Von Silistra ins Delta

Aufzeichnungen von einer Radtour an der Unteren Donau (Teil I)

Freitag, 21. September 2012

Da schlägt das Herz des Grünen freudig: Sonnentrocknende Lehmziegel, das ökologischste Baumaterial. In der Dobrudscha wird emsig gebaut.

Auch auf Donaubrücken ist kein Radlerweg abgegrenzt. Radfahrer nutzen die Nationalstraßen auf eigene Gefahr.

Die Donau, bevor sie sich deltawärts in Arme teilt.
Fotos: Markus Scheucher

Im vergangenen Sommer machten vier Schulfreunde aus Graz - Markus Scheucher, Rudolf Kogler, Johann Stritzelberger und Johann Pirmayer - Jahrgang 1950, mit dem Fahrrad eine Reise donauabwärts. Markus Scheucher, der für die Radler den Begleitwagen fuhr und die Reisechronik führte, studierte Betriebs- und Volkswirtschaft an der Universität Graz und unterrichtete bis zu seiner Pensionierung an einem Wirtschaftsgymnasium. Viele Jahre war er im Grazer Gemeinderat als engagierter Abgeordneter der Grünen tätig, einer der ersten vier Grünen in Österreich in dieser Position. Seit 2011 fungierte er als Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er überließ den Rumänienteil seiner Reiseaufzeichnungen Werner Kremm zur Bearbeitung und Veröffentlichung in der ADZ.

Sonntag 24. Juni 145 km Silistra – Konstanza

Hinter Silistra fächert sich die Donau in ein Bündel von Armen auf, die sich alle nach Norden wenden, dem Delta zu. Die Landschaft fällt, mit Weingärten bedeckt, sanft gewellt zum Fluss hin ab.  Hier verirre ich mich in ein Straßendorf. Es ist alles fürchterlich und ähnlich desolat wie drüben in Bulgarien, aber, obwohl Sonntag, herrscht geschäftiges Treiben. Überall wird gebaggert, gegraben, geschaufelt und verändert. Niemand behelligt mich in irgendeiner Weise, sich wohl über den sonderbaren Fremden wundernd. Im Kloster Dervent mache ich es mir im Klostergarten gemütlich und lausche den gregorianischen Chorälen, die aus einem Lautsprecher klingen.

Rumänien war von Beginn an ein Völker- und Kulturenmix. Beeindruckende Skulpturen zeugen von hochentwickelten Kulturleistungen schon vor mehr als 8000 Jahren. Das erste und zweite Dakerreich vor und nach dem Beginn unserer Zeitrechnung prägten diese Regionen gesellschaftlich und politisch. Mit Einmarsch der Legionen kamen auch die Schiffe und der Handel und griechisch-römisches Gedankengut ins Land und befruchteten die vorhandene Kultur. Kleinstaaterei und Clandenken machten das Land im Mittelalter zum Spielball der angrenzenden ungarischen, byzantinischen, österreichischen, osmanischen und russischen Mächte und führten zu seinem Niedergang. Aber selbst die größenwahnsinnigen Eskapaden Ceauşescus konnten den unbändigen Lebenswillen dieses Volkes bloß dämpfen, nicht brechen.

Wir begegnen auch hier relativ wenigen Radtouristen, eigentlich nur ein paar Exoten. Es liegt nicht zuletzt daran, dass der Donauradweg E6 in Rumänien häufig auf den Hauptverkehrsrouten mit Schwer- und Pkw-Verkehr liegt. Das macht es gefährlich, hier mit dem Rad zu fahren. Dabei sollte dieser sanften Tourismusform viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden – etwa durch den Bau von mehr  abgetrennten Fahrradstreifen und einer Versorgungsinfrastruktur mit Standln, Pensionen für die Übernachtung usw.  Besonders vermissen wir in Rumänien entsprechende Beschilderungen.
Meine Freunde fahren heute insgesamt  52 km. Das Wetter ist gnädiger, die Hitze etwas gebrochen und in den Tälern ist es sogar kühler. Auf halber Strecke versorge ich sie mit Jause und Getränken, die ich vorausfahrend in einem kleinen Dorf erstehe. Wir picknicken unter einem Baum irgendwo im Niemandsland. Auch so ein Punkt: Radwanderer aller Länder würden sich über mehr befestigte Rastplätze entlang der Radwege freuen, die zum Pausieren und Genießen einladen – und schließlich sollte ja auch das am Vortag Verzehrte und Getrunkene irgendwo geordnet „entsorgt“ werden können.
Wie endet der Abend? Genau, bei Essen und Trinken und England gegen  Italien. Allerdings, die Verlängerung lasse ich wegen Müdigkeit ausfallen.

