Von Silistra ins Delta (II)

Aufzeichnungen von einer Radtour an der Unteren Donau

Sonntag, 30. September 2012

Pelikane, faszinierend schön und tief gehasst von den Fischern

Die Lotca, das Hauptverkehrsmittel im Donaudelta

Die Fohlen der Wildpferde (bzw. seit Generationen verwilderte Pferde) des Donaudeltas betrachten uns mit zutraulicher Neugier.
Fotos: die vier Grazer Naturfreunde und Claudiu Patt

Im vergangenen Sommer machten vier Schulfreunde aus Graz – Markus Scheucher, Rudolf Kogler, Johann Stritzelberger und Johann Pirmayer – Jahrgang 1950, mit dem Fahrrad eine Reise donauabwärts. Markus Scheucher, der für die Radler den Begleitwagen fuhr und die Reisechronik führte, studierte Betriebs- und Volkswirtschaft an der Universität Graz und unterrichtete bis zu seiner Pensionierung an einem Wirtschaftsgymnasium. Viele Jahre war er im Grazer Gemeinderat als engagierter Abgeordneter der Grünen tätig, einer der ersten vier Grünen in Österreich in dieser Position. Seit 2011 fungierte er als Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er überließ den Rumänienteil seiner Reiseaufzeichnungen Werner Kremm zur Bearbeitung und Veröffentlichung in der ADZ.

Dienstag 27. Juni Deltatour Tulcea – Babadag

In Tulcea Informationen für Deltatouren zu bekommen, erweist sich als komplizierter als erwartet. Wir irren hilflos die Promenade entlang und finden keine zentrale Infostelle, die über die verschiedenen Möglichkeiten wie Hausboot, Tagestouren, Vogelbeobachtung, Übernachtung bei Einheimischen usw. Auskunft gibt. Dafür finden wir ein gutes Restaurant mit hervorragendem Essen, aber vielen Gelsen. Die Angst vor den Biestern lässt einige Ideen gleich dahinschmelzen. Zudem stellt sich die Frage, was wir mit unserem Gepäck und dem Auto machen sollen, wenn wir in Sulina nächtigen.

Das Delta ist enorm in seiner Ausdehnung. Die gewaltigen, ständig anschwellenden Wassermassen der Donau versickern hier in Tausenden Verästelungen im Schwarzen Meer. Sie bieten unseren gefiederten Freunden ein sicheres Brut-, Wohn- und Rückzugsgebiet. Rückzugsgebiet war und ist es aber auch für Menschen, etwa die Lipowaner, die den Modernisierungsbestrebungen ihres Zaren Peter I. entkommen wollten und sich hier im Delta ansiedelten, um ihre Form der orthodoxen Religion („Altgläubige Russen“) zu erhalten. Antike Wohn- und Hafenanlagen, die jetzt bis zu 50 Kilometer im Landesinneren liegen, verweisen auf die gewaltigen Erdmassen, welche die Donau aus all den Ländern, die sie durchströmt, hier herschleppt und Jahr für Jahr ablagert.

Nach einiger Sucharbeit meiner Freunde begeben wir uns in die Arme eines jungen Teams vom Hotel Delta und bereuen es keine Sekunde. Das Schiff, mit dem wir ins Delta fahren, ist komfortabel, hat mehrere Decks und Aufenthaltsmöglichkeiten und beherbergt außer einer Gruppe Italiener und einem netten finnischen Paar nur noch uns. Der  Himmel ist schütter bewölkt und die Sonne angenehm warm. Wir machen es uns am Bug des Schiffes bequem, lassen uns den Fahrtwind um die Nase wehen, der lau und streichelnd ist, und spüren: Diese Fahrt wird etwas Besonderes. Vorbei an den Hafenanlagen von Tulcea gleiten wir über den Mittelkanal, hier breiter als die Donau bei Wien, in die unendlich grüne Welt des Deltas.

