Von Leipzig lernen heißt siegen lernen?

AHK-Tagung zur Entwicklung moderner Städte – Bleibt es nur bei Konzepten?

Dienstag, 04. April 2017

„Bukarest nutzt seine Position noch nicht gut genug“, gibt der Architekt Dorin Ştefan zu bedenken.
Foto: Philipp Hochbaum

Gabriela Firea reagierte im September 2016 prompt und ungehalten: „Offensichtlich will die Europäische Union benachteiligte Regionen fördern, damit sie ihren Weg in den europäischen Kulturkreis finden. Bewerbungen kleinerer Städte, die nicht über Infrastrukturvorteile wie Bukarest verfügen, werden also klar bevorzugt.“ Doch was hatte die Oberbürgermeisterin der Hauptstadt derart verärgert? Zuvor war Temeswar/Timişoara zur Europäischen Kulturhauptstadt 2021 gekürt worden – neben anderen Städten hatte auch Bukarest das Nachsehen. Ist dessen Infrastruktur aber wirklich so vorteilhaft? Der Bukarester selbst weiß dies wohl am besten: Erwischt er nach langem Warten einen Bus, spürt er in ihm die wahre Nähe seiner Mitbürger. Auf der Suche nach einem Parkplatz lernt er die entlegensten Nebenstraßen der Stadt kennen, und die Fahrt mit der Straßenbahn lässt Kindheitserinnerungen an die Achterbahn wach werden. Erst die Fahrt mit der U-Bahn katapultiert ihn in die Realität einer europäischen Hauptstadt.
Wie können nun Anspruch und Wirklichkeit in Einklang gebracht und aus Bukarest eine lebenswerte Stadt werden? Im Bukarester Hotel Marriott versuchte am vergangenen Dienstag die von der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer (AHK) organisierte Tagung „Cities of Tomorrow“ auch in diesem Jahr, darauf eine mögliche Antwort zu finden.

AHK-Präsident Dragoş Anastasiu sieht Nachholbedarf bei einer durchdachten Stadtplanung: Rumänien und seine Städte hätten besonders in den vergangenen 15 Jahren ein beeindruckendes Wachstum verzeichnet – allerdings situationsabhängig und damit größtenteils ungeplant. Cord Meier-Klodt, seit Januar neuer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Rumänien, mahnte in einer Eingangserklärung an: „Unsere rumänischen Partner müssen wissen, wo sie in einigen Jahren sein möchten.“  Ein Blick über den geographischen Tellerrand liefert ein Beispiel für eine umfassende, langfristige Stadtplanung: Dorothee Dubrau, für Bau- und Infrastrukturplanung zuständige Leipziger Vizebürgermeisterin, lieferte ein Paradebeispiel gelungener Stadtentwicklung. Das über Jahrhunderte gewachsene, im Zweiten Weltkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogene und zu DDR-Zeiten nur unzureichend instand gesetzte Handelszentrum war 1989 in großen Teilen abbruchreif. Heute ist Leipzig eine florierende Großstadt: Geburtenzuwachs, Industrieansiedlungen und begrünte Tagebaulandschaften in Stadtnähe machen sie zu einem Anziehungspunkt. Wie ist das gelungen? Eine umfassende, langfristige Stadtplanung und Großinvestitionen in einen neuen Messestandort, Kultur und Tourismus, Sport und Infrastruktur sorgten für einen beispielhaften Aufschwung, der auch Investoren neugierig machte. Dubrau: „Wir arbeiten so eng wie möglich mit unseren Bürgern zusammen.“ Mittelfristig werden steigende Mieten den Genuss all dieser Vorteile jedoch erschweren, gibt Dubrau zu. Dennoch lobt sie Leipzig als Beispiel für eine „kompakte, europäische Stadt“ - dank politischer Kontinuität, Geld und Kompetenz.

