Von Siebenbürgen nach Berlin

„Mädel aus dem Kokeltal“ – Vom Siegeszug und dem Vergessen eines Meisterwerks von Richard Oschanitzky (II)

Samstag, 05. April 2014

Entwurf von Gustav Binder zum Bühnenbild der Operette „Mädel aus dem Kokeltal“

Lisa Lesco als Susi (1938)

Kurz zum Inhalt der Operette: In Kokelburg lebt der junge Musiker Peter, dem die lieben Verwandten allerlei Schwierigkeiten bereiten. Man will ihn reich verheiraten und ihn in einen bürgerlichen Beruf hineinzwängen, weil Musik ja eine brotlose Kunst sei. Peter liebt aber Susi, ein armes Mädchen, das im Hause seiner Mutter wohnt. Da kommt die junge Malerin Thea, die als Ferienkind aus Deutschland einen Sommer lang in Kokelburg verbrachte, auf einer Studienreise durch Siebenbürgen, um ihren Jugendfreund Peter wieder aufzusuchen. Kurz entschlossen folgt Peter der Einladung ihres Begleiters, des Grafen Benno von Treuenbrietzen, nach Berlin, um sich dort weiterzubilden. Der erste Akt endet mit einer bunten Szene vor dem Gasthaus mit der aufmarschierenden Blaskapelle, dem Gesangverein, zahlreichen bunten sächsischen Trachten – alles vor der Kulisse eines typischen siebenbürgischen Kleinstadtbildes der Zwischenkriegszeit.

Der zweite Akt spielt in Berlin, wo Peter reiche Erfolge zuteil werden. Es findet ein üppiges Fest im Hause des Grafen Benno in Berlin statt, dabei wird auch Wein aus der Heimat Peters eingeschenkt, also echter Kokeltaler. Hier pulsiert der eigentliche Geist der Operette, mit Trinkliedern, Chören und Tänzen. Susi erscheint überraschend mit Stepanek in Berlin, um Peter zu besuchen, und musste feststellen, dass Thea sich in ihn verliebt hat. Sie reist sofort zurück nach Siebenbürgen, kann aber Peter nicht vergessen. Nachdem die zahlreichen Verwirrungen und Missverständnisse geklärt wurden, findet zum krönenden Schluss eine dreifache Hochzeit im siebenbürgischen Steindorf statt und das Hauptthema „Mädel aus dem Kokeltal“ erklingt diesmal vom Chor und dem ganzen Solistenensemble gesungen.

Im Laufe der Handlung treten verschiedene Nebengestalten auf, schnurrige Käuze und lustige Figuren, so z. B. Professor Brenner, der dem Grafen die Stadt zeigt und diesem einiges aus der Geschichte Siebenbürgens erzählt. Auch Stepanek, ein ehemaliger Flötist der Stadtkapelle und Onkel Susis, tritt auf, der mit seinem böhmischen Akzent und seiner Originalität (Ein Ereignis steht bevor…) das Publikum zum Lachen bringt. Nacheinander folgen wohl durchdacht Prosatext, Dialog, besinnliche Lieder, lustige Szenen, komische Gestalten und effektvolle Orchester- und Choreinlagen.

Dichtung und Wahrheit

Das Libretto wurde geschickt mit solchen Themen durchwirkt, die auch in älteren und bedeutenderen Operetten vorkommen. So bietet z. B. der Antiquitätenhändler den „Originalturban des Sultans Soliman“ an, im „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß war es der letzte Pascha von Temeswar. Stepanek, der ehemalige Flötist der Stadtkapelle, gleicht mit seinen Buffo-Auftritten dem Schweinehändler aus der gleichen Operette. Professor Brenner erzählt Graf Benno Einzelheiten zur Stadtgeschichte, über die Rolle der Wehrtürme in siebenbürgischen Städten, über die halb eingemauerte Kanonenkugel von der türkischen Belagerung und an  einer anderen Stelle werden die typischen siebenbürgischen handbemalten Teller und Krüge vorgestellt.