Montag 25. Juni  170 km Konstanza - Jurilovca

Ich sitze noch auf der Hotelterrasse in Konstanza/Constanţa vor der Morgenkulisse des Schwarzen Meeres, Marea Neagră, wie die Rumänen es nennen, genieße die leichte Brise und hänge meinen Gedanken nach. Die Jungs sind nach Jurilovca aufgebrochen, der vorletzten Radetappe, diesmal entlang des Meeres. Am blauen Horizont ziehen Schiffe aus vielen Ländern vorüber. Aus dem Restaurantlautsprecher erklingt Musik von Tina Turner, Moody Blues,  Falco, Jennifer Rush mit „Power of Love“ und vor allem John Lenons „Imagine“. „Stell dir vor, es gibt keine Kriege mehr, keinen Himmel und keine Hölle und alle Menschen leben in Frieden..“  Eine immer noch klare weltpolitische Ansage, auch nach 50 Jahren. „Du sagst vielleicht, ich sei nur ein Träumer ... aber ich bin nicht der einzige!“ Danke, John, wir hören dich... und deine Lieder brauchen wir immer noch.

Ich streife durch die Straßen der Stadt und den Hafen Tomis, wie die Römer Konstanza nannten, sehe die Statue Ovids, des großen römischen Poeten und Denkers. Er hätte die Beatles Songs sicher gemocht. Passagen aus seinen „Metamorphosen“ gehen mir durch den Kopf, wo er die Natur der Dinge und die Natur des Menschen beschreibt. „ …Die Götter gaben erhabnes Gesicht dem Menschen und ließen ihn schauen den Himmel und richten empor zu den Sternen gewendet das Antlitz …“ Der Besuch des archäologischen Museums erweist sich als Hit. Die Fülle von Gegenständen ist schier unglaublich,  die von der Steinzeit über die Bronze- und Eisenzeit und natürlich über das Mittelalter bis in die Neuzeit reichen. Sehr viele sehr alte Artefakte sind aus purem Gold. Die Beschriftungen sind manchmal auch auf Deutsch oder zumindest Englisch oder Französisch. Fasziniert hat mich die stattliche Anzahl von Weiblichkeitssymbolen und Figuren aus dem Neolithikum, die auf eine lange Epoche der Menschheitsentwicklung vor dem Aufkommen des Patriarchats verweisen. Viele Gebäude zeugen von einer großen Vergangenheit und sind auch entsprechend renovierungsbedürftig. Wie das bezahlt werden soll, weiß sicher noch niemand. Beim Verlassen Konstanzas in Richtung Mamaia beschließe ich kurzerhand, einen Badestopp einzulegen. Ein Durchgang zum Strand zwischen zwei  riesigen Hotelanlagen gibt den Blick auf die gesamte Baderegion frei, kilometerlang nach Norden und Süden wird sie genutzt. Hier könnten sich Tausende aufhalten, aber es sind nur wenige Menschen zu sehen. Ich hoffe, dass dieser Tag für die diesjährige Saison nicht typisch ist, sonst schaut’s für dieses Jahr schlecht aus.

Die Jungs haben inzwischen die 1.000 Kilometer Marke durchbrochen und begießen das auch gebührend. Das soll ihnen in ihrem Alter einmal jemand nachmachen! Allein die heutige Etappe beträgt 100 Kilometer. Es gelingt mir weder, eine Flasche Sekt aufzutreiben, noch einen Musikanten. Schande! Beim Durchqueren der Ortschaften fallen mir die deutlichen Unterschiede zu den bisher gesehenen auf. Es gibt asphaltierte, ebene Gehsteige, die Vorgärten sind gepflegt und oft mit Blumen bepflanzt und die Häuser sind auffallend schön gestaltet und gestrichen. Jurilovca, unser heutiges Ziel, ist überhaupt das Schmuckstück der Region. Hier spürt man so etwas wie Wohlstand. So sollten und könnten alle rumänischen Dörfer aussehen. Dass es möglich ist, zeigt diese Gegend.