Peter Zlonicky, Vorsitzender des Münchener Büros für Stadtplanung und -forschung, führt einen weiteren Wachstumsfaktor an: „Jede europäische Stadt lebt mit und durch Einwanderung.“ Die befürchtete Wohnungsnot durch Flüchtlinge sei schlicht-weg absurd, da die Kommunen umfassend in den Wohnungsbau investieren. „Gerade heute ist das Bauen von Mauern zur Abgrenzung die falscheste aller Herangehensweisen.“  Doch woran hakt es nun in Bukarest? „Wir haben eine hervorragende geographische Position, die wir einfach nicht gut nutzen“, bedauert der Architekt Dorin Ştefan. Die rumänische Hauptstadt sei größer als Sofia, während sich Belgrad und Kiew mit schweren politischen Problemen auseinandersetzen müssten. Bukarest sei jedoch unvorbereitet in und durch die Nachwendezeit getrudelt – mit Konsequenzen bis heute. Unternehmen hätten sich auf Eigeninitiative dort angesiedelt, wo dies von vornherein noch am besten möglich gewesen sei. In der Tat: Fast jeder Arbeitnehmer im Bukarester Norden kann sich dort gleich zweimal täglich von der rückständigen, überlasteten Verkehrsanbindung überzeugen. Ştefans Lösung: „Wir brauchen eine anständige Nord-Süd-Verbindung.“ Eine bessere Verbindung der Geschäftsviertel im Norden mit den Wohnvierteln im Süden könne dem Verkehrskollaps endlich ein Ende bereiten. Zwar gebe es bereits einen urbanen Entwicklungsplan, doch dessen Umsetzung leide unter massiven Verzögerungen.

Steht Bukarest also am Anfang einer Abwärtsspirale? Noch ist es nicht zu spät, glaubt Dan Pascariu. Der Immobilienexperte fordert, appelliert an die Kreativität und Vielseitigkeit seiner Bewohner. Zudem könne die Stadtverwaltung „ihre“ Stadt nicht nur durch ihre Grenzen definieren. Eine Hauptstadt bedeute auch Region, Land und Europa. Allerdings sei eine Zukunftsvision vonnöten: „Unattraktive Städte verlieren langfristig ihre Einwohner, und Leerstand verschreckt neue Investoren.“ Mit Ideen, Konzepten und Plänen ist es jedoch wie im wahren Leben: Beim Geld hört der Spaß auf. Verschwinden sie daher zwangsläufig in den dunklen Schubladen eines Rathauszimmers? Nicht unbedingt, meint Ioana Gheorghiade, Direktorin der BCR-Bank. Öffentliche Stellen können mit privaten Partnern viel erreichen. Bewährt habe sich dies bereits im Arbeitssektor, etwa im Bereich der dualen Berufsausbildung. In Kronstadt/Braşov erwäge man nun den Bau eines modernen Kreiskrankenhauses gemeinsam mit der Privatwirtschaft - dies könne der erste Neubau eines Krankenhauses in ganz Rumänien seit 1990 sein.

Hermannstadt/Sibiu schlug einen anderen Weg ein und setzte ganz auf Europa. 2007 wurde es als europäische Kulturhauptstadt europaweit bekannt. Bürgermeisterin Astrid Fodor: „Die Vorteile sind noch immer messbar.“ So sei die Lokalverwaltung dank ihrer Modernisierung effizienter als zuvor, und die Kultur erlebe bis heute einen rasanten Aufschwung. „2006 haben wir hierfür 2,5 Millionen Euro ausgegeben – für 2017 wurden dagegen 11 Millionen Euro veranschlagt.“ Die Stadt sei nach außen sichtbar geworden; ihr positives Image und Investitionen in die Infrastruktur hätten wiederum Unternehmen angezogen. „Investoren haben Vertrauen in den Standort Hermannstadt“, ist sich Fodor sicher. Außerdem profitiere die Stadt bis heute vom Tourismus – dies sei auch dem Titel als Kulturhauptstadt zu verdanken. Nun tritt also Temeswar in die Fußstapfen Hermannstadts – für Bukarest ist dieser Zug dagegen abgefahren. Fireas Ärger über die verpatzte Qualifikation Bukarests als Kulturhauptstadt dürfte nach einem halben Jahr verraucht sein. Für die Hauptstädter heißt es wieder und wie immer: Warten. Dieses Mal aber nicht wie gewohnt auf den Bus, auf die betagte Straßenbahn oder im Dauerstau. Stattdessen darf man auf langfristige, seriöse Konzepte zur Stadtentwicklung gespannt sein – auch ohne den Titel als Kulturhauptstadt.

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