Von wandernden Königinnen (III)

Orgeln aus Siebenbürgen erzählen ihr Schicksal

Freitag, 08. Mai 2015

Die Chororgel aus Rosch in Mühlbach

Die alte Meschener Orgel in Rosch

Die Orgelreste in Dobring/Dobârca
Foto: Steffen Schlandt

Wem gehören versetzte Orgeln? Wo sind Königinnen zu Hause, die aus welchen Gründen auch immer, emigriert sind? Oft zogen sie vom Dorf in die Stadt: aus Felmern nach Fogarasch/Făgăraş, aus Zied/Veseud nach Heltau/Cisnădie, aus Magarei/Pelişor nach Bukarest, aus Michelsdorf/Dumitra nach Hermannstadt/Sibiu, aus Bodendorf/Buneşti und Hahnbach/Hamba nach Kronstadt/Braşov, aus Belleschdorf/Idiciu, Zendresch/Senereuş, Denndorf/Daia, Johannisdorf/Sântioana, Werd/Vărd und Halwelagen/Hoghilag nach Klausenburg/Cluj-Napoca. Wer heute die edle Hahn Junior-Orgel in Mühlbach/Sebeş sieht, weiß oft nicht, dass dies schon ihr dritter Aufstellungsort ist. Für Meschen/Moşna erbaut, wurde sie 1874 nach Rosch/Răvăşel verkauft, wo sie eine seltsame Wohnung bezog: so wohnen Königinnen, wenn sie Pech haben!

Im Chorraum von Mühlbach, mit edlen Zinnpfeifen im Prospekt, glänzt sie nun als alte Königin und füllt den Raum mit ihrem Klang.

Neudorf/Nou bei Hermannstadt (Carl Einschenk, 1913). Ich bin eine Königin im doppelten Exil. Meine Pfeifen klingen in Şomuşca bei Bacău, meine alte barocke Schauseite wurde der Hermannstädter Philharmonie geschenkt. Von fachkundiger Tischlerhand restauriert, liegt sie vorläufig irgendwo hinter der Bühne.

Und wer hat mich zuletzt gesehen? Ich bin die Orgel aus Wolkendorf/Vulcan bei Schäßburg/Sighişoara, 1908 von Carl Einschenk erbaut. Seit 2003 fehlt von mir jede Spur! Auch wenn es hieß, ich sei nicht wertvoll und schon lange ein Wrack: wer hat mich entführt? Mich kann man nur noch auf einem historischen Foto im Internet sehen!

Von den etwa fünfzig Orgeln, die nicht mehr am Standort ihrer Erbauung stehen, haben die meisten dennoch ein besseres Schicksal: Sie sind nicht mehr alleine. Sie müssen weder Diebe noch einstürzende Gewölbe fürchten. Sie sind Marderzähnen und Taubennestern entkommen. Hat eine Königin der Instrumente keine Schutzbefohlenen mehr, keine Menschen, für die sie erklingt, dann ist Auswandern eine echte Alternative. Mancher Königin ist das zu wünschen, damit nicht ein vorzeitiger Tod sie für immer auslöscht.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 11.05 2015, 16:17
Wer sich fragt, wo die Dobringer Orgel und der ganze Rest der Kircheneinrichtung hin ist, sollte die jetzigen Bewohner der Gemeinde fragen, die heute in den ehemaligen Sachsenhäusern hausen und in den Ruinen des Pfarrhauses Karten spielen und ihre Pferde dort weiden lassen. Das traurige ist, dass sie es nicht einmal an Kunsthehler verkauft haben, sonder im Winter verheizt haben.

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