpretiert wird. Daneben werden historische Rückblicke und Längsschnitte geboten.

Beinahe programmatisch hält Marian Lupaşcu im ersten Aufsatz fest: „Es existiert ein von Intellektuellen aus Rumänien wie dem Ausland verbreitetes Vorurteil, dass bei uns Kunst und Kultur sehr spät und nur unter westlichem Einfluss in Erscheinung getreten seien. Viele ignorieren und viele vergessen die Epoche zwischen dem 10. und dem 14. Jahrhundert, als sich die ureigenen Wesenszüge der historischen Provinzen herausbildeten.“ (S. 23) Der Band zeigt auf, wie sich seit dem Mittelalter die äußerst vielfältige Musik auf dem Gebiet des heutigen Rumänien herausgebildet hat.

Lupaşcu erläutert die Herausbildung der rumänischen Folklore seit dem Mittelalter und ihrer Weisen wie Doina und Hora und erläutert historisch und auch mit Bilddokumenten die Entwicklung der Instrumente und der Liedtypen (Tanz, Liebeslied, Balladen). Auf zwei CDs stehen dazu etliche historische Hörbeispiele zur Verfügung. Immer wieder rücken dabei die Roma als wichtige Musikträger in den Fokus. Franz Metz stellt fest: „Die Zigeunerkapellen waren aus den historischen Kulturräumen Südosteuropas im 19. Jahrhundert nicht wegzudenken. Sie waren nicht nur fester Bestandteil der musikalischen Unterhaltung in Gasträumen, sondern wurden von vielen Gutsherren als privates Orchester eingesetzt. Ungarische Magnaten, Grafen und Barone im Banat oder in Siebenbürgen wie auch rumänische Gutsbesitzer, Bojaren und Würdenträger aus Politik und Gesellschaft unterhielten ebenfalls solche Zigeunerkapellen in der Walachei und in der Moldau.“ (S. 304 f.)

Nun, an der Rolle der Roma als Lautaren hat sich seither wenig geändert, wobei die Roma vor gut zehn Jahren auch in den berühmt-berüchtigten „Manele“ mit orientalischem Einschlag einen eigenen Musikstil geprägt haben. Immer wieder wird in den Beiträgen, die auf Rumänisch, Deutsch oder Englisch verfasst sind, deutlich, wie sehr traditionelle Instrumente, Motive und Volksweisen die Folklore des Landes bis in die heutige Gegenwart prägen.

Der Band widmet sich auch Fragen der musikalischen Alltagskultur und bietet volkskundliche Einsichten. Etwa wenn Margaret H. Beissinger die Roma-Musik zu Hochzeiten in Südrumänien vor und nach 1989 thematisiert. Selbst kleine Gruppen wie die Meglenorumänen aus Cerna im Kreis Tulcea oder die Tradition der rumänischen Weihnachtslieder in Vâlcele und Araci im mehrheitlich ungarischen Kreis Covasna finden Berücksichtigung. So werden auch einzelne Dorfmusiker und Tanzgruppen in Wort und Bild vorgestellt.

Immer wieder wird die „konservative“ Rolle der Folklore unter den Bedingungen des radikalen Wandels der politischen, sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufgezeigt. Die Folklore stiftet und bewahrt Identität, wie Constantin Secarş betont (S. 191). Er unterstreicht, dass dies nicht nur für die Rumänen im Szeklerland gilt, dem er sich widmet, sondern für das ganze Land. Herausgeber Thede Kahl und Răzvan Roşu zeigen an Beispielen aus der Region des Motzenlandes (Ţara Moţilor) im Westen Siebenbürgens auf, wie die berühmten rumänischen Weihnachtsweisen der „Colinde“ auch bereits vorchristliche Motive aufgreifen und diese in die christliche Singpraxis inkulturieren.