Die Orte der Handlung könnten auch ins Banat oder anderswohin verlegt werden. Dem Dirigenten Pe-ter Oschanitzky nach, war ursprünglich Wien als Ort der Handlung im zweiten Akt vorgesehen. Und auf einem anderen Programm wird nur Siebenbürgen als Handlungsort genannt.Mit seiner Operette hat Richard Oschanitzky jedenfalls dem siebenbürgischen Kokeltal ein bleibendes Denkmal gesetzt. Auch der für diese Gegend typische Wein des Kokeltals kommt beim Berliner Fest zur Geltung. Thea aus Berlin ist eines der ehemaligen „Ferienkinder“, wie sie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg im Banat und in Siebenbürgen in vielen Sommermonaten anzutreffen waren.

Sie kamen in Scharen aus dem Deutschen Reich in diese deutschsprachigen Gegenden Rumäniens, wo sie bei Gastfamilien Erholung fanden. Und als Thea sich zurückerinnert an ihren ersten Besuch in Siebenbürgen, erklingt im Hintergrund das vom Chor gesungene Volkslied „Af deser Ierd“, das bis heute fast jeder Siebenbürger Sachse kennt. Oschanitzky sagte darüber: „Ich habe nur ein originalsiebenbürgisches Volkslied verwendet und zwar ‘Af deser Jerd do äs en Land’. Die musikalische Grundlage der Sachsen ist der Choral. Unsere ganze innere musikalische Einstellung geht von ihm aus, ebenso wie unser Leben sich auf die Kirche stützt und so habe ich viele Chöre aus dieser Stimmung heraus für mein ‘Mädel aus dem Kokeltal’ geschrieben…“ Dieses Lied ist eigentlich eine volkstümliche Komposition von Hermann Kirchner und wurde von Arthur Stubbe für eine Singstimme und Klavier bearbeitet.

Begeisterte Ovationen und Lorbeerkränze

Das „Siebenbürgisch Deutsche Tageblatt“, die „Deutsche Tageszeitung“ und das Blatt „Süd-Ost“ wetteiferten im Januar 1938 mit den Nachrichten um die Erfolge Oschanitzkys und der Deutschen Landesbühne mit der Operette „Mädel aus dem Kokeltal“. Schon wenige Minuten nach der Premiere vom 21. Januar 1938 verfasste der Chronist seine Zeilen: „… Für heute sei nur so viel verraten, dass der Komponist und die Mitwirkenden Gegenstand begeisterter Ovationen waren, dass dem Komponisten zwei Lorbeerkränze, eine silberne Lyra und mehrere andere Spenden überreicht wurden. Fast sämtliche Nummern der überreichen Partitur gelangten zur Wiederholung.“

Nach einer weiteren Aufführung berichtete die Zeitung, dass die vielen in Doppelreihen Wartenden vor der Theaterkasse ohne Eintrittskarten abziehen mussten, da der Saal „polizeiwidrig voll“ war. Selbst Stehplätze waren keine mehr vorhanden. Nach jedem Aktschluss wurde Richard Oschanitzky auf die Bühne gerufen, der Vorhang hob sich unzählige Male und es gab sogar Beifall bei offener Szene. Zu den Darstellern zählten Marianne Vincent, Hans Markus, Ella Nikolaus, Ottmar Strasser, Lisa Lesco, Egon Bock, Grete Gregor, Fritz Schadt, die Spielleitung hatte Egon Bock, das Bühnenbild besorgte Gustav Binder. Einen besonderen Erfolg hatte Ottmar Strasser, der den lustigen Stadtmusikus Stepanek spielte.

Bereits nach nur drei Monaten fand in Hermannstadt bereits die 25. Vorstellung dieser Operette statt. Diesmal kündigte die deutsche Zeitung diese Operette unter dem Titel „Mädel aus dem Târnavatal“ an. Der Grund ist in der damaligen rumänischen Gesetzgebung zu finden, wonach man Ortsnamen in den deutschsprachigen Zeitungen des Landes in der Landessprache angeben musste.

Schon in den ersten Chroniken die im Frühjahr 1938 erschienen sind, wurde über die Vorbereitung einer „endgültigen Fassung“ dieser Operette für die bevorstehende Tournee geschrieben. Diese Tournee ließ nicht lange auf sich warten und bereits ein Jahr später kam es dazu.

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