Für heute konnte ich nur ein bescheidenes Häuschen organisieren. Simiu und seine Frau beherbergen und bewirten uns. Es ist noch relativ früh und so beschließe ich, den Jungs mit meinem Radl einige Kilometer entgegenzufahren. Die Route verläuft auf einer Überlandstraße, aber hier befindet sich rechts und links ein markierter Begrenzungsstreifen, breit genug zum Entlangfahren in Sicherheit. Der Wels, den wir später zum Abendessen erhalten, strotzt vor Fett und lässt sich nur an die Haustiere verfüttern. Der exzellente Hauswein allerdings entschädigt uns dafür. Wir sprechen ihm sehr heftig zu, was bei mir zumindest bemerkenswerte Nahtoderfahrungen erzeugt. Über den Inhalt der zweifellos tiefschürfenden Männergespräche lässt sich wenig Zusammenhängendes berichten.

Dienstag, 26. Juni 56 km Jurilovca – Tulcea

Katermorgen. Die Katze von gestern Abend  ist irritiert  über unser Aussehen. Kein Wunder, wir erkennen uns ja selber kaum. Der Haushund ist nirgends. Er liegt wahrscheinlich  mit einer Gallenkolik darnieder. Die Abfahrt verzögert sich, obwohl wir von unserem Hauswirt früh genug geweckt werden. Schließlich schwingen sich die österreichischen Ritter der rumänischen Radwege auf ihre Sättel. Diese letzte Etappe verlangt den Jungs noch einmal alles ab. Das Wetter schlägt innerhalb kurzer Zeit um. Auf die Hitze beim Wegfahren folgt kühler, zum Teil heftiger Gegenwind und schließlich beginnt es zu regnen.

Die Dobrudscha ist extrem fruchtbar und auf endlosen, ebenen Feldern wird da und dort schon geerntet, teils händisch, in großen Gruppen, teils maschinell. Hier befinden sich auch gigantische Windparks. Mit allem hätte ich in Rumänien gerechnet, damit aber nicht. Aber so widersprüchlich ist dieses Land, schreiende Rückständigkeit und moderne Technologie, alles durcheinander. Da und dort unterstreichen Hinweistafeln zu Ausgrabungsstätten und Festungsruinen das hohe Alter dieses Kulturraums.

Ich habe noch nichts oder wenig über die Frauen berichtet. Natürlich bemerken wir sie, dafür sorgt schon die männliche Biologie. Wir sind Ungarinnen, Kroatinnen, Serbinnen, Bulgarinnen und Rumäninnen begegnet. Älteren und jüngeren, vom Leben gebeugten und aufrecht schreitenden, fröhlichen und traurigen, geschäftigen und ruhenden - alle strahlten eine von tiefem Lebensverständnis geprägte innere Kraft und starke Weiblichkeit aus. Wir haben ihre Anmut, ihren Liebreiz wohltuend wahr- und angenommen, uns davon berühren lassen. Gestützt auf die Kraft ihrer Frauen könnten sich die Männer dieser Regionen ihrer eigenen Würde stärker bewusst werden und der Kraft, derer sie bedürfen, angesichts der Entwicklungsaufgaben, vor denen all diese großartigen Länder stehen. Jeder Teil, männlich und weiblich,  repräsentiert eine Hälfte des Himmels. Nur gemeinsam wird daraus ein ganzer.

Beim Überfahren von Hügelkämmen bieten sich immer wieder grandiose Ausblicke auf die Aulandschaften  mit ihren Mäandern und den kilometerlangen und -breiten Schilfgürteln. Die Straße endet übrigens ohne besondere  Kennzeichnung … in der Donau.

Als wir Tulcea erreichen,  genehmigen wir uns eine Pause. Dabei reflektieren die Jungs ihre Erfahrungen mit dieser Radtour. Die Essenz: „Donauradweg“ entspricht nicht den Tatsachen. Die Radrouten verlaufen teilweise weit abseits der Donau, oft auf stark befahrenen Hauptstraßen ohne Radwege und mit teils tiefen Löchern übersät. Die Beschilderung ist unzureichend und eine ausreichende Infrastruktur mit Labestationen, Rastplätzen, Toiletten gibt es nicht. Zu einem wirklich erfolgreichen Zweig des Tourismus braucht es noch einige Anstrengungen. (Fortsetzung auf der nächsten Tourismusseite)






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