Einen spannenden Vergleich von Liebesausdrücken in rumänischen und deutschen Volksliedern präsentiert Ileana Cornescu. Sie trifft dabei auch die wichtige prinzipielle Feststellung: „Der deutsche Begriff Volkslied ist umfassender und auch umstrittener als seine rumänische Entsprechung cântec popular. Während in Rumänien grundsätzlich die Lieder traditionellen bäuerlichen Ursprungs und die Lieder, die von lăutari vorgetragen wurden, als Volkslieder gelten, enthalten deutsche Volksliedsammlungen auch Lieder, die von gelehrten Komponisten und bekannten Dichtern verfasst wurden. Diese Lieder entwickelten sich durch Verbreitung und Bekanntheitsgrad später zu Volksliedern. Allerdings hatte die Volkskultur in Rumänien aufgrund der späten Entstehung einer urbanen Gesellschaft eine andere Stellung als in Deutschland.“ (S. 263)

Sie erfasst in ihrem Vergleich durchaus Unterschiede. Geht es in den Liebesausdrücken der deutschen Volkslieder um das Versprechen ewiger Liebe und Treue, so handeln die rumänischen Lieder immer wieder vom Gefühl der Sehnsucht (dor) und von sogar ins Physische übergehendem Liebesschmerz: „In vielen rumänischen Volksliedern beschreibt der Mann seinen Zustand als Krankheit und jammert, um bei der Frau Mitleid zu schinden und sie so zu erobern. (…) Die Frau empfindet es als Kompliment, den Mann zu verwirren und ihn in Schwierigkeiten bringen zu können, um ihn anschließend wieder zu ‚heilen‘.“ (S. 270)

Großen Persönlichkeiten widmen sich die Beiträge über Franz Liszt und seine Konzerte zwischen 1846 und 1847 auf dem Gebiet des heutigen Rumänien (Franz Metz), den ungarischen Musiker und Sammler Béla Bartók (Christine Papp), und den Politiker, Musikwissenschaftler und Universalgelehrten Dimitrie Cantemir mit seinem kaum bekannten „Buch der Musikwissenschaft“, das sogar im Osmanischen Reich Beachtung fand (Rainer Redl). Liszt fasste seine Eindrücke 1859 in dem Buch „Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn“ zusammen, wobei er die Prägungen und Hintergründe weniger präzise erfasste als Béla Bartók. Einerseits wird deutlich, wie enthusiastisch Liszt aufgenommen wurde bis hin zur Freude über dessen Trinkfestigkeit, andererseits welchen Anfeindungen Bartók unter Ungarn ausgesetzt war, weil er seine Sammlung rumänischer Lieder 1924 von der rumänischen Regierung herausgeben ließ.

Mit den Beiträgen von Haiganuş Preda-Schimek und Christine Stieger über die weithin vergessene deutsche Musikerfamilie Wachmann im Bukarest des 19. Jahrhunderts und den langjährigen evangelischen Hermannstädter Stadtkantor Franz Xaver Dressler (1898-1981), der mit dem Brukenthal-Chor und dem Bach-Chor zwei berühmte Chöre der Stadt gegründet hat, kommen auch deutsche Musikgrößen zur Sprache.

Der Regensburger Historiker Peter Mario Kreuter bietet mit „Prolegomena einer vergleichenden Kulturgeschichte der südosteuropäischen Nationalhymnen mit besonderem Fokus auf Rumänien“, das mit sechs Hymnen seit der Staatsgründung 1859 den Weltrekord an Nationalhymnen hält, einen vergnüglich zu lesenden Beitrag. Er legt als künftige Forschungsfragen im Ländervergleich nahe, wie Motive und ganze Melodien wandern, wie die Hymnen Anknüpfungspunkte an das literarische und musikalische Leben ihrer Zeit bieten, welche Rolle der Kontext der Anlässe und die inhaltliche Übernahme von Interessen spielt oder welche Bedeutung „Nebenhymnen“ zukommt.

Der höchst verdienstvolle, vielfältige wie spannende Band antwortet auf ein Desiderat und schließt in seiner konzentrierten Sammlung von Themen und Beiträgen eine Lücke in Forschung und Darstellung, bietet er doch erstmals einen so breit angelegten Einblick in die rumänische Musikwelt.

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