Von Menschen und Steinen

Am Rand einer Dokumentationsreise ins Repser Ländchen notiert

Freitag, 22. Mai 2015

Die Mitglieder des Kronstädter Bezirkskonsistoriums in Deutsch-Weißkirch

Innenansicht der evangelischen Kirche in Streitfort

Am zweiten Maiwochenende dieses Jahres (8.-10. Mai) haben sich die Konsistoriumsmitglieder  des Bezirks Kronstadt der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien – Dechant und Bischofsvikar Dr. Daniel Zikeli, Dechantstellvertreter Pfarrer Andreas Hartig, Bezirkskirchenkurator Ortwin Hellmann, Karl Hellwig, Klaus Seiferth, Peter Foof und meine Wenigkeit – auf den Weg ins Repser Ländchen gemacht, um sich über den tatsächlichen Stand der Dinge dort ein Bild machen zu können.

Das Hauptquartier wurde am Freitagabend in dem von der Michael-Schmidt-Stiftung zum schmucken Gästehaus „Kraus“ hergerichteten ehemaligen Pfarrhaus in Deutsch-Kreuz bezogen, von wo aus am Samstag bzw. Sonntag einige Gemeinden mit ihren noch vorhandenen Kirchenburgen, Friedhöfen und Pfarrhäusern besucht und näher in Augenschein genommen werden konnten. Insgesamt wurden zwölf Gemeinden besucht, und zwar Deutsch Kreuz/Criţ, Meschendorf/Meşendorf, Radeln/Roadeş, Bodendorf/Buneşti, Deutsch-Weißkirch/Viscri, Leblang/Lovnic, Seiburg/Jibert und Schweischer/Fişer am Samstag (9. Mai) und Reps/Rupea, Streitfort/Mercheaşa, Katzendorf/Caţa und Hamruden/Homorod am Sonntag (10. Mai). In allen Ortschaften gab es einen überaus freundlichen Empfang.

Nach Ablauf beinahe eines ganzen Jahres ihres gegenwärtigen Mandats war es den Mitgliedern des Kronstädter Bezirkskonsistoriums ein Herzensanliegen, sich vor Ort ein Bild zu machen vom realen Zustand der Kirchenburgen, Pfarrhäuser und Friedhöfe, über deren Geschick man am Arbeitstisch oft unter großem Zeitdruck und nur aufgrund von mehr oder weniger sachlich abgefassten Unterlagen zu entscheiden hat. Die zwei Tage bescherten einem ebenso intensive wie zwiespältige Eindrücke: Zunächst fiel sofort auf, dass mehr als nur Traditionsbewusstsein, guter Wille und individuelle Initiative notwendig sind, um das Vorhandene oder, besser gesagt, das Zurückgelassene zum Nutzen einer Gemeinschaft, die in den meisten Orten längst ihre Seele ausgehaucht hat, aufrechtzuerhalten. Es bedarf zum einen finanzieller Mittel, die die Möglichkeiten der Landeskirche und der einzelnen Kirchenbezirke bei Weitem überschreiten; zum andern bedarf es einer Sensibilisierung der rumänischen und der internationalen Öffentlichkeit dem siebenbürgisch-sächsischen Kulturgut gegenüber.

Präsentieren sich die Kirchenburgen in Deutsch-Kreuz, Meschendorf, Bodendorf, Katzendorf und Hamruden in einem guten Zustand, und zwar aufgrund von Renovierungsmaßnahmen, für die EU-Mittel bzw. Mittel der entsprechenden HOGs zur Verfügung gestanden haben, weisen vor allem jene in Radeln und Streitfort gravierende Verfallserscheinung auf, die bereits die Grundsubstanz der Bauten betreffen und dieser große Schäden verursacht haben. Hinzu kommt, dass in diesen Gemeinden kaum noch evangelische Gläubige anzutreffen sind und die Menschen, die sich vor Ort für die Belange der Kirchenburgen und Pfarrhäuser einsetzen, den Problemen nicht gewachsen sind.

Der Star unter den Kirchenburgen bleibt jene in Deutsch-Weißkirch: Am Samstag um die Mittagszeit herrscht in der Gemeinde Hochbetrieb, zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland lassen sich wie gekrönte Häupter von den einheimischen Fuhrleuten über die holprigen Straßen kutschieren, sie steigen zur Burg hinauf , besuchen Kirche und Museum und lassen sich anschließend im Burg-Café bewirten. In Deutsch-Weißkirch hat man es mittlerweile gelernt, wie man sich zu vermarkten hat. Ein Glücksfall der Nachwendezeit, der allerdings den anderen umliegenden Kirchenburgen und -gemeinden sozusagen das Wasser abgräbt.

Erbaulich für die Seele ist der Gottesdienst im Gemeinderaum in Reps: Dechant Dr. Daniel Zikeli feiert mit der Gemeinde und deren Gäste den Gottesdienst zum Sonntag Rogate, der zugleich als Muttertag begangen wird. Im Anschluss daran findet ein Gespräch zwischen den Mitgliedern des Kronstädter Bezirkskonsistoriums und den geladenen Kuratoren bzw. Ansprechpersonen der Gemeinden Reps, Schweischer, Streitfort, Stein und Draas statt. Spätestens jetzt wird einem klar: Hier geht es nicht mehr nur um den Erhalt von Gebäuden und Steinen, sondern es geht um die Nöte, Sorgen und Ängste der wenigen verbliebenen Gemeindeglieder.
Man ist sich bei der Ankunft in Kronstadt einig, dass man, an den Arbeitstisch zurückgekehrt, anhand der gewonnenen Einsichten ganz neue Prioritäten setzen muss, um den vielfachen Problemen des Repser Ländchens und darüber hinaus des ganzen Kronstädter Kirchenbezirks gerecht werden zu können.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 27.05 2015, 08:51
Die ev. Kirche A.B. in ihrer Rolle als Verwalter des Vermögens der Kirchengemeinden hat versäumt, nach 1992, als die letzten Sachsenmassen fluchtartig die Gemeinden verliessen,das Notwendige zu tun. Bis heute schläft sie.
Aktuell stehen wir nun vor verfallenden, leeren Kirchenburgen, Pfarrhäuser und sonstige Immobilien und sächsischen Kulturgütern.

Nun ist es schon sehr spät. Doch es ist nie zu spät, solange was dasteht.
Um die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.
Damit das einzigartige Kulturgut für Rumänien- die Kirchenburgen und Dörfer der Sachsen- gesichert und bewahrt werden.
Bisher geschah das mehr punktuell und mit wenig Elan.
Wenn, dann wurden meist Geschäfte aus der Renovierung gemacht: Dächer mit schlechten neuen Ziegeln gedeckt, mit Zementputz renoviert... gute alte Ziegel zerstört, usw.
Zum Nutzen von irgendwelchen Firmen.
Dem Ruf der Kirche abträglich, die sich nicht um Aufklärung und Transparenz in die Öffentlichkeit hin bemüht bisher.

Es wäre höchste Zeit, daß auch der Staat Rumänien, sowie alle europäischen Staaten mehr für das sächsischen Kulturerbe tun.
Und das Kultusministerium zumindest seiner Kontrollfunktion Genüge tut.

Und es wäre auch an der Zeit, daß Bischof, Kirchen"manager" und auch Pfarrer, anstatt die Verantwortung auf die "fehlenden Menschen und Ausgewanderten" zu verschieben, selbst ihrer Verantwortung gerecht werden.
Auch wenn sie nur noch wenige sind, wie sie nie aufhören zu betonen.

Der Bericht erweckt den Eindruck, daß es nun schon von allen Kirchenverantwortlichen akzeptiert ist, dieses unabwendbare Schicksal des Verschwindens und Zerstörens des sächsischen Kulturgutes.

Sehr befremdlich ist, daß nun die Kirchenentscheider quasi Hand in Hand immer mehr mit Unternehmern zusammenarbeiten.
Deren Reputation in der Öffentlichkeit umstritten, wenn nicht schon angeschlagen ist.
Die Kirchenoberen sollten sich nicht mit weiterhin " Unternehmern" unter eine Decke begeben.
Sondern mehr auf ihren Ruf achten.
Ansonsten werden sie als diejenigen in die Geschichte eingehen, die dem Kulturerbe der Sachsen den Todesstoß mitversetzt haben.

Deutsch-Weißkirch gräbt nicht den anderen Kirchenburgen das Wasser ab, sondern ist ein Beispiel, von dem die anderen lernen können- falls sie wollen.
An Deutsch-Weißkirch hat sich bestätigt, daß es wesentlich ist, daß vor Ort -lokal- die richtigen Menschen sein müssen, die sich kümmern und handeln.

Da muß die Kirche ansetzen: vor Ort, falls die Menschen fehlen, die richtigen Menschen hinbringen (falls es im Dorf keine mehr gibt) die sich um Kirchenburg und das Kulturgut kümmern und dort was tun wollen.
Bisher hat die Kirche - außer daß sie meist mit Unternehmern, die schnelles Geld gemacht haben anderswo- wenige bis keine richtigen und handelnde Menschen zu den verfallenden Kirchenburgen hingebracht.
So sind nach 1990 im "freien" Rumänien, also in einer Zeit, wo gegenüber dem unfreien Ceausescu-Ära alle Möglichkeiten da war, von der Kirche die Möglichkeiten meist versäumt worden, das Notwendige zu tun. Das Ergebnis ist erscheckend, traurig, beschämend. Doch niemand schämt sich.

Ein positives Beispiel ist auch Apold.

Die Kirche sollte mehr positive Beispiele öffentlich bekanntmachen-- die Leute aus den Dörfern, wann haben die sich mal ausgetauscht und gemeinsam getroffen um voneinander zu lernen und sich zu helfen???

Es reicht nie und nimmer, daß Pfarrer sich in der Schmidt-Stiftung treffen. Das ist das falsche Signal, das keine Hoffnung macht.

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