Von Ost nach West

Dienstag, 28. Februar 2012

Bild: sxc.hu

Als ich in den 70ern in Temeswar lebte, träumte ich oft von einer Reise nach Budapest. Obwohl Budapest noch nicht einmal 300 Kilometer von Temeswar entfernt lag, war diese Stadt für mich schlicht unerreichbar. Man konnte nicht einfach so ein Touristenvisum für Ungarn bekommen! Ungarn war zwar das sozialistische Bruderland Rumäniens, aber es hatte in den Augen der damaligen rumänischen Regierung einen kleinen Schönheitsfehler: Es lag leider westlich von Rumänien und grenzte an Österreich. Nun ja, und Österreich grenzte wiederum an die Schweiz, an Italien und Westdeutschland, also wer beide Füße nach Budapest setzte, befand sich praktisch bereits mit einem Fuß im Westen, beim Klassenfeind. Daher durfte man Budapest nicht einfach mal so besuchen, aus Jux und Dollerei, es sei denn, der kommunistische Staat war mit diesem verdächtigen Unterfangen einverstanden, was bei mir leider nicht der Fall war. Also blieb ich zu Hause, und schimpfte gegen all die Idioten, die das Sagen hatten, aber natürlich im Flüsterton. Ich hätte wohl auch ein Touristenvisum für die Sowjetunion beantragen können, aber dieses Bruderland interessierte mich kaum, denn es lag ja sogar noch östlicher als die Walachei.

Nun ja, es kommt immer auf die Perspektive an. Für die Sowjets war ich wiederum ein Wessi, wie die Ungarn und die Ostdeutschen für mich Wessis waren, und die Westdeutschen sowieso.
Die Ukrainer, die Weißrussen und die Russen kamen genau so gerne nach Rumänien, wie ich nach Ungarn gefahren wäre. In Rumänien kauften sie dann Salami, Geschirr, Getränke, allerhand verrosteten Kram und alte und neue Kleidung, die ich nie und nimmer angezogen hätte. Ich trug mit Vorliebe im Handel nicht vorhandene Anziehsachen, beispielsweise weite Schlaghosen, wie die beneidenswerten Hippies im Westen, geschneidert von meiner Tante, nach dem Quelle-Katalog.

Man tat sein Bestes, um mit dem Westen Schritt zu halten. So hatte ich zum Beispiel einen Kommilitonen namens Stefan auf der Uni, er rauchte sogar westliche Zigaretten, Marke Kent. Die Kent-Zigaretten waren sündhaft teuer und nur unter der Hand erhältlich. Sie kamen aus den USA und wurden in Rumänien regelrecht verehrt, denn das Land der Freien und Glücklichen lag ja noch westlicher als Westdeutschland. Sie waren sozusagen eine Art Ticket ins Paradies, denn wer Kent rauchte, der befand sich ja schon in den USA, zumindest mit der Nasenspitze, bzw. mit dem gesamten Atemsystem.

Ich konnte mir damals zwar keine Kent-Zigaretten leisten, aber, wie gesagt, mein Kommilitone Stefan schon. Sein Vater war Arzt im örtlichen Krankenhaus und bekam immer wieder ein Päckchen Kent von seinen Patienten zugesteckt, damit er bei der Operation gut aufpasste und ihnen nicht vielleicht ein gesundes Glied amputierte. Er hatte inzwischen einen riesigen Berg von Kent-Päckchen angesammelt, und es fiel ihm nicht auf, wenn sein Amerika liebender Sohn mal ein Päckchen davon mitgehen ließ. Und so rauchte Stefan des Öfteren Kent-Zigaretten, und ich stellte mich dann neben ihn und atmete den betörenden Duft des Westens tief ein, zum Nulltarif, und es war mir dann so, als befände ich mich plötzlich in Amerika, so lange, bis die Zigarette verglimmt war.

Alle schauten damals nach Westen, und man tut es in Rumänien auch heute noch. Niemand im Osten nimmt sich gerne als Ostler wahr, der Osten wird im Allgemeinen mit Rückstand, Armut und Korruption assoziiert. Und mit Dingen wie Korruption möchte man bekanntlich nichts zu tun haben, vor allem dann nicht, wenn man sie selbst praktiziert.
Die Westler andererseits halten sich für besonders fortschrittlich und sehen schon mal gerne auf die Ostler herab, nicht nur in Deutschland. Die Wessis Rumäniens, die Banater, sehen gerne auf die Ossis Rumäniens in der Walachei herab, die ihrerseits auf die noch östlicheren Moldauer herabsehen. Man darf freilich auch zueinander aufsehen, aber dann bitte nur in umgekehrter Reihenfolge.

Für Deutschland wiederum sind der Osten und der Westen Rumäniens eins und dasselbe, man macht da keine Unterschiede. Mir ist das praktisch egal, obwohl ich es für geschmacklos halte, das östliche, rückständige Bukarest mit meiner westlichen, fortschrittlichen Heimatstadt Reschitza gleichzusetzen.
Im Grunde wird hier im Westen das gesamte Osteuropa in einen Topf geworfen, man unterscheidet oft ganze östliche Länder nicht voneinander und stellt die Realität auf den Kopf. Die slowakische Post zum Beispiel muss jährlich über 600 Kilogramm Briefe in den Westen zurückschicken, weil diese in Wirklichkeit für Slowenien gedacht waren und umgekehrt. Tja, die Postboten im Osten haben es wirklich nicht leicht! Sie müssen nicht bloß gegen die bellenden Hunde kämpfen, sondern auch gegen die beißende Ignoranz.

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