Die Weiden berühren mit ihren Zweigen da und dort die Wasseroberfläche und die Bäume mit ihren mangrovenartig ausgebildeten Wurzeln bieten den über 30 hier lebenden Fischarten ausreichenden Schutz. Gleich an der Einfahrt zum ersten Flussarm sitzt auf einem halb versunkenen Baumstamm  ein großer schwarzer Vogel, mit weit gespreizten Flügeln, die er von Wind und Sonne trocknen lässt. Ein Kormoran. Ein Bild, wie organisiert vom hiesigen Fremdenverkehrsverein. Da und dort einzelne Angler, die von Booten oder vom Ufer aus ihr Glück versuchen. Behausungen von Lipowanerfamilien. Außer dem leisen Summen des Schiffsmotors hören wir nur den Gesang unterschiedlichster Vogelarten, 300 sagt unser Führer, soll es hier geben. Die Deltawelt bannt den Besucher augenblicklich, wenn er sich darauf einlässt. Schlanke Reiher in ihrem schneeweißen Gefieder steigen da und dort auf oder warten am Ufer auf eine Mahlzeit. Schwarze Kormorane ziehen ihre Kreise und Ibisse beäugen uns. Fern ertönen die Rufe eines Kuckucks.

Da und dort zieht sich das Ufer zurück und gibt den Blick frei auf Teiche und kleine Seen, die über und über mit Seerosen oder Schilf bedeckt sind. Nester mit brütenden Wasservögeln. Durch das Wasser schlängelt sich eine Schlange, die Unruhe unter die brütende Vogelgemeinde bringt und die Idylle stört. Die Luft ist klar und bringt diese unendliche Vielfalt des Grüns in solcher Deutlichkeit vor unsere Augen, dass wir nur staunen und geradezu ergriffen sind von dieser atemberaubenden Kulisse des pflanzlichen und tierischen Lebens.

Dann nehmen wir Aufregung der Passagiere an Bord wahr, wenden unsere Blicke nach oben und sehen sie, die rosaroten Pelikane, hoch oben in der klaren Luft, ein riesiger Schwarm, majestätisch dahingleitend. Ihre Flügel glänzen silbrig im Sonnenlicht und ihr Farbton ändert sich ständig mit dem Einfallswinkel der Sonne. Es ist, als würden sie mit den Sonnenstrahlen spielen und die Sonnenstrahlen mit ihnen.  Es ist, als würden sie sich mit uns Menschen hier unten ihres Lebens freuen und mit der Kraft des Windes, der sie mühelos trägt, zeichnen sie kunst- und geheimnisvolle Figuren in den Himmel, die uns eine Geschichte, ihre Geschichte, erzählen. Wir ankern am Rand eines Seerosensees zum Mittagessen. Es fällt uns schwer, die Bilder, Töne und Gerüche der Flussauen loszulassen und uns unter Deck dem wahrlich guten Mahl mit köstlichen Fischgerichten zuzuwenden. 

Vorbei geht‘s später an üppiger Vegetation in der – außer den Vögeln – noch Tausende andere Arten von Lebewesen sich tummeln, z. B. Wildkatzen, die wir allerdings um diese Tageszeit nicht zu Gesicht bekommen. Der Finne, ein Hobby-Vogelkundler, weiß allerlei Interessantes über die vorbeifliegenden Zeitgenossen zu berichten. Unsere Verwandtschaft mit den uns umgebenden Wesen wird greifbar. Ich höre Ingeborg Bachmann flüstern: „ ...einmal war ich ein Baum und gebunden, dann entschlüpft ich als Vogel und war frei, in einem Graben gefesselt gefunden, entließ mich berstend ein schmutziges Ei ...“ Wir fahren einen großen Bogen durch das Donaudelta und hart an der ukrainischen Staatsgrenze sind wieder unsere Pelikane da. Hunderte von ihnen lagern an einem langgestreckten See und tummeln sich im Wasser. Das Rosa ihres Gefieders hebt sich malerisch vom Grün der Umgebung ab.

Als wir, Stunden später, geradezu trunken vom Blick auf diesen Überschwang des Lebens unseren Ausgangspunkt an der Hafenpromenade Tulcea erreichen, sind wir wohlig müde und sehr zufrieden zu wissen, dass  dieses Paradies seit einiger Zeit unter Naturschutz steht und noch viele  Menschenherzen erfreuen wird. Beim Abendessen ist wieder viel Zeit für Reflexionen über die Eindrücke des heutigen  Tages, vom Deltabesuch bis zum Besuch der  Moschee in Babadag, zwei Kilometer südlich von Tulcea.

Donnerstag 28. Juni  Bootstour Tulcea – Sulina

Vor dem Frühstück gehe ich noch kurz vor die Hoteltüre und blicke auf die erwachenden Straßen. Der einbeinige alte Mann im Rollstuhl ohne Fußstützen ist wieder da, um ein paar Groschen von den vorbeieilenden Passanten zu erhaschen. Der rumänische Alltag holt einen schnell in die beschwerliche Realität des Landes zurück. Im Frühstücksraum finden wir uns in einem Haufen lärmender Halbwüchsiger wieder, die offenbar schulmäßig an einem Projekt arbeiten. Hans erfährt, es handle sich um eine europäische  Initiative zur Völkerverständigung, an der junge Menschen aus Bulgarien, Rumänien, Russland, Moldawien und Mitglieder der Roma-Ethnie teilnehmen. Es geht ja doch etwas! Später ist eine Fahrt nach Sulina, dem letzten, östlichsten Ort des Donaudeltas geplant. Wir wissen noch nicht, wo wir übernachten werden, vertrauen darauf, dass sich alles fügen wird, wie bisher.

Auf einem Passagierlinienschiff, eingekeilt zwischen Hunderten Rumänen, geht‘s nach Sulina. Viele sind offenbar angrenzende Bewohner des Mittelkanals. Riesige Haufen Gepäcks türmen sich an vielen Stellen. Für manche von uns ist jetzt Zeit für ein Nickerchen. Schlaglöcher sind auf dieser Straße wenigstens keine. Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir den 80 Kilometer entfernten Ort am Schwarzen Meer, den östlichsten Punkt Europas, wie wir in einem Reiseführer lesen. Na ja, eine interessante Feststellung. Ich weiß nicht wirklich, wo Europa aufhört. Um welche europäische Grenze geht es, die geografische, die kulturelle, die wirtschaftliche, die politische? Im Hafen von Sulina wartet, wie bestellt, eine Frau und bietet uns für Euro 18.— pro Person Zimmer in ihrer Pension. Wir entscheiden uns rasch und landen einen Volltreffer. Betreiber Adrian erweist sich als Organisationsgenie. Innerhalb von zehn Minuten organisiert er einen Ausflug in einen Bereich des Donaudeltas, wo die einzigen europäischen Wildpferde leben sollen.

Wenige Augenblicke später, gerade eine Pinkelpause, sitzen wir wieder im Boot, jenem von Adrian, und tuckern durch den ersten Donauarm. Wie Pirli zu sagen pflegt: Wir haben nichts zu verschenken, vor allem keine Zeit!
Das geschäftige Treiben der 5000 Einwohner Gemeinde versinkt schnell am Horizont und wieder tauchen wir ein in den Zauber der Donauwelt. Zunächst landen wir in einem kilometerlangen Seerosengarten, die gerade aufblühen und gelb über das Wasser und die grünen Blätter leuchten. Wir können uns das strahlende Blütenmeer, das es hier bald geben wird, gut vorstellen.

Verschiedene Reiherarten geben uns Geleitschutz und nach etwa 20 Kilometern sind wir am Ziel – einer großen, von der Donau in Jahrtausenden geschaffenen Sandinsel mit Wäldern. Wir werden von einem jungen Fahrer mit einem Truck mit offener Ladefläche erwartet, der sofort startet, zwischen ausgedehnten Wiesen und kleinen Feldern. Der Bursche kennt seine Heimat und nach einer holprigen halben Stunde biegt er abrupt vom Feldweg ab, in ein schütter mit niedrigen Bäumen bedecktes Waldstück. Tatsächlich grast hier eine kleine Herde brauner Pferde friedlich zwischen den Büschen. Fohlen betrachten uns neugierig und würden sicher gerne herkommen und mit uns herumalbern, wenn sie nicht von ihren Eltern gelernt hätten, diesen zweibeinigen bunten Wesen gegenüber vorsichtig zu sein. Jeden Augenblick erwarte ich, das Fury aus dem Gebüsch bricht und laut wiehernd, mit den Vorderhufen stampfend, vor mir stehen bleibt. Die Zeit drängt, unser Boot wartet und wir haben gerade noch Zeit, eine hohe Sanddüne zu besteigen, die einen weiten Ausblick über die karge, wilde Landschaft gewährt.

In rasender Fahrt geht‘s zurück durch ein einsames Ukrainerdorf mit herrlichen grellbunten Häusern in weiß, blau und grün und sorgfältig bestellten Hofgärten, die von der tiefstehenden Sonne in ein mildes Licht getaucht werden. Unser Fährmann bringt uns dann wieder sicher zurück nach Sulina, bevor die schwindenden Sonnenstrahlen einen weiteren, wundersamen Tag  zu Ende gehen lassen. Übrigens: Deutschland gegen Italien endet 2:1 für Italien. Hans und ich stellen übereinstimmend fest. Wir (Wahl-)Italiener waren schlicht besser, Mafia hin oder her